Skip to content

Richard Wagner: Tannhäuser

April 3, 2015

Die letztjährige Premiere von Sascha Waltz‘ Inszenierung von Richard Wagners Tannhäuser zu den Festwochen 2014 in Berlin fand ich vor allem aus musikalischer Sicht begeisternd, die szenästeische Umsetzung nicht misslungen, und so habe ich mir die Wiederaufnahme in diesem Jahr nicht entgehen lassen, animiert vor allem neben der Staatskapelle und Daniel Barenboim durch die Besetzung, in diesem Fall vor allem die des Wolfram.

Tannhäuser 1Akt.php
Alle Fotos c Bernd Uhlig/Staatsoper Berlin
Sascha Waltz Inszenierung setzt vor allem auf ästhetische Eindrücke. Hierzu setzt sie ihre Tänzer als eine Art Bewegungschor ein, welche die Protagonisten erklärend begleiten und unterstützen. Personenregie findet nur eingeschränkt statt, vor allem Wolfram wird stark gezeichnet, aber auch Elisabeth.

Der Venusberg-Akt spielt vollständig in einer umgelegten KitchenAid-ähnlichen Form, eine Venusberg-Höhle, aus deren Boden das Lottervolk in das Innere drängt und dort allerhand akrobatische Körperformationen bildet. Auch Venus und Tannhäuser betreten durch diesen Eingang die Schüssel, rutschen, geleitet und gestützt durch die Sänger, darin herum. Während Marina Prudenskayas Stimme etwas unschön in dieser besonderen Form verhallt, tut sich Peter Seiffert auch körperlich sichtlich schwer, was sich deutlich auf seine Vortragsqualität auswirkt. Man hätte hier besser eine Aktionsform gewählt, die den Sängern eine bessere Vortragsweise ermöglicht hätte. So war der Venusberg-Akt zwar visuell stark, vokal allerdings der schwächere Teil des Abends.

Das Bühnenbild des zweiten Aufzuges ist angelehnt an die Ausstattung des Auditorium des Schillertheaters, mit Reihen brauner vertikaler Holzstäbe, die nach Bedarf umgeformt werden. Der Einzug der Gäste wird wiederum begleitet von einer Reihe von Tänzern und Pantomimen. Nun weiß ich nicht, ob Sascha Waltz bei der Zusammenstellung der Paare den Gedanken hatte, der mir beim Betrachten der doch reichlich bigotten Wartburg-Gesellschaft kam. Während die Sänger in eleganten Roben wie üblich einliefen, befanden sich unter der Tänzergesellschaft geradezu zeitkritische Konstellationen: gleichgeschlechtliche Paare, Männer und Frauen, Pare mit großem Altersunterschied, Paare mit extremem Größenunterschied z.B. große Frau und kleiner Mann etc. . Vermutlich gab es dafür tatsächlich nur visuelle Gründe, denn sonst hätte man den Ausgang des zweiten Aktes in Frage stellen müssen. Wolfram von Eschenbach entpuppt sich in diesem Akt keineswegs als der passiv leidende Freund. Er scheint ein verklemmtes Individuum zu sein, zerfressen vor Eifersucht auf Tannhäuser, dem Elisabeth sich sofort wieder zuwendet. Von Wolframs Verehrung für Elisabeth weiss diese vermutlich gar nichts.

Tannhäuser Akt2.php

Beim letzten Akt ist die Bühne fast leer. Nacht ist es und nebelig. Elisabeth zieht ihre Schuhe aus und betet. Wolfram folgt ihr, drückt die Schuhe der Angebeteten an sich und singt den Abendstern an. Den Rest kennt man. Die Pilger kehren zurück ohne Tannhäuser, teileweise händeringend in Anbetung, andere Gruppen Derwischen gleich in Ektase. Tannhäuser kehrt aus Rom zurück, nicht entsündigt (er hat einfach zu früh gelebt, Tannhäuser hätte den jetzigen Papst aufsuchen sollen) und will in den Venusberg zurück.

Tannhäuser Akt3.php

Mit Ausnahmen der ausstattungs-bedingten Beeinträchtigung im Venusberg war Peter Seiffert ein leidenschaftlicher Tannhäuser, dem meine uneingeschränkte Bewunderung gehört. Ohne Rücksicht auf Verluste warf er sich in die Erbarm‘ dich mein Rufe des zweiten Aktes, „Inbrunst im Herzen“ sang er die Romerzählung, dabei textsicher, textverständlich und absolut meisterhaft in seiner Intonation. Übertroffen wurde er in der Interpretation der Rolle, dem Rollenverständnis und der Umsetzung, an diesem Abend nur von Christian Gerhaher, der mich immer wieder überrascht mit seiner darstellerischen Bühnenpräsenz. Einerseits hat man den Eindruck, er spielt immer nur Gerhaher, andererseits trifft er den Charakter seiner Rolle so präzise, wie man ihn sich nur wünschen kann. Dazu der liedhafte, fein phrasierte Gesang in Abstufungen von Trauer bis Wut – meisterhaft.
Ann Petersen sang wie schon im Vorjahr die Elisabeth, die mit der Hallenarie sicher an die Grenzen ihrer Stimme reichte, das Gebet aber sehr anrührend und innig gestaltet hat. Auch darstellerisch überzeugte sie. Zum Landgrafen, den Kwangchul Youn zuverlässig orgelte, ist Sascha Waltz darstellerisch nichts eingefallen. Die weiteren Protagonisten mag man der Besetzungsliste entnehmen. Ihr Singen war dem Anlass angemessen.

Der Rest ist Daniel Barenboim und Staatskapelle Berlin. Vom ersten Takt an schlug das Orchester einen in Bann. Auch beim Tannhäuser, wie schon beim Parsifal einige Tage zuvor, war Barenboims Tempowahl manchmal extrem langsam. Hier allerdings konnten die Sänger das Tempo mitgehen (Gerhaher), und Barenboim ließ den Spannungsbogen über alle Akte nie erschlaffen. Ein bemerkenswerter Abend, der mit echten Standing Ovations für das Orchester und Daniel Barenboim endete, der den Jubel sichtlich genoß.

Festtage Berlin 2015
Richard Wagner
Tannhäuser
Aufführung am 2.April 2015 Staatsoper im Schillertheater

• Musikalische Leitung Daniel Barenboim
• Regie Sasha Waltz
• Choreographie Sasha Waltz
• Kostüme Bernd Skodzig
• Bühnenbild Pia Maier Schriever Sasha Waltz
• Licht David Finn
• Chor Martin Wright
• Dramaturgie Jens Schroth

• Hermann, Landgraf von Thüringen Kwangchul Youn
• Tannhäuser Peter Seiffert
• Wolfram von Eschenbach Christian Gerhaher
• Walther von der Vogelweide Peter Sonn
• Biterolf Tobias Schabel
• Heinrich der Schreiber Florian Hoffmann
• Reinmar von Zweter Jan Martiník
• Venus Marina Prudenskaya
• Elisabeth, Nichte des Landgrafen Ann Petersen
• Ein junger Hirt Sónia Grané
• Tanz Sasha Waltz & Guests

No comments yet

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: