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Metropolitan Opera: Werther

Februar 21, 2014

Im Winter, der in München kein Winter war, ergab sich die Gelegenheit einer Kurzreise nach New York, und wie es der Zufall wollte, bot auch die Met ein attraktives Programm an aufeinanderfolgenden Tagen. Der Zufall wollte es auch, daß ich den Winter nicht nur auf der Bühne antraf, sondern Kälte, Schnee, Regen und Eis mit den Einheimischen teilen durfte. Ganz so hatte ich mir das nicht gedacht oder zumindest nicht erhofft.

NYC 026

Das Foto zeigt den Bühnenvorhang zu Massenets „Werther“, neuinszeniert an der Metropolitan Opera und von mir am Premierenabend besucht. Es hätte ein Abend so schön wie Weihnachten werden können. Massenets wunderschönes Vorspiel, das Freud und Leid der kommenden vier Akte vorwegnimmt, wurde vom Orchester der Metropolitan Opera unter Alain Altinoglu verheißungsvoll interpretiert. Es gibt ein paar Stellen in dieser Vorspiel, die sehr anrührend sein können und so klangen sie an diesem Abend. Meine Erwartung an den Abend stieg. Der Bebilderung einer Ouvertüre, in diesem Fall die Darstellung der Vorgeschichte (Tod und Begräbnis der Mutter, der Lotte das Aufziehen der jungen Geschwister versprochen hatte), kann ich gewöhnlich nichts abgewinnen. In diesem Fall störte sie weiter nicht, war aber vermutlich selbst für das anwesende Premierenpublikum nicht nötig.

Vom Bühnenbild versprach ich mir anfangs mehr als dann tatsächlich verwirklicht wurde. Ich dachte zunächst, die verschobenen Wände im Anwesen des Amtmanns seien eine Metapher für eine durch den Tod der Frau und Mutter aus den Fugen geratene Welt. Ein Irrtum. Das Szenarium, naturalistische Nacherzählung des Librettos, hatte keinerlei tiefere Bedeutung, sondern diente rein der Illustration, aufgepeppt mit einigen Videospielereien. Einzig im letzten Akt gelingt eine Interpretation. Werther hat sich zum Sterben in eine Kammer zurückgezogen, die aus einem schlichten schuhschachtelförmigen Raum besteht, der vom Bühnenhintergrund nach vorne zur Bühnenmitte schwebt.

Bei den Kostümen hat man sich für eine für mich nicht identifizierbare Periode entschieden, vielleicht 19. Jahrhundert; dazu hätten auch die schweren düsteren Möbel in Lottes Haus gepasst. Die Kostüme der Damen waren exquisit, sehr steif. Werther agierte den ganzen Abend über im Gehrock, Albert erschien zunächst als Soldat, war aber offenbar ein höherer Militär.

Personenführung war sicherlich eine Absicht der Regie; ich habe sie auf der Bühne vergeblich gesucht. Beziehungen zwischen den Akteuren schienen nicht zu bestehen, waren möglicherweise von der Regie auch nicht beabsichtigt. Wie hätte sich vor dem Hintergrund der düsteren Möbel und steifen Kostüme auch eine Liebesgeschichte anspinnen sollen. Dann allerdings hätte man dann einen Zusammenhang herstellen müssen. So wirkte das alles etwas beliebig und reichlich unplausibel auf mich.

Bei Kaufmanns Erscheinen gab es bereits Auftrittsapplaus und eine beträchtliche, unverständliche, Unruhe im Kaufmann-kundigen Publikum. Sein Werther Interpretation wirkte darstellerisch und vokal verinnerlicht. Sehr zurückhaltend erklingt „O nature“, lange Passagen sang er mezza voce, unterstützt von Altinoglu, der für Kaufmann das Tempo deutlich zurücknahm, obwohl ansonsten recht flott aber immer durchhörbar mit dem Orchester unterwegs. Erst bei „Pourquoi me réveiller“ „erwacht“ Kaufmanns Werther, nicht unschlüssig für mich darstellerisch und betörend gesungen. Mir war von vorneherein klar, daß Kaufmann die Sterbeszene gut machen würde und so war es dann auch.

Ich durfte Sophie Koch schon mehrere Male als Sophie und in anderen Rollen erleben, schätze sie auch als Charlotte und wage zu sagen, daß sie an diesem Premierenabend nicht in ihrer besten stimmlichen Verfassung aufgetreten ist. Ihre Diktion war quasi unverständlich, was mir nicht allzuviel ausmachen würde, weil ich die Oper kenne; in der großen Briefszene jedoch war die Stimme scharf, lärmend, an der Grenze. Auch wenn die Szene große Emotion verlangt und Aufruhr im Ausdruck – das klang nicht gut und es berührte nicht.

Die Nebenrollen waren gut besetzt. David Bižic, den ich nicht kannte, sang einen soliden Albert. Lisette Oropresa glänzte als Sophie, scheint mir aber der Rolle stimmlich wie darstellerisch entwachsen zu sein.

Dem Orchester der Met unter Alain Altinoglu konnte ich sehr viel abgewinnen. Ich bemerkte mehrmals, daß ich mehr auf das Orchester hörte als auf das, was von der Bühne kam. Im Grunde hörte ich im Orchesterspiel das, was die Bühne nicht leistete.

Die Produktion des Herrn Eyre, dessen Name ich mir nicht merken werde, ließ mich emotional völlig kalt, was auch an den Umständen gelegen haben mag. Nicht nur war der Geräuschpegel beträchtlich in meiner unmittelbaren Sitznachbarschaft, beim „Il faut nous séparer“ des ersten Aktes klingelte bezeichnender Weise ein Handy, vielleicht doch eine Regieidee: „Lottes Trennungs-sms“; mit Applaus an den falschen Stellen muß man ohnehin rechnen. Nie wieder gehe ich in eine Premiere an der Met, das nehme ich jedenfalls als Lehre mit nach Hause.

Trotz eines für mich nicht rundum beglückenden Abends mit der mir persönlich liebsten französischen Oper bleibt die erfreuliche Erinnerung an Jonas Kaufmanns ausgezeichneten Werther, den er als depressiven, in sich gekehrten jungen Mann glaubhaft charakterisiert und an das fantastische Met Orchester.

Werther, Premiere 18. Jan. 2014
Jules Massenet
Metropolitan Opera, New York

Musikalische Leitung: Alain Altinoglu
Sophie: Lisette Oropesa
Charlotte: Sophie Koch
Werther: Jonas Kaufmann
Albert: David Bižic
La Bailli: Jonathan Summers

Leading Team:
Produktion: Richard Eyre
Bühne und Kostüme: Rob Howell
Licht Designer: Peter Mumford
Video Designer: Wendall Harrington
Choreographie: Sara Erde

One Comment leave one →
  1. März 12, 2014 15:48

    Hallo Operasora,

    ich habe gerade Ihren Blogeintrag zu der Google-Aktion gelesen, die befremdlich auf mich wirkt. Ich habe keine Ahnung, werde mich aber informieren, inwieweit amerikanisches Urheberrecht auf deutsche, private Blogs anzuwenden ist. Wenn es nicht mehr erlaubt sein sollte, berechtigte Kritik, selbst wenn diese immer subjektiv ist, an einer Darbietung zu äussern, kann man Musik/Theater-Blogs genauso gut verbieten.

    Mein eigener Blog gibt meine persönliche Meinung wieder; für mich persönlich heisst das aber nicht, daß ich negative Eindrücke gleich krass wiedergebe wie ich sie während einer Vorstellung möglicherweise empfinde. Eher verzichte ich derzeit einen Vorstellungsbericht. Über positive Eindrücke berichte ich dagegen ohne Zurückhaltung.

    Ich hoffe, Ihre Angelegenheit wird letztlich fair ausgehen.

    Viele Grüße
    rossignol

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