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Münchner Opernfestspiele: Guillaume Tell

Juni 30, 2014

„Wieder so eine Inszenierung, bei der die Hälfte der Zuschauer nur die halbe Bühne sieht!“ Das dachte ich mir beim Eingangsbild des Guillaume Tell, diesjährige Festspielpremiere, als eine Rudel schweizer Brautpaare im Hochzeitsgewand auf der Bühne erschien, allerdings erst erkennbar, als sie an der Rampe angekommen waren, denn den oberen schwarzen Bühnenvorhang hatte man vorsichtshalber heruntergelassen.

Die obere Bühnenverdeckung wurde später hochgezogen, und so sollte es eigentlich von meinem Platz in der ersten Reihe des seitlichen Rangs möglich gewesen sein, der Vorstellung gut zu folgen, wie eben den Hunderten von früheren Vorstellungen auch. Dem war nicht so. Und diesem Umstand verdankt das Regieteam am Ende der Vorstellung auch mein kräftiges Buh. Ich will mich nicht näher zur Inszenierung auslassen, da ich den Verdacht hege, fast nichts davon mitbekommen zu haben. Die Sänger standen zwar bei ihren Arien oder Ensembles meistens an der Rampe herum, außer Brian Hymel, der im ersten Teil an den linken Bühnenrand verbannt war und den ich in den ersten 90 Minuten zwar hörte, aber nicht zu Gesicht bekam. Der Inszenierungsrest verbarg sich hinter sich ständig (erstaunlich leise) bewegenden Metallröhren. Aus der Draufsicht war zumindest eine gewisse Chor-Choreographie zu erkennen. Vielleicht war also so etwas wie eine Werkdeutung da, die ich und viele andere mit mir nicht sehen und somit nicht würdigen konnten. Da aussergewöhnlich gut gesungen wurde, werde ich mir eine weitere Vorstellung geben und dann von einem etwas mittigeren Platz vielleicht zu einem weniger vernichtenden Urteil über die Produktion kommen.

Bryan Hymel hatte ich zwar schon einmal gehört, allerdings hatte sich mir die Stimme nicht eingeprägt. Als Arnold fand ich ihn glänzend besetzt. Vor allem im Teil vor der Pause (als Ettinger nicht so stark aufdrehte) hörte sich die Stimme leicht wie von Flügeln getragen an. Marina Rebeka hatte ich vor Jahren als Anai in Moise et Pharaon unter Riccardo Muti in sehr guter Erinnerung, während mich eine spätere Violetta nicht gerade umwarf. Als Mathilde gefiel sie mir vor allem im ersten Teil (Ettinger gemässigt), wo die elegante lyrische Tongebung zum Tragen kam. Bei Evgeniya Sotnikova überraschte mich ehrlich die Tragkraft der Stimme aus dieser kleinen Person. Ihre quirlige Jemmy hat mir gut gefallen. Michael Volle glänzte mit dem was er gut kann, etwas ausgefallene Typen darstellerisch und vokal zu charakterisieren. Sein Tell kommt nicht als Robin Hood der Schweiz, sondern aös eine schon zwiespältige, auch machtbewusste Person. Warum ihm aber dazu häufig rote Haare verpasst werden müssen? Absolut rollengerecht fand ich auch die von Jennifer Johnston gesungene Hedwige, Tells drollig biedere Ehefrau. Sängerische Schwachpunkte kann ich auch bei den kleineren Rollen, die mit Günther Groissböck als Gessler zum Beispiel zum Teil geradezu luxuriös besetzt waren, nicht vermelden.

Dan Ettinger am Pult des Bayerischen Staatsorchesters bei einer Premiere ist eine Wahl, die bei aller Sympathie für ihn nicht so recht nachzuvollziehen ist. Hat er sich jemals in München in diesem Repertoire hervorgetan? Durch was empfiehlt er sich dafür? Was spricht zum Beispiel für das Verschieben der Tell Ouvertüre auf nach dem Apfelschuß mit Ausnahme der Fiktion einer Retrospektive Jemmys, die der Mensch nicht braucht? Warum lässt er es krachen wie bei Wagner und zwingt die Sänger zu forcieren? Was rechtfertigt die vielen Striche? Nun könnte man sagen, bei der Inszenierung kann man froh sein, wenn es nicht so lange dauert. Geschenkt. Musikalisch ist der Guillaume Tell auf jeden Fall ein Gewinn für das Haus und für das Münchner Publikum, Rossini wie er eben nicht jeden Tag zu hören ist.

Guillaume Tell
Giaochino Rossini
Bayerische Staatsoper Premiere am 28. Juni 2012

Musikalische Leitung Dan Ettinger
Inszenierung Antú Romero Nunes
Bühne Florian Lösche
Kostüme Annabelle Witt
Licht Michael Bauer
Mitarbeit Inszenierung Johannes Hofmann
Produktionsdramaturgie Rainer Karlitschek
Chöre Sören Eckhoff

Guillaume Tell Michael Volle
Arnold Melcthal Bryan Hymel
Walter Furst Goran Jurić
Melcthal Christoph Stephinger
Jemmy Evgeniya Sotnikova
Gesler Günther Groissböck
Rodolphe Kevin Conners
Ruodi Enea Scala
Leuthold Christian Rieger
Mathilde Marina Rebeka
Hedwige Jennifer Johnston

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