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Karl Amadeus Hartmann: Gesangsszene

April 11, 2015

Morgen 11 Uhr Matinée im Nationaltheater München
5. Akademiekonzert der Saison 2014/15
Kirill Petrenko dirigiert das Bayerische Staatsorchester, Christian Gerhaher Solist

Zu Vorbereitung des mir unbekannten Programmteiles:

Gesangsszene für Bariton und Orchester, komponiert 1961/1963, uraufgeführt in Frankfurt 1964

Textvorlage
Jean Giraudoux – Sodom und Gomorrha

Das ist der schönste Spielbeginn, den die Zuschauer je erlebt haben!
Der Vorhang hebt sich, und vor ihren Augen steht der Oberste der Erzengel. Sie sollen ihr Glück rasch auskosten – es wird nicht lange währen. Und das Schauspiel, das dann folgt, wird vielleicht grauenvoll sein! Man sagt, daß Sodom und Gomorrha mitsamt ihrer Herrschaft bis nach Indien hin und die Macht ihres Handels und ihres Geistes über die Welt zunichte werden sollen!

Das ist nicht das Schlimmste! Und darum geht es auch gar nicht!
Andere Reiche sind zunichte geworden. Und ebenso unverhofft!

Wir alle haben Reiche stürzen sehen, und gerade die festesten und gerade diejenigen, die am raschesten wuchsen und deren Dauer am sichersten verbürgt schien. Reiche, die eine Zierde dieser Erde und ihrer Geschöpfe waren! Auf dem Höhepunkt der Erfindungskraft und des Talents standen sie mitten im Rausche des Lebensgenusses und der Welteroberung. Ihr Heer war kraftvoll und jung, die Vorratsspeicher waren gefüllt; in den Theatern drängten sich die Besucher; in den Färbereien entdeckte man das Geheimnis, das reine Purpurrot und das makelloseste Weiß herzustellen; in den Bergwerken fand man Diamanten und in den Zellen Atome.

Man zauberte Symphonien aus der Luft und Gesundheit aus dem Meere. Tausend System wurden ausgeklüngelt, um die Fußgänger vor den Gefahren der Straße zu schützen; man hatte Mittel gegen die Kälte, gegen die Nacht und gegen die Häßlichkeit; Bündnisse sicherten die Menschen gegen den Krieg; alle Gifte und Drogen waren aufgeboten, um die Krankheiten der Reben und schädliche Insekten zu bekämpfen; Hagelschlag wurde durch wissenschaftliche Gesetze im voraus berechnet und seine Wirkung aufgehoben.

Und da – mit einem Male – erhebt sich binnen ein paar Stunden ein Übel und befällt den gesündesten und glücklichsten aller Körper! Das Übel der großen Reiche! Das tödliche Übel!
Und nun ist das Gold da und häuft sich in den Banken, aber selbst Heller und Sou verlieren ihren Wert. Ochsen sind da, Kühe und Schafe, aber die Menschen leiden Hunger. Alles bricht nun plötzlich über das Reich herein; von der Raupe bis zum Erbfeind und den Pfandbriefen Gottes. Sogar da, wo man es für alle Zeiten verbannt glaubte, erhebt das Übel sein Haupt: man sieht den Wolf inmitten der Großstadt und die Laus auf der Glatze des Milliardärs. Und in dem Sturm und Wogenpreall, in diesem Krieg aller Kriege, bleibt nichts als Bankrott und Schande,

das vor Hunger verzerrte Gesicht eines Kindes, der Schrei einer Wahnsinnigen und der Tod.

In jedes Vogellied hat ein grauenhafter Ton sich eingeschlichen; ein einziger nur, doch der tiefste Ton aller Oktaven – der des Todes. Und die Schwalben steigen hoch, weil die Erde heute ein Kadaver ist und alles, was Flügel hat, aus ihrer Nähe flieht.

Und die Bäche sind klar und spiegelblank die Quellen, aber ich habe das Wasser gekostet: es ist das Wasser der Sintflut.

Und die Sonne brennt, aber ich habe ihre Wärme mit der Hand geprüft: es ist siedendes Pech.
Und aus der Kehle der Schwalbe wird der Donner des Unerbittlichen losbrechen. Und aus dem Einschnitt der harzigen Zeder werden die Tränen des Weltunterganges rinnen.

Es ist ein Ende der Welt!
Das Traurigste von allen…

Exemplarische Einspielung: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Rafael Kubelik mit Dietrich Fischer-Dieskau

Richard Wagner: Tannhäuser

April 3, 2015

Die letztjährige Premiere von Sascha Waltz‘ Inszenierung von Richard Wagners Tannhäuser zu den Festwochen 2014 in Berlin fand ich vor allem aus musikalischer Sicht begeisternd, die szenästeische Umsetzung nicht misslungen, und so habe ich mir die Wiederaufnahme in diesem Jahr nicht entgehen lassen, animiert vor allem neben der Staatskapelle und Daniel Barenboim durch die Besetzung, in diesem Fall vor allem die des Wolfram.

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Alle Fotos c Bernd Uhlig/Staatsoper Berlin
Sascha Waltz Inszenierung setzt vor allem auf ästhetische Eindrücke. Hierzu setzt sie ihre Tänzer als eine Art Bewegungschor ein, welche die Protagonisten erklärend begleiten und unterstützen. Personenregie findet nur eingeschränkt statt, vor allem Wolfram wird stark gezeichnet, aber auch Elisabeth.

Der Venusberg-Akt spielt vollständig in einer umgelegten KitchenAid-ähnlichen Form, eine Venusberg-Höhle, aus deren Boden das Lottervolk in das Innere drängt und dort allerhand akrobatische Körperformationen bildet. Auch Venus und Tannhäuser betreten durch diesen Eingang die Schüssel, rutschen, geleitet und gestützt durch die Sänger, darin herum. Während Marina Prudenskayas Stimme etwas unschön in dieser besonderen Form verhallt, tut sich Peter Seiffert auch körperlich sichtlich schwer, was sich deutlich auf seine Vortragsqualität auswirkt. Man hätte hier besser eine Aktionsform gewählt, die den Sängern eine bessere Vortragsweise ermöglicht hätte. So war der Venusberg-Akt zwar visuell stark, vokal allerdings der schwächere Teil des Abends.

Das Bühnenbild des zweiten Aufzuges ist angelehnt an die Ausstattung des Auditorium des Schillertheaters, mit Reihen brauner vertikaler Holzstäbe, die nach Bedarf umgeformt werden. Der Einzug der Gäste wird wiederum begleitet von einer Reihe von Tänzern und Pantomimen. Nun weiß ich nicht, ob Sascha Waltz bei der Zusammenstellung der Paare den Gedanken hatte, der mir beim Betrachten der doch reichlich bigotten Wartburg-Gesellschaft kam. Während die Sänger in eleganten Roben wie üblich einliefen, befanden sich unter der Tänzergesellschaft geradezu zeitkritische Konstellationen: gleichgeschlechtliche Paare, Männer und Frauen, Pare mit großem Altersunterschied, Paare mit extremem Größenunterschied z.B. große Frau und kleiner Mann etc. . Vermutlich gab es dafür tatsächlich nur visuelle Gründe, denn sonst hätte man den Ausgang des zweiten Aktes in Frage stellen müssen. Wolfram von Eschenbach entpuppt sich in diesem Akt keineswegs als der passiv leidende Freund. Er scheint ein verklemmtes Individuum zu sein, zerfressen vor Eifersucht auf Tannhäuser, dem Elisabeth sich sofort wieder zuwendet. Von Wolframs Verehrung für Elisabeth weiss diese vermutlich gar nichts.

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Beim letzten Akt ist die Bühne fast leer. Nacht ist es und nebelig. Elisabeth zieht ihre Schuhe aus und betet. Wolfram folgt ihr, drückt die Schuhe der Angebeteten an sich und singt den Abendstern an. Den Rest kennt man. Die Pilger kehren zurück ohne Tannhäuser, teileweise händeringend in Anbetung, andere Gruppen Derwischen gleich in Ektase. Tannhäuser kehrt aus Rom zurück, nicht entsündigt (er hat einfach zu früh gelebt, Tannhäuser hätte den jetzigen Papst aufsuchen sollen) und will in den Venusberg zurück.

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Mit Ausnahmen der ausstattungs-bedingten Beeinträchtigung im Venusberg war Peter Seiffert ein leidenschaftlicher Tannhäuser, dem meine uneingeschränkte Bewunderung gehört. Ohne Rücksicht auf Verluste warf er sich in die Erbarm‘ dich mein Rufe des zweiten Aktes, „Inbrunst im Herzen“ sang er die Romerzählung, dabei textsicher, textverständlich und absolut meisterhaft in seiner Intonation. Übertroffen wurde er in der Interpretation der Rolle, dem Rollenverständnis und der Umsetzung, an diesem Abend nur von Christian Gerhaher, der mich immer wieder überrascht mit seiner darstellerischen Bühnenpräsenz. Einerseits hat man den Eindruck, er spielt immer nur Gerhaher, andererseits trifft er den Charakter seiner Rolle so präzise, wie man ihn sich nur wünschen kann. Dazu der liedhafte, fein phrasierte Gesang in Abstufungen von Trauer bis Wut – meisterhaft.
Ann Petersen sang wie schon im Vorjahr die Elisabeth, die mit der Hallenarie sicher an die Grenzen ihrer Stimme reichte, das Gebet aber sehr anrührend und innig gestaltet hat. Auch darstellerisch überzeugte sie. Zum Landgrafen, den Kwangchul Youn zuverlässig orgelte, ist Sascha Waltz darstellerisch nichts eingefallen. Die weiteren Protagonisten mag man der Besetzungsliste entnehmen. Ihr Singen war dem Anlass angemessen.

Der Rest ist Daniel Barenboim und Staatskapelle Berlin. Vom ersten Takt an schlug das Orchester einen in Bann. Auch beim Tannhäuser, wie schon beim Parsifal einige Tage zuvor, war Barenboims Tempowahl manchmal extrem langsam. Hier allerdings konnten die Sänger das Tempo mitgehen (Gerhaher), und Barenboim ließ den Spannungsbogen über alle Akte nie erschlaffen. Ein bemerkenswerter Abend, der mit echten Standing Ovations für das Orchester und Daniel Barenboim endete, der den Jubel sichtlich genoß.

Festtage Berlin 2015
Richard Wagner
Tannhäuser
Aufführung am 2.April 2015 Staatsoper im Schillertheater

• Musikalische Leitung Daniel Barenboim
• Regie Sasha Waltz
• Choreographie Sasha Waltz
• Kostüme Bernd Skodzig
• Bühnenbild Pia Maier Schriever Sasha Waltz
• Licht David Finn
• Chor Martin Wright
• Dramaturgie Jens Schroth

• Hermann, Landgraf von Thüringen Kwangchul Youn
• Tannhäuser Peter Seiffert
• Wolfram von Eschenbach Christian Gerhaher
• Walther von der Vogelweide Peter Sonn
• Biterolf Tobias Schabel
• Heinrich der Schreiber Florian Hoffmann
• Reinmar von Zweter Jan Martiník
• Venus Marina Prudenskaya
• Elisabeth, Nichte des Landgrafen Ann Petersen
• Ein junger Hirt Sónia Grané
• Tanz Sasha Waltz & Guests

Richard Strauss: Der Rosenkavalier

April 3, 2015

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Anja Harteros mit ihrer gegenwärtig maßstabsetzenden Interpretation der Feldmarschallin war Grund und Anlass für meinen Besuch der Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker in Baden-Baden, wo ein ebenso maßstabsetzender Octavian vergangener Tage, Brigitte Fassbaender, mit der Inszenierung betraut war.

Wie das immer so ist mit den Maßstäben – sie können täuschen.

Erich Wonders diabeworfene, durchsichtige Vorhänge zeigen im ersten Akt das Panorama einer Großstadt am Abend. Dahinter wurde gerannt und geskatet. Davor stand eine überlange gepolsterte Bank statt des erwarteten Lotterbettes. Die Marschallin im vorteilhaften Negligée, das vor dem Lever gegen ein barockes Modell getauscht wurde, gekrönt durch Hypollits lächerliches Frisurmonstrum, das aus der schönen Marschallin in der Tat ein altes Weib machte. Bei den Kostümen des morgendlichen Aufmarsches hatte man voll in die Farbkiste gegriffen, vielmehr daneben. Sie waren so bunt wie das Völkchen, das antichambrierte.

Der zweite Akt wurde ausstattungsmäßig von an die 10 Nähmaschinentischchen mit Stühlen dominiert, auf denen offenbar die fehlende Raumdekoration des Faninalsche Stadtpalais hergestellt wurde; einstweilen hatte man sich mit den Wonder-Vorhängen zu begnügen. Die gute Nachricht: Es blieb bei Bums-Versuchen der Lerchenauer Horde; das Faninalsche Personal kam davon. Höhepunkt: Ein Inlineskater bringt die Rose, immerhin überreicht er sie nicht. Reichlich Abstand zwischen Sophie und Octavian sorgt dafür, dass sich zwischen den beiden ja nichts anspinnt.

Dritter Akt. Niemand wundert sich mehr über Wonders Vorhänge, höchstens datüber, dass sich hinter ihnen eine Art Schwimmbad auftat, das sich im Laufe des Aktes als ein vernebeltes Tal entpuppte. Großer Tisch zwei Stühle, Gestell mit Vorhang, Pritsche dahinter für das Theater im Theater. Hinter den Vorhängen Gerenne und Geskate. Auch hier wieder der Inlineskater als der Regisseurin bester Einfall: Er überreicht zwar nicht die Rose aber doch die Pizza für das Liebesmahl im letzten Akt.

Über die bemüht moderne und doch so plumpe Inszenierung hätte ich hinwegsehen können, wenn denn der musikalische Teil überzeugend gewesen wäre. Natürlich sind die Berliner Philharmoniker ein hervorragendes Orchester und Simon Rattle ein ebensolcher Dirigent. Dennoch fehlte mir persönlich bei Simon Rattles Sichtweise auf Strauss‘ Rosenkavalier etwas. Zahlreichen Gesprächen im Publikum entnahm ich, dass es nicht nur mir so erging. Wenn die Intention war, den Rosenkavalier zu entkitschen, hätte man zwar in der Tat bei den Walzern ansetzen können/müssen. Statt sie zu versachlichen, wäre möglicherweise ihre Brüchigkeit herauszuarbeiten gewesen, das kaputte Verborgene in ihnen. Bei mir kam akademisch perfektes Spiel an, eine entwalzerte Partitur. Ein musikalischer Hochglanz Rosenkavalier entbehrt für mich jeder Attraktivität. Die Erotik zwischen Theres und Quinquin im ersten Akt, die Torschlusspanik der Marschallin, die aufkeimende Erotik zwischen Sophie und Oktavian, ein bisschen Wiener Dekadenz und allerhand Philosophisches – wenn es schon die Bühne nicht schafft, die Illusion zu vermitteln, sollte wenigstens aus dem Graben Futter für die Fantasie erwachsen. Nichts davon. Von Technokratie kann ich nicht leben. Zumindest nicht in der Oper.

Erwartungsgemäß keine Enttäuschung brachte der vokale Teil des Rosenkavalier, für mich das vielleicht wichtigste Drittel der Aufführung. Angefangen bei den kleineren Rollen, beispielsweise der Jungfer Leitmetzerin, auf die Irmgard Vilsmaier schon fast abonniert zu scheint sein und der sie wie immer Charakter verlieh über die exponierte und schwere Rolle des Sängers, den Lawrence Brownlee umwerfend und mit einem Augenzwinkern sang.
Clemens Unterreiner sang einen schon fast aristokratischen Faninal, während Peter Rose dem Ochs gerade so viel Wienerisch angedeihen liess um nicht zu nerven. Ich mag den Ochs nicht zu klamaukig, deshalb volle Zustimmung zu Peter Rose. Sophie hätte ich mir etwas silbriger gewünscht; Anna Prohaska sang gewohnt gut, allerdings schien ihr der Charakter nicht ganz zu liegen.

Magdalena Kožená überraschte mit einem gut verständlichen, etwas hellen, aber sehr akzeptablen Octavian, dem ich durchaus darstellerisch etwas abgewinnen konnte. Allerdings prickelte es weder in der Konstellation Theres – Quinquin / Harteros – Kožená noch in der Beziehung Sophie – Octavian/Prohaska – Kožená.

Allzu oft durfte ich Anja Harteros als Feldmarschallin nicht erleben. Ihr Rollendebut in der alten Schenk Inszenierung in München hat mich damals schier weggetragen und so war es jedes Mal, wenn ich sie als Marie-Theres hören durfte. Die Art und Weise, wie sie sowohl durch Körperausdruck als auch mit Stimmfarben und dynamische Veränderungen der Stimme die Befindlichkeiten der Marschallin ausdrücken kann, finde ich aussergewöhnlich. Der Fundus ihrer Ausdrucksmöglichkeiten scheint unerschöpflich; sie hat sowohl die aristokratische Lady drauf als auch die kindisch-verliebte Mittdreißigerin mit Anflügen von Torschlusspanik, und alles erscheint authentisch und wahr. Im „Hab’ mirs gelobt” des letzten Aktes, Einleitung zum Trio, das übrigens überirdisch schön erklang, zeigt Marie-Theres dann auch die menschliche Größe, die ihren Rollencharakter letztlich auszeichnet.

Insofern war meine Reise nach Baden-Baden keineswegs ein Irrtum, wenn auch das Festspielhaus an sich einen atmosphärelosen Eindruck hinterließ.

Richard Strauss / Hugo von Hofmannsthal
Der Rosenkavalier
Festspielhaus Baden-Baden
Aufführung vom 30. März 2015
• Sir Simon Rattle Musikalische Leitung
• Brigitte Fassbaender Inszenierung
• Erich Wonder Bühnenbild
• Dietrich von Grebmer Kostüme
• Franz David Licht

• Anja Harteros Feldmarschallin
• Peter Rose Baron von Ochs
• Magdalena Kožená Octavian
• Anna Prohaska Sophie
• Clemens Unterreiner Faninal
• Carole Wilson Annina
• John In Eichen Polizeikommissar
• Lawrence Brownlee Ein Sänger
• Irmgard Vilsmaier Marianne Leitmetzerin
• Philharmonia Chor Wien
• Berliner Philharmoniker
• Cantus Juvenum Karlsruhe

Berlioz: La Damnation de Faust

März 31, 2015

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La Damnation de Faust muss man nicht szenisch erleben um in den vollen Genuß des Werkes zu kommen. Für mich ist es vor allem ein beeindruckendes symphonisches Chorwerk, wenn auch mit beachtlichen solistischen Einschüben.

Die im Festspielhaus Baden-Baden seit kurzem zu Ostern residierenden Berliner Philharmoniker hatten das Werk auf das Programm der diesjährigen Festspiele gesetzt und ein prominentes Solistenquartett aufgeboten. Ein solches braucht es offensichtlich, um das riesige Festspielhaus auch nur annähernd zu füllen.
Marguerites Part ist eigentlich viel zu klein, wenn eine Sängerin von der Wandlungsfähigkeit und gestalterischen Begabung einer Joyce DiDonato auf der Bühne steht. Sie braucht weder während der Ballade vom König von Thule ihre Haare zu kämmen noch ein einziges Utensil um dem Zuhörer das Herz zu brechen mit ihrer großen Szene „D’amour l’ardente flamme“.

Ich schätze Charles Castronovo , der mit der Rolle des Faust betraut war, sehr. Timbre und Ausdruck seiner Stimme scheinen für das französische Fach wie geschaffen. Ganz besonders zum Ausdruck kam dies in Fausts Bekenntnis zur Natur, „Nature immense“, das wunderbar gelang. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass das Stimmvolumen der Bahnhofshalle des Festspielhauses nicht ganz gewachsen war, ein Eindruck, der sich allerdings auch aus meiner Platzierung im ersten Balkon ergeben haben könnte.

Es fällt schwer, sich Ludovic Tézier als Bösewicht vorzustellen, zu balsamisch schön ist die Stimme. Ich begeistert über seine Interpretation des Méphistophélès, was natürlich auch zusammenhängt mit einer muttersprachlichen Diktion. Mangelnde Bosheit? Geschenkt.

Einen ausgezeichneten Eindruck hinterliess auch Edwin Crossley-Mercer, der mit schlankem, gut geführtem Bariton den Brandner gab.

Der Chor der Stuttgarter Staatsoper präsentierte sich präzise und stilistisch eindrucksvoll in seinen vielfältigen Rollen als Gute, Gemeine und Böse, in unterschiedlichen Gruppierungen auch mal hinter der Bühne und noch dazu auswendig singend. In den ersten beiden Chorsequenzen hatte ich kurz den Eindruck eines Abstimmproblems mit dem Dirigenten. Dieser Eindruck verschwand allerdings vollständig.

Mit einer faszinierenden Interpretation nahmen mich die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle für sich ein. Simon Rattle verstand es, ein facettenreiches Feuerwerk an Stimmungsbildern zu entfachen, bei dem ich mir vor allem bei den längeren orchestralen Einleitungen oder Zwischenspielen wünschte, sie mögen nicht enden. Nicht anders als hinreissend nennen kann man auch Berlioz‘ Instrumentalsoli im Zusammenklang mit den Solisten.

Fazit: Nach einem rundum beglückenden Abend wünschte ich mir eine Veröffentlichung dieser Interpretation von La Damnation de Faust. Ich hoffe, das wird dem begeisterten Publikum nicht vorenthalten.

Osterfestspiele Baden-Baden
Hector Berlioz
La Damnation de Faust
Besetzung am 29.März 2015
Joyce DiDonato Margarethe
Charles Castronovo Faust
Ludovic Tézier Mephisto
Edwin Crossley-Mercer Brandner
Berliner Philharmoniker
Simon Rattle
Staatsopernchor der Oper Stuttgart

Münchner Opernfestspiele: Guillaume Tell

Juni 30, 2014

“Wieder so eine Inszenierung, bei der die Hälfte der Zuschauer nur die halbe Bühne sieht!” Das dachte ich mir beim Eingangsbild des Guillaume Tell, diesjährige Festspielpremiere, als eine Rudel schweizer Brautpaare im Hochzeitsgewand auf der Bühne erschien, allerdings erst erkennbar, als sie an der Rampe angekommen waren, denn den oberen schwarzen Bühnenvorhang hatte man vorsichtshalber heruntergelassen.

Die obere Bühnenverdeckung wurde später hochgezogen, und so sollte es eigentlich von meinem Platz in der ersten Reihe des seitlichen Rangs möglich gewesen sein, der Vorstellung gut zu folgen, wie eben den Hunderten von früheren Vorstellungen auch. Dem war nicht so. Und diesem Umstand verdankt das Regieteam am Ende der Vorstellung auch mein kräftiges Buh. Ich will mich nicht näher zur Inszenierung auslassen, da ich den Verdacht hege, fast nichts davon mitbekommen zu haben. Die Sänger standen zwar bei ihren Arien oder Ensembles meistens an der Rampe herum, außer Brian Hymel, der im ersten Teil an den linken Bühnenrand verbannt war und den ich in den ersten 90 Minuten zwar hörte, aber nicht zu Gesicht bekam. Der Inszenierungsrest verbarg sich hinter sich ständig (erstaunlich leise) bewegenden Metallröhren. Aus der Draufsicht war zumindest eine gewisse Chor-Choreographie zu erkennen. Vielleicht war also so etwas wie eine Werkdeutung da, die ich und viele andere mit mir nicht sehen und somit nicht würdigen konnten. Da aussergewöhnlich gut gesungen wurde, werde ich mir eine weitere Vorstellung geben und dann von einem etwas mittigeren Platz vielleicht zu einem weniger vernichtenden Urteil über die Produktion kommen.

Bryan Hymel hatte ich zwar schon einmal gehört, allerdings hatte sich mir die Stimme nicht eingeprägt. Als Arnold fand ich ihn glänzend besetzt. Vor allem im Teil vor der Pause (als Ettinger nicht so stark aufdrehte) hörte sich die Stimme leicht wie von Flügeln getragen an. Marina Rebeka hatte ich vor Jahren als Anai in Moise et Pharaon unter Riccardo Muti in sehr guter Erinnerung, während mich eine spätere Violetta nicht gerade umwarf. Als Mathilde gefiel sie mir vor allem im ersten Teil (Ettinger gemässigt), wo die elegante lyrische Tongebung zum Tragen kam. Bei Evgeniya Sotnikova überraschte mich ehrlich die Tragkraft der Stimme aus dieser kleinen Person. Ihre quirlige Jemmy hat mir gut gefallen. Michael Volle glänzte mit dem was er gut kann, etwas ausgefallene Typen darstellerisch und vokal zu charakterisieren. Sein Tell kommt nicht als Robin Hood der Schweiz, sondern aös eine schon zwiespältige, auch machtbewusste Person. Warum ihm aber dazu häufig rote Haare verpasst werden müssen? Absolut rollengerecht fand ich auch die von Jennifer Johnston gesungene Hedwige, Tells drollig biedere Ehefrau. Sängerische Schwachpunkte kann ich auch bei den kleineren Rollen, die mit Günther Groissböck als Gessler zum Beispiel zum Teil geradezu luxuriös besetzt waren, nicht vermelden.

Dan Ettinger am Pult des Bayerischen Staatsorchesters bei einer Premiere ist eine Wahl, die bei aller Sympathie für ihn nicht so recht nachzuvollziehen ist. Hat er sich jemals in München in diesem Repertoire hervorgetan? Durch was empfiehlt er sich dafür? Was spricht zum Beispiel für das Verschieben der Tell Ouvertüre auf nach dem Apfelschuß mit Ausnahme der Fiktion einer Retrospektive Jemmys, die der Mensch nicht braucht? Warum lässt er es krachen wie bei Wagner und zwingt die Sänger zu forcieren? Was rechtfertigt die vielen Striche? Nun könnte man sagen, bei der Inszenierung kann man froh sein, wenn es nicht so lange dauert. Geschenkt. Musikalisch ist der Guillaume Tell auf jeden Fall ein Gewinn für das Haus und für das Münchner Publikum, Rossini wie er eben nicht jeden Tag zu hören ist.

Guillaume Tell
Giaochino Rossini
Bayerische Staatsoper Premiere am 28. Juni 2012

Musikalische Leitung Dan Ettinger
Inszenierung Antú Romero Nunes
Bühne Florian Lösche
Kostüme Annabelle Witt
Licht Michael Bauer
Mitarbeit Inszenierung Johannes Hofmann
Produktionsdramaturgie Rainer Karlitschek
Chöre Sören Eckhoff

Guillaume Tell Michael Volle
Arnold Melcthal Bryan Hymel
Walter Furst Goran Jurić
Melcthal Christoph Stephinger
Jemmy Evgeniya Sotnikova
Gesler Günther Groissböck
Rodolphe Kevin Conners
Ruodi Enea Scala
Leuthold Christian Rieger
Mathilde Marina Rebeka
Hedwige Jennifer Johnston

Münchner Opernfestspiele: Macbeth

Juni 28, 2014

Bereits nach der Premiere vor knapp sechs Jahren habe ich meine tiefe Abneigung gegen Martin Kušejs Macbeth-Inszenierung ausgedrückt und begründet. Daran hat sich im Grunde nichts geändert. Ich schiebe es auf die neue, ungewohnte Perspektive von meinem gestrigen Sitzplatz in der Mitte des ersten Ranges, die mir eindrucksvolle Bilder bescherte. Nun bin ich mir nicht sicher, ob man die Hexen-Urinier-Szene absichtlich entschärft hat, d.h. die Hexen pinkelten im Dunkeln, oder ob auch das der neuen Perspektive geschuldet war. Auf jeden Fall ist die Inszenierung frisch, etwas was ich an unserem Haus sehr schätze, und sie ist (trotz meiner Abneigung) spannend.

Bekanntlicherweise fühlte Anna Netrebko sich zur Rolle der Lady Macbeth hingezogen und scheute das stimmliche Abenteuer tatsächlich nicht. Ruft man sich frühere Tondokumente von ihr in Ausschnitten dieser Rolle in Erinnerung, so konnte man sich nicht wirklich vorstellen, daß sie als Lady reüssieren würde.

Anna Netrebko hat viel gearbeitet an der Rolle, und das Resultat war mehr als respektabel, finde ich. Dies war nun der Abend ihres Rollendebüts auf der Bühne; nicht alles fand ich gleichermaßen gelungen, deshalb möchte ich nur allzugerne die zweite Vorstellung erleben. Während der Ouvertüre war schon zu vernehmen und zu sehen, daß sie die Herausforderungen der Inszenierung angenommen hatte, die Geburtswehen im Militärzelt mit anschließender “Entsorgung” des Fötus sowie das Kronleuchter-Räkeln eingeschlossen. Anna Netrebkos Stimme hatte eine andere Tongebung als gewohnt, klang dunkler und fast etwas metallisch, auch fahle Passagen wie in “La luce langue” scheute sie nicht. Für meine positive Bewertung ausschlaggebend ist die Tatsache, daß immer “gesungen” wurde. Zwar verträgt die Lady auch scharfe Töne und weniger schöne Stimmen, ich würde Anna Netrebko und ihre noch nicht ganz so böse Lady mit der betörenden Stimme allerdings immer vorziehen.

Natürlich galt Anna Netrebkos Rollendebüt meine Hauptaufmerksamkeit; der Abend hatte allerdings noch mehr zu bieten. Der von mir sehr geschätzte Simon Keenlyside verkörperte Macbeth. Wie schon beim Vater Germont vermisste ich ein bisschen Italianità bei seinem Gesang. Die ganze Figur, so wie er sie anlegt, scheint Shakespeare näher als Verdi. Ein schwacher Charakter, dieser Macbeth, leichtes Handwerkszeug für die Lady. Erst bei “Pietà, rispetto, amore” liess er die Stimme strömen. Es sang übrigens “amore” im Gegensatz zu Lucic, der immer “onore” singt.

Den Vogel abgeschossen hat für mich Joseph Calleja, dessen Stimme in ihrer “Andersartigkeit” so wunderbar zu Macduff passt. Zu hören war das in dem a-capella-Sextett (begleitet von leisen Paukenschlägen und wenig Basspizzicato) am Ende des ersten Aktes, in dem er sozusagen die Führung übernahm, aber vor allem in seiner großen Szene “O figli, o figli miei!”, die mit sehr viel Gefühl gesungen wurde. Ein paar Sternminuten.

Ildar Abdrazakov komplettierte das luxuriöse Quartett der Hauptrollen als Banco.

Von Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper werden in den nächsten paar Wochen Höchstleistungen gefordert. Der Aufgabe des ersten Abends entledigten sie sich mit Bravour. Paolo Carignani war dafür mit ein Garant, ein ausgezeichneter Sängerbegleiter und im italienischen Fach für mich erste Wahl am Pult.

Macbeth
Giuseppe verdi
Bayerische Staatsoper Aufführung am 27. Juni 2014

Musikalische Leitung Paolo Carignani
Regie Martin Kušej
Bühne Martin Zehetgruber
Kostüme Werner Fritz
Licht Reinhard Traub
Chor Sören Eckhoff
Dramaturgie Olaf A. Schmitt.
Sebastian Huber

Macbeth Simon Keenlyside
Banco Ildar Abdrazakov
Lady Macbeth Anna Netrebko
Dama di Lady Macbeth Iulia Maria Dan
Macduff Joseph Calleja
Malcolm Dean Power
Arzt Christoph Stephinger
Diener / Mörder Andrea Borghini
Erscheinung 1 Rafał Pawnuk
Erscheinung 2 Elsa Benoit
Erscheinung 3 Tölzer Knabenchor

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

Royal Opera House: Manon Lescaut

Juni 26, 2014

Manon Lescaut, 4. Akt

Niemals würde ich öffentlich zugeben, daß ich nach London reiste, um Jonas Kaufmanns Debüt als Chevalier des Grieux zu erleben. Selbstverständlich ging es mir ausschließlich um die künstlerische Wiederkehr des Werkes nach mehreren Dekaden nach Covent Garden.

Jonathan Kent, ein mehr im englischen Sprachraum tätigen Regisseur, verlegte Puccinis Version der tragischen Liebesgeschichte des Chevalier des Grieux und Manon Lescaut ins hier und Heute. Der Amiens-Akt zeigt die Ankunft Manons, möglicherweise ein Mädchen aus Osteuropa, vor einem Club oder Stundenhotel, in dem ihr Bruder eine gewisse Rolle zu spielen scheint, und wird dort auch gleich untergebracht. Der Student Des Grieux drückt sich im Umfeld des Clubs herum, traute sich nie so richtig rein, fühlt sich von Manon sehr angezogen und sie sich von ihm ebenfalls.

Das Zusammenleben der beiden war nicht von langer Dauer und so kam es, daß Manon bei Geronte landete, der schon bei der Ankunft in Amiens ein Auge auf sie geworfen hatte. In seinem rotplüschigen Boudoir wird Manon mit dem überhäuft, woran sie Gefallen findet – Sex, Juwelen und Publicity. Davon kann sie so recht selbst dann nicht lassen, als Des Grieux auftaucht und so kommt es, wie es kommen musste. In flagranti erwischt – ab nach Le Havre und Deportation nach Amerika.

Bei der Einschiffung in Le Havre handelt es sich wiederum um einen Akt höchsten öffentlichen Interesses. Die verurteilten Frauen sind tv-tauglich hergerichtet und ihr Abgang erfolgt entsprechend spektakulär durch eine riesige Plakatwand.

Das Bühnenbild des letzten Aktes erinnerte mich stark an Calixto Bieitos Eröffnungsbild des Stuttgarter Parsifals. Manon und Des Grieux kauern auf der Flucht am Abgrund einer abgebrochenen Brücke. Manon verdurstet in Des Grieux Armen.

Meine bisherige Erfahrung mit Kristine Opolais als vorzügliche Darstellerin bestätigte sich auch in ihrer Rolle als Manon Lescaut. Als Manon Lescaut hat mich dazu auch sängerisch überzeugt. Kaufmann klang zu Beginn verhalten. Im “Donna non vidi mai” war an diesem Abend viel Luft nach oben; es klang etwas gekünstelt. Im Lauf des Abends fand die Stimme dann doch ihren natürlich strömenden Ausdruck. Am überzeugendsten fand ich das intensive Zusammenspiel der beiden im vierten Akt.

Christopher Maltmans stark gesungenem Lescaut und Marizio Muraros solidem Geronte habe ich naturgemäß weniger Aufmerksamkeit entgegengebracht als den beiden Rollendebütanten Opolais und Kaufmann.

Ich kann nun überhaupt nicht begründen, warum mich die Bühnenaktionen keinen Moment emotional berührten. Waren es die Bühnenbilder, Kaufmanns etwas zu selbstbewusstes Auftreten, der den verdruckten Studenten und sein irrationales Verhalten wenig glaubhaft machte, Opolais Timbre, dem ich nicht wirklich etwas abgewinnen kann? Ich weiß es nicht.

Puccini spielte an diesem Abend jedenfalls im Graben. Dort musizierte sich das Orchester des Royal Opera House unter Antonio Pappano die Seele aus dem Leib. Beim Intermezzo zwischen Akt 2 und 3 hätte man die Zeit anhalten wollen. Emotionen wie Leidenschaft, Liebe, Verzweiflung, durch das Orchester hörbar gemacht, entschädigten für das Manko der Bühne reichlich.

Manon Lescaut
Giacomo Puccini
Vorstellung am 20. Juni 2014

Dirigent Antonio Pappano
Regie Jonathan Kent
Bühne und Kostüme Paul Brown
Licht Mark Henderson
Choreograph Denni Sayers

Besetzung:
Manon Lescaut Kristīne Opolais
Lescaut Christopher Maltman
Chevalier des Grieux Jonas Kaufmann
Geronte de Ravoir Maurizio Muraro
Edmondo Benjamin Hulett
Tanzmeister Robert Burt
Singer Nadezhda Karyazina
Lamplighter Luis Gomes
Naval Captain Jeremy White
Act III Sergeant Jihoon Kim
Innkeeper Nigel Cliffe
Orchestra of the Royal Opera House
Royal Opera Chorus

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