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Bayerische Staatsoper: La Cenerentola

März 13, 2014

Ich war gestern in in La Cenerentola, nicht spontan, sondern mit der für eine Vorstellung an der Bayerischen Staatsoper üblichen Vorlaufzeit. Ich wählte entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit die letzte Vorstellung der Serie.
cene
Ein Kompliment muß man der Bayerischen Staatsoper machen – sie pflegt ihre alten Produktionen, unter ihnen gerade diese Münchner Ausfertigung der Ponelle Inszenierung, die in den Theatern auf dem ganzen Kontinent gespielt wird, mit Hingebung und akurat. Viele Gaststars, vor allem als Angelina, hat die Produktion schon gesehen. Ausschlaggebend für den Erfolg der Inszenierung gerade hier bei uns ist nach meiner Meinung die präzise Umsetzung der vielen Nebenrollen, die neben hochklassigem Gesang, den man an diesem Haus voraussetzen können muss, Bedingung ist für den Erfolg. Dass vor allem die Choreographie nach den vielen Jahren noch lachmuskelwirksam funktioniert ohne je derb zu wirken, ist Kunst. Viele junge Leute im Publikum fühlten sich offenbar gut unterhalten.
Cenerentol

“Starbesetzung” hatten wir dieses Mal bei den Männerrollen. Angelina wurde von der “hauseigenen” Tara Erraught gesungen, Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, die schon vor ein paar Jahren im Cuvilliéstheater in einer Inszenierung des Opernstudios durch Arpad Schilling in dieser Rolle überzeugte. Meine Befürchtungen zu Beginn, als ich Tara Erraught in Parlandoszenen auf meinem Platz in der ersten Reihe des 3.Ranges nicht hörte, bestätigten sich nicht. Ich führe das im Nachhinein auf das höllische Tempo zurück, das Maestro Riccardo Frizza (mit roter Krawatte) vorlegte. Sie sang die Angelina ganz vorzüglich, saubere Koloraturen, gute Präsentation. Alles gut.
Cenerentola
Irgendwie überbesetzt, natürlich fabelhaft, Alex Esposito als Alidoro. Auf Augenhöhe mit dem Ramiro von Lawrence Brownlee, einem großartiger Rossini Tenor, bei dem mir vor allem die kultivierte Führung der Stimme imponiert. Alle Höhen selbstverständlich vorhanden. Auch wenn meine Begeisterung meiner Sitznachbarin nicht passte, die JDF in Pesaro vorzog. Sie hatte vermutlich übersehen, daß sie sich in München und nicht in Pesaro befand.

Hinreissend komödiantisch die beiden Schnepfenschwestern Clorinda und Tisbe, dargestellt von Eri Nakamura und Paola Gardina. Gutgelaunt verließ ich das Haus mit dem Gefühl, einen rundum stimmigen Abend erlebt zu haben. Repertoire at its best.

La Cenerentola
12. März 2014
Musikalische Leitung Riccardo Frizza
Inszenierung Jean-Pierre Ponnelle
Bühne und Kostüme Jean-Pierre Ponnelle

Don Ramiro Lawrence Brownlee
Dandini Riccardo Novaro
Don Magnifico Paolo Bordogna
Clorinda Eri Nakamura
Tisbe Paola Gardina
Angelina (Cenerentola) Tara Erraught
Alidoro Alex Esposito

Bilder (c) Bayerische Staatsoper

Metropolitan Opera: Rusalka

März 1, 2014

Mein Ausflug nach New York galt nicht primär der Metropolitan Opera, begann aber dort mit einer Opernvorstellung, für die ich ganz sicher nicht extra angereist wäre, die Uralt Rusalka Produktion der (geliebten) Uralt Garde Otto Schenk/Günther Schneider-Siemssen/Sylvia Strahammer.

Hat man sich allerdings auf die Art der Inszenierung (fast nach Dekaden wieder)eingelassen, was ich tat, erlebte man eine märchenhafte Geschichte mit einem herzzerreissenden Ende.
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Im liebevoll ausgestatteten, naturalistischen Ambiente von Schneider-Siemssens Bühne verkörperte Renée Fleming Rusalka mit anmutigem Spiel. Die jugendliche Nixe nimmt man ihr jederzeit ab. Stimmlich gibt sie Hundert Prozent und mehr, singt mit jugendlichem Schmelz, ohne jeglichen von mir früher bemängelten säuerlichen Unterton. Hinreissend! Man sagt, es sei dies ihr Abschied von der Rusalka gewesen. Muß nicht sein.

Der Prinz ist für mich eine von Piotr Beczalas besten Rollen, in der er die Perfektion seiner Technik und das Spektrum seiner Stimme ausspielen kann. Der Charakter des Prinzen ist vielgestaltig. Vom balzenden Jäger über den enttäuschten Liebhaber zum Duca-ähnlichen Opportunisten ist ein beachtlicher Bogen, der zu einem kathartischen Ende führt, des Prinzen Tod. Piotr Beczala fügte sich in das Rusalka Märchen darstellerisch gut ein, möglicherweise entspricht die Produktion seinen Erwartung an eine Inszenierung. Der kleine Kickser der Kinoübertragung wiederholte sich in der von mir besuchten Vorstellung nicht. Die Todesszene empfand ich als herzzerreissend gesungen.
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Emily Magee gab ihr Met Debüt in der Rolle der Fremden Fürstin, die sie respektabel verkörperte, wiewohl ich eine andere Rolle für angemessener für diese ausgezeichnete Sängerin gehalten hätte.

Dolora Zajick gab eine durchschlagkräftige Ježibaba.

Gut gefiel mir auch John Relyea als Wassermann, vor allem stimmlich, optisch ist der Wassermann natürlich das größte Relikt aus vergangenen Regiezeiten. Leider vorenthält die Met den Besuchern die Namen mancher Nebendarsteller; Rusalkas zwei Schwesternymphen spielten entzückend und sangen gut.

Eine wirklich gelungene Neuinstudierung einer vielleicht doch erhaltenswerten Produktion.

Rusalka
Antonín Dvořák
14. Februar 2014

Besetzung

Musikalische Leitung: Paul Nadler
Rusalka: Renée Fleming
Foreign Princess: Emily Magee
Ježibaba: Dolora Zajick
Prince: Piotr Beczala
Water Sprite: John Relyea

Produktion: Otto Schenk
Set Designer: Günther Schneider-Siemssen
Kostüme: Sylvia Strahammer
Licht Designer: Gil Wechsler
Choreographer: Carmen de Lavallade


Production photos for Rusalka by Ken Howard/Metropolitan Opera

Metropolitan Opera: Werther

Februar 21, 2014

Im Winter, der in München kein Winter war, ergab sich die Gelegenheit einer Kurzreise nach New York, und wie es der Zufall wollte, bot auch die Met ein attraktives Programm an aufeinanderfolgenden Tagen. Der Zufall wollte es auch, daß ich den Winter nicht nur auf der Bühne antraf, sondern Kälte, Schnee, Regen und Eis mit den Einheimischen teilen durfte. Ganz so hatte ich mir das nicht gedacht oder zumindest nicht erhofft.

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Das Foto zeigt den Bühnenvorhang zu Massenets “Werther”, neuinszeniert an der Metropolitan Opera und von mir am Premierenabend besucht. Es hätte ein Abend so schön wie Weihnachten werden können. Massenets wunderschönes Vorspiel, das Freud und Leid der kommenden vier Akte vorwegnimmt, wurde vom Orchester der Metropolitan Opera unter Alain Altinoglu verheißungsvoll interpretiert. Es gibt ein paar Stellen in dieser Vorspiel, die sehr anrührend sein können und so klangen sie an diesem Abend. Meine Erwartung an den Abend stieg. Der Bebilderung einer Ouvertüre, in diesem Fall die Darstellung der Vorgeschichte (Tod und Begräbnis der Mutter, der Lotte das Aufziehen der jungen Geschwister versprochen hatte), kann ich gewöhnlich nichts abgewinnen. In diesem Fall störte sie weiter nicht, war aber vermutlich selbst für das anwesende Premierenpublikum nicht nötig.

Vom Bühnenbild versprach ich mir anfangs mehr als dann tatsächlich verwirklicht wurde. Ich dachte zunächst, die verschobenen Wände im Anwesen des Amtmanns seien eine Metapher für eine durch den Tod der Frau und Mutter aus den Fugen geratene Welt. Ein Irrtum. Das Szenarium, naturalistische Nacherzählung des Librettos, hatte keinerlei tiefere Bedeutung, sondern diente rein der Illustration, aufgepeppt mit einigen Videospielereien. Einzig im letzten Akt gelingt eine Interpretation. Werther hat sich zum Sterben in eine Kammer zurückgezogen, die aus einem schlichten schuhschachtelförmigen Raum besteht, der vom Bühnenhintergrund nach vorne zur Bühnenmitte schwebt.

Bei den Kostümen hat man sich für eine für mich nicht identifizierbare Periode entschieden, vielleicht 19. Jahrhundert; dazu hätten auch die schweren düsteren Möbel in Lottes Haus gepasst. Die Kostüme der Damen waren exquisit, sehr steif. Werther agierte den ganzen Abend über im Gehrock, Albert erschien zunächst als Soldat, war aber offenbar ein höherer Militär.

Personenführung war sicherlich eine Absicht der Regie; ich habe sie auf der Bühne vergeblich gesucht. Beziehungen zwischen den Akteuren schienen nicht zu bestehen, waren möglicherweise von der Regie auch nicht beabsichtigt. Wie hätte sich vor dem Hintergrund der düsteren Möbel und steifen Kostüme auch eine Liebesgeschichte anspinnen sollen. Dann allerdings hätte man dann einen Zusammenhang herstellen müssen. So wirkte das alles etwas beliebig und reichlich unplausibel auf mich.

Bei Kaufmanns Erscheinen gab es bereits Auftrittsapplaus und eine beträchtliche, unverständliche, Unruhe im Kaufmann-kundigen Publikum. Sein Werther Interpretation wirkte darstellerisch und vokal verinnerlicht. Sehr zurückhaltend erklingt “O nature”, lange Passagen sang er mezza voce, unterstützt von Altinoglu, der für Kaufmann das Tempo deutlich zurücknahm, obwohl ansonsten recht flott aber immer durchhörbar mit dem Orchester unterwegs. Erst bei “Pourquoi me réveiller” “erwacht” Kaufmanns Werther, nicht unschlüssig für mich darstellerisch und betörend gesungen. Mir war von vorneherein klar, daß Kaufmann die Sterbeszene gut machen würde und so war es dann auch.

Ich durfte Sophie Koch schon mehrere Male als Sophie und in anderen Rollen erleben, schätze sie auch als Charlotte und wage zu sagen, daß sie an diesem Premierenabend nicht in ihrer besten stimmlichen Verfassung aufgetreten ist. Ihre Diktion war quasi unverständlich, was mir nicht allzuviel ausmachen würde, weil ich die Oper kenne; in der großen Briefszene jedoch war die Stimme scharf, lärmend, an der Grenze. Auch wenn die Szene große Emotion verlangt und Aufruhr im Ausdruck – das klang nicht gut und es berührte nicht.

Die Nebenrollen waren gut besetzt. David Bižic, den ich nicht kannte, sang einen soliden Albert. Lisette Oropresa glänzte als Sophie, scheint mir aber der Rolle stimmlich wie darstellerisch entwachsen zu sein.

Dem Orchester der Met unter Alain Altinoglu konnte ich sehr viel abgewinnen. Ich bemerkte mehrmals, daß ich mehr auf das Orchester hörte als auf das, was von der Bühne kam. Im Grunde hörte ich im Orchesterspiel das, was die Bühne nicht leistete.

Die Produktion des Herrn Eyre, dessen Name ich mir nicht merken werde, ließ mich emotional völlig kalt, was auch an den Umständen gelegen haben mag. Nicht nur war der Geräuschpegel beträchtlich in meiner unmittelbaren Sitznachbarschaft, beim “Il faut nous séparer” des ersten Aktes klingelte bezeichnender Weise ein Handy, vielleicht doch eine Regieidee: “Lottes Trennungs-sms”; mit Applaus an den falschen Stellen muß man ohnehin rechnen. Nie wieder gehe ich in eine Premiere an der Met, das nehme ich jedenfalls als Lehre mit nach Hause.

Trotz eines für mich nicht rundum beglückenden Abends mit der mir persönlich liebsten französischen Oper bleibt die erfreuliche Erinnerung an Jonas Kaufmanns ausgezeichneten Werther, den er als depressiven, in sich gekehrten jungen Mann glaubhaft charakterisiert und an das fantastische Met Orchester.

Werther, Premiere 18. Jan. 2014
Jules Massenet
Metropolitan Opera, New York

Musikalische Leitung: Alain Altinoglu
Sophie: Lisette Oropesa
Charlotte: Sophie Koch
Werther: Jonas Kaufmann
Albert: David Bižic
La Bailli: Jonathan Summers

Leading Team:
Produktion: Richard Eyre
Bühne und Kostüme: Rob Howell
Licht Designer: Peter Mumford
Video Designer: Wendall Harrington
Choreographie: Sara Erde

Forza, 2. Januar 2013, eingesprungen

Januar 2, 2014

Es wurde heute weniger gesprungen, von Tischen, als vom Regisseur ursprünglich vorgesehen. Dafür würde eindrucksvoll eingesprungen, von Zoran Todorovich, als Alvaro.

Jonas Kaufmann,  im Heimateinsatz als Alvaro, muss bei einem Haus voller Kinder in solcher Jahreszeit mit Eventualitäten rechnen, liegt also mit HustenSchnupfenusw darnieder. Offenbar erfolgt die Absage der heutigen Vorstellung extrem kurzfristig, und Zoran Todorovich, Münchner Operngängern als Pollione bestens bekannt, sprang ein.

Eine tiefgehende Analyse der Vorstellung des Einspringer erübrigt sich unter den Bedingungen von vorneherein. Aufgrund meiner mehrfachen Erfahrung mit Todorovich als Pollione erschien mir die Besetzung allerdings mit Umsicht vorgenommen. Typ passt, Höhe sollte auch da sein. Nicht nur das mühelos erscheinende Einklinken in die Rolle überraschte mich dann doch, sondern daß Zoltan Todorovic vor allem nach der Pause auch noch Gestaltungswillen  aufbrachte, zeigte Professionalität. Auf jeden Fall ist Zoran Todorovich nach meiner Einschätzung eine Alternative bei eventuellem längerem Ausfall von Jonas Kaufmann.

Große Füße für große Schuhe, sage ich da nur. Anja Harteros dankte mit einer spontanen Umarmung. das Publikum mit großem Applaus.

 

Ein Wort noch zu Nadia Krasteva, die in meiner Premierenkritik und nicht nur in meiner wenig gut weggekommen ist. Offenbar war sie nicht ganz genesen nach einer vorhergehenden Erkrankung, ließ sich aber bei der Premiere nicht ansagen. Schon in der Vorstellung am 28. Dezember 2013 wie auch heute zeigte sie eine stimmlich völlig andere Preziosilla, ohne Registerprobleme, die großen, völlig verdienten Applaus erhielt.

La forza del destino

Bayerische Staatsoper 2. Januar 2013

Besetzung

l Marchese di Calatrava / Padre Guardiano Vitalij Kowaljow
Donna Leonora Anja Harteros
Don Carlo di Vargas Ludovic Tézier
Don Alvaro Zoran Todorovich
Preziosilla Nadia Krasteva
Fra Melitone Renato Girolami
Curra Heike Grötzinger
Un alcade Christian Rieger
Mastro Trabuco Francesco Petrozzi
Un chirurgo Rafał Pawnuk

Silvester in der Bayerischen Staatsoper

Dezember 31, 2013

Zwei Debütanten und ein alter Hase auf der La Traviata Bühne. Die beiden ersteren hätten eine oder mehr Orchesterproben wohl verdient gehabt und dem alten Hasen hätten sie nicht geschadet. So bleibt ein schaler Nachgeschmack nach einer mit Vorschusslorbeeren bedachten Silvestervorstellung von La Traviata, die in diesem Jahr erstmals an die Stelle der althergebrachten Fledermaus trat und auf die ich mich, ehrlich, freute.

Erstmal donnerte das festlich gestimmte Publikum einen Applaus vor das “Sempre Libera” in Violettas Szene im ersten Akt, was die Sängerin nicht beflügelte sondern vermutlich eher irritierte, mit Auswirkungen auf den Sempre Libera Teil, die ich besser nicht vertiefe. Ailyn Pérez’ Pianokultur und das wirklich schöne Timbre ließ auf einen guten weiteren Verlauf hoffen. Ivan Magri, ebenfalls Debütant an der Bayerischen Staatsoper und eingesprungen für Castronovo, machte seine Sache ordentlich, könnte vielleicht bis zur nächsten Vorstellung am 3. Januar verinnerlichen, daß in München Tenöre in der Regel nicht ans Kreuz genagelt werden, noch nicht mal die Alfredos, seine Arme dürfen also durchaus auch mal hängen.

Die Wahl der Tempi war offenbar zur Feier des Tages freigegeben, wovon die beiden Debütanten reichlich Gebrauch machten. Paolo Carignani, absolut kein Verdi-Newbie, mühte sich redlich, biß sich allerdings an Père Germont Thomas Hampson fast die Zähne aus. Letztlich obsiegte der Dirigent und Thomas Hampson war dann doch gut als Germont.

Daß das dankbare Publikum nach Violettas “È strano” heftig applaudierte, war zu erwarten. War auch wirklich schön gesungen und wie jeder weiß, stirbt sie am Ende ja auch nicht in echt.

Bleibt als Fazit des Silvesterabend-Auftakts: Das Beste war der Chor. Ansonsten gab es heute nicht mehr als eine ordentliche Repertoirevorstellung, keine Rechtfertigung erhöhter Preise.
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Mein “Best of 2013″

Dezember 26, 2013

Viel habe ich gesehen und gehört im zu Ende gehenden Jahr, nur selten habe ich aus den unterschiedlichsten Gründen darüber geschrieben. Deshalb gibt es in diesem Jahr ein “Best of” und das auch etwas weiter gefasst als üblich. Die folgende Übersicht enthält Abende, die mich in ihrer Gesamtheit uneingeschränkt oder zumindest überwiegend beeindruckt haben. Ich beschränke mich dabei nicht nur auf Opernbesuche – es findet sich sogar eine Sprechtheater-Aufführung in meiner Liste.
Um künstlerische Einzelleistungen zu würdigen, die mich im vergangenen Jahr begeistert haben, wird eine weitere Aufstellung “Best of 2013″ erforderlich sein. Daß es sich dabei überwiegend um Sänger handeln wird, versteht sich von selbst.

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Bayerische Staatsoper: La forza del destino

Dezember 23, 2013

Für die Darstellung von Krieg, Nachkriegswehen, Zerstörungsszenarien braucht Martin Kušej nicht viel; vor allem braucht er immer dasselbe. Einen Bewegungschor, Jucken und Kratzen, Blut, ein paar hektische Statisten. So weit so gut, das hatten wir doch schon öfter. Plastikflaschen kamen hinzu, aus denen ausschweifend getrunken wurde. Auch das hatten wir schon. Meine Befürchtung, es würde in wildem Bühnenbieseln enden, bewahrheitete sich indes nicht.

Es wurde kolportiert, daß Kušej die Geschichte als eine Art Rückschau Leonoras interpretiert sehen wollte, was er anhand der sorgfältigen Bebilderung der langen Ouvertüre einleitete. Dort sitzt eine verstört anmutende Leonora im Kreise der Familie beim Abendbrot am Riesentisch und stochert in ihrem Teller. Der Hausgeistliche sitzt am Tisch, die bewaffneten Leibwächter stehen – so ist das bei Familie Mafia. Ein “Mulatte” wie Alvaro hätte da nicht hin gepasst, die Sippe musste “rein” bleiben. Wäre nicht der Padrone durch einen unglücklichen Unfall ums Leben gekommen, hätte Leonoras Bruder Carlo kein Rachemotiv gehabt, wäre man Leonores Geliebten Alvaro eben auf andere Weise losgeworden.

Den Ansatz der Rückschau finde ich ganz interessant, durchgezogen wird er allerdings nicht, zumindest nicht augenfällig. Einzige Konstante ist ein Esstisch, auf dem oder unter dem sich die zentralen Momente der Oper abspielen. Und möglicherweise die Assoziation des Padre Giordano mit Leonoras Vater Calatrava. Als der am Ende erscheint, ist Leonora allerdings schon tot. Wenig schlüssig also aus meiner Sicht.

Ein ähnlich biederes Bühnen-Idyll wie das Cavatra-Zimmer aus dem ersten Akt wiederholt sich im zweiten Akt als Leonora in Verkleidung Aufnahme bei Padre Giordano sucht nachdem sie und Alvaro sich auf der Flucht vor Carlos Verfolgung verloren hatten. Eine Atmosphäre wie in einem evangelischen Gemeindehaus oder einem katholischen Refektorium. Gummibaum. Resopal-Faltwand. Der Tisch davor. Ganz so harmlos ist die Sache aber nicht. Nach ihrer Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft wird Leonora erst einmal bis zur Bewußtlosigkeit “getauft”. Meine Interpretation: Leonora kann nicht anders, sie begibt sich von einer Abhängigkeit oder Fessel in die andere.

Alvaro und Carlo sind unter fremdem Namen in eine Armee eingetreten. Sie wissen nicht voneinander. Bis sie sich treffen. Auf dem Tisch versteht sich. Der Kriegschauplatz hat Ähnlichkeit mit dem WTC, ein Querschnitt des zerstörten Gebäudes bildet die hintere Bühnenbegrenzung, Aktionen erinnern an Abu Ghraib. Es wird ein religiös motivierter Krieg suggeriert.

Auf dem allgegenwärtigen Esstisch beschwört Leonora zu Beginn das Kreuz, auf ihm besiegeln Don Carlo und der verwundete Alvaro nun ewige Soldatenfreundschaft, auf ihm schwört Carlo Rache als er Alvaros wahre Identität entdeckt, auf dem Tisch kopulieren Soldatenhorden und darauf ersticht Alvaro Don Carlo, der im letzten Atemzug seine Schwester Leonora ermordet. Eine Ehrensache.

Interessant fand ich, wie unterschiedlich Leonora und Alvaro sich in ihr vermeintliches Schicksal ergeben. Beide suchen Zuflucht im Glauben. Während Alvaro gehen lässt, seine Identität aufzugeben scheint, lebt Leonora in der Eremitage selbstbestimmter und selbstbewusster, wie mir scheint.

Auch wenn die Ironie meiner Beschreibung der Szene einen negativen Eindruck erweckt – dies war kein schlechter Premieren-Abend. Im Gegenteil. Die schauspielerischen und die Gesangsleistungen der Solisten und des Chores waren phänomenal gut und machten die auffallenden szenischen “Unausgewogenheiten” bei weitem wett.

Ein Wort noch zum Orchester und der musikalischen Leitung ehe ich mich vollständig der Schwelgerei über die Gesangsleistungen hingebe. Sie haben alles richtig gemacht und dennoch bleibt ein bitterer Geschmack wie der einer verpassten Gelegenheit. Ein Dirigat ohne Emphase und ohne Empathie führt nunmal zu Längen, die nur dank der Sänger nicht zum Gähnen verleiteten.

Es war ein guter Einfall, Vitalij Kowaljow sowohl den Marchese von Calatrava wie auch Padre Giordano singen zu lassen. So konnte er die Ausdruckskraft seiner Basstimme zur Geltung bringen, von der Eiseskälte des Marchese bis zur menschenfreundlichen, friedvollen Wärme des Pater Giordano.

Jonas Kaufmann, mal wieder im immer gleichen Outfit und diesmal merkwürdiger Frisur, warf sich voll in die Rolle des Außenseiters, spielte glaubhaft Draufgänger und Mönch. Gesanglich überzeugte er total, vielleicht manchmal mit etwas zu viel Kraft zu viel wollend bei diesem Rollendebüt, dennoch differenziert gestaltend. Der beste Verdi, den ich von ihm bisher hörte und es kann ja auch noch besser werden in den Folgevorstellungen, obwohl da so viel Raum zum besserwerden nicht mehr ist. Darstellerisch wird er ohnehin jeder bisher gesehenen Rolle gerecht.

Ich weiß, daß Ludovic Tézier Verdi singen kann, konnte ihn letztes Jahr bei den Festspielen als Posa erleben. Daß er hier in der Rolle als Don Carlo buchstäblich Furore machen würde, hatte ich so nicht auf dem Schirm. Identifikation mit der Rolle, das vollständige Zueigenmachen des Charakters, gepaart mit präzisem Spiel und stimmlicher Präsenz, zahlten sich aus und bescherten Ludovic Tézier einen Triumph.

In welcher Rolle macht Anja Harteros nicht Furore? Nun hat sie als Leonora debütiert und ich glaube, die Figur wird sie eine gute Weile begleiten. Die mädchenhafte, von der Regie fast prüde gezeichnete, Leonora des Beginns verkörpert sie ebenso selbstverständlich und sinnhaft wie die leidenschaftliche Gefährtin Alvaros oder die mutige Leonora, die den Zutritt zum Kloster erzwingt. Singt Anja Harteros, dann blüht es auf der Bühne des Nationaltheaters, die Herzen gehen auf. So einfach ist das.

Fra Melitone möchte ich hervorheben, den Renato Girolami derb und witzig verkörperte. Nadia Krasteva als Preziosilla war nicht in bester Verfassung, vielleicht wegen einer vorhergehenden Erkrankung. Ansagen ließ sie sich allerdings nicht. “Rataplan” hat sie vermurkst.

Unglaublicher Jubel für die Sänger, in der Stärke auch sehr differenziert. Deutliche Buhs für die Regie, keineswegs vom konservativen Teil der Besucher, wie gelegentlich heute zu lesen ist. Leisere Buhs für das Dirigat.

La forza del destino
Bayerische Staatsoper
Premiere am 22. Dez. 2013

Besetzung

Musikalische Leitung Asher Fisch
Inszenierung Martin Kušej
Bühne Martin Zehetgruber
Kostüme Heidi Hackl
Licht Reinhard Traub
Chöre Sören Eckhoff

Il Marchese di Calatrava / Padre Guardiano Vitalij Kowaljow
Donna Leonora Anja Harteros
Don Carlo di Vargas Ludovic Tézier
Don Alvaro Jonas Kaufmann
Preziosilla Nadia Krasteva
Fra Melitone Renato Girolami
Curra Heike Grötzinger
Un alcade Christian Rieger
Mastro Trabuco Francesco Petrozzi
Un chirurgo Rafał Pawnuk

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