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Glyndebourne: Der Rosenkavalier

Juni 25, 2014

Ganz sicher bin ich mir nicht, ob Richard Jones britischen Slapstick inszenieren wollte oder es ihm um eine „ernsthaftere“ Auseinandersetzung mit dem Werk ging. Herausgekommen ist nach meinem Eindruck eine Mixtur aus beidem, wobei der oberflächliche Slapstick die Oberhand behielt.

Stretchcouchen und plakative Tapeten bestimmen das Bühnenbild der in keiner definierbaren Zeitperiode angesiedelten Inszenierung. Die aus dem Münchner Lohengrin altbekannte Wand mit Tür fehlt auch hier nicht. Der Kostümbildner hat sich offenbar Gedanken gemacht, denn mir fiel sofort der Klassenunterschied der Uniformen des Gesindes der Marschallin und des Herrn von Faninal auf. Die einen adelig in rückwärtsgewandtem Rokoko oder ähnlichem, die anderen doch eher progressiv in funktioneller Kleidung. Bei Anninas Kostüm stach mir eine Merkwürdigkeit ins Auge: die breite Borte ihres Rockes hatte die Farben der Salzburger Festspiele; das fing mir den ganzen Abend nicht aus dem Kopf – für mich eine Brücke zum Originalschauplatz (nicht Salzburg natürlich) und Österreich.

Das London Symphony Orchestra spielte unter Robin Ticciati akkurat. Nicht daß mir ein bißchen mehr Schmelz gefehlt hätte; was ich vermisste, war Dekadenz , Delikatesse und Depression , vor allem im ersten Akt. Der Figur der Marschallin fehlt damit das dramatische Gewicht, das ihr Verhalten erklären würde. Daran krankt diese Inszenierung, es fehlt der etwas wehmütige Teil, der den Klamauk des zweiten und letzten Aktes des Rosenkavalier (für mich) erträglich macht.

Natürlich darf nicht unerwähnt bleiben, daß im Vorspiel sich die Marschallin nackt unter der Dusche räkelt, sich dann passenderweise in einen Bademantel wickelt. Warum sie dann allerdings in eines dieser Barockgewänder ghesteckt wird, mögen die Götter wissen. Ist aber eh wurscht. An der Personenführung hatte ich wie bei den bisher von mir gesehenen Richard-Jones-Arbeiten nichts auszusetzen. Beginnend bei dem Levée der Marschallin über einen nicht zu grobschlächtigen Ochs von Lerchenau, das intrigante Pärchen Annina-Haushofmeister, die unterschiedlichen Hofchargen, selbst Faninal – alles hatte seine Charakteristik. Eindrucksvoll fand ich auch das Bild zu Beginn des zweiten Aktes, als die Personen wie Salzteigfiguren vor der „Lohengrin-Wand“ drapiert waren.

Die Beziehung Sophie-Oktavian, insbesondere deren Anbahnung, stand im Zentrum der Aufmerksamkeit des Regisseurs. Die Anziehungskraft der beiden entwickelte eine Energie, die selbst die zuschauenden Hofschranzen magnetisch in Bann zog. Habe ich das klar ausgedrückt? Witzig fand ich auch die Anspielung auf Don Giovanni durch die Ausbreitung eines Leporello vor dem Möchtegern-Schwerenöter Ochs.

Wie wurde gesungen? Erfreulicherweise wurde durchweg gut bis sehr gut gesungen. Aufgefallen ist mir Michael Kraus als Faninal, ein mir unbekannter, eleganter Sänger. Den erfreulicherweise gemäßigt kracherten Ochs erwähnte ich schon; eine ausgezeichnete Leistung von Lars Woldt. Teodora Gheorghius Stimme hatte genügend Silber für Sophie. Tara Erraught gab in Glyndebourne ihr erfolgreiches Debüt als Octavian, mit der besten Diktion übrigens, an der es bei der übrigen Besetzung mit Ausnahme der beiden genannten Herren etwas mangelte. Tara Erraughts darstellerisches Talent kenne ich aus München, sie ist darüber hinaus eine umwerfende Komödiantin, der ich mit Vergnügen zusah (zuhörte sowieso).

Die Besetzung des jungen Liebespaares fand ich schon aus optischen Gründen spannend, die hoch aufgeschossene, dürre Sophie und der etwas kleinere, handfeste Octavian – beide noch nicht richtig fertig fürs Leben und beide schon so verliebt. Das Verhältnis Marschallin – Oktavian dagegen, der halbfertige Oktavian, der vielleicht noch nicht alles kann, aber immerhin schon kann – ein ideales Spielzeug und „Zeitverzögerer“ für die Marschallin. Leider wurde das musikalisch nicht so ganz deutlich, wie oben schon erwähnt, vielleicht auch bedingt durch die etwas trockene Interpretation der Marschallin durch Kate Royal.

Wie dem auch sei, ganz so schnell scheint die Uhr der Marschallin dann doch nicht zu ticken und a bisserl was geht allaweil. Der niedliche Mohamed war allgegenwärtig; er sollte auf jeden Fall noch gehen.

Der Rosenkavalier
Vorstellung am 22. Juni 2014

Kreativ-Team:

Dirigent Robin Ticciati
Regisseur Richard Jones
Set Designer Paul Steinberg
Kostüm Designer Nicky Gillibrand
Movement Director Sarah Fahie
Beleuchtung Mimi Jordan Sherin

Besetzung:
Octavian Tara Erraught
Die Marschallin Kate Royal
Baron Ochs auf Lerchenau Lars Woldt
Sophie Teodora Gheorghiu
Herr von Faninal Michael Kraus
Marianne Leitmetzerin Miranda Keys
Valzacchi Christopher Gillett
Annina Helene Schneiderman

Der Notar Gwynne Howell
Ein Sänger Andrej Dunaev
Ein Wirt Robert Wörle
Ein Polizeikommissar Scott Conner

London Philharmonic Orchestra
Glyndebourne Chorus

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