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Bayerische Staatsoper: Ariadne auf Naxos

Mai 22, 2014

In diesen Tagen schlagen die Entgleisungen englischer Opernkritiker hinsichtlich des Körperbaus von Tara Erraught und dessen Einfluss auf ihre Rollengestaltung des Octavian in Glyndebourne hohe Wellen und die Opernszene ist (zu Recht) empört. Um die junge Sängerin vor den Unverschämtheiten der selbst Unansehlichen zu schützen, tauchen abstruse Theorien auf, die der Sache vermutlich mehr schaden als nützen. Eine davon ist die Behauptung, es käme bei Oper nur auf die Stimmen an. Daß dem nicht so ist, daß sich der Zauber des Musiktheaters erst dann voll entfaltet, wenn es mit Augen und Ohren aufgenommen werden kann, bestätigte sich für mich heute abend im Nationaltheater bei der letzten Aufführung dieses Durchlaufes von Richard Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“.

Einwenden kann man, daß Gestaltung auch mit ausschließlich stimmlichen Mitteln sozusagen „simuliert“ werden kann und sich szenische Vorgänge imaginieren lassen. Das allerdings gelingt meist nur den besten Sängern und/oder solchen, die ohnehin genuine Darsteller sind.

Robert Carsen’s Ariadne auf Naxos Inszenierung setzt ganz auf den Einklang zwischen Bühne, agierenden Sängern und Graben und in diesem speziellen Fall auch auf das Ambiente des Nationaltheaters. Bereits vor Beginn der Vorstellung wird das Publikum in das Geschehen mit einbezogen. Eine Ballettkompanie wärmt sich vor den Spiegelwänden des Ballettsaales auf. Diese Spiegel bilden beinahe schon die zentrale Idee der Inszenierung. Gegenstände wie Klaviere erscheinen wie gespiegelt mehrfach auf der Bühne; die Hauptperson, Ariadne, erscheint mehrfach, unter den Doppelgängern die Truppe des Singspiels um Zerbinetta und diese selbst. Die Bühne erstreckt sich als Seitengänge links und rechts des Grabens in den Zuschauerraum, durch den Musiklehrer und Haushofmeister auftreten. Die erste Sitzreihe ist unbesetzt, dort übergibt der Komponist seine Partitur an den Dirigenten des Abends, kauert sich auf eine Grabenbrücke und schaut sich zusammen mit den Zuschauern sein Werk an. Die ausgeklügelte Lichtregie, die das Spiel mit dem großen Lüster des Zuschauerraumes einbezieht, ist ein wesentliches Element der Inszenierung.

Carsen’s Inszenierung wirkt nicht umtriebig; in der Personenführung ist sie witzig und einfallsreich. bedeckt andererseits bruchlos den trostlos traurigen Aspekt der Ariadne Geschichte. Auf der Bühne kommt man dagegen mit sparsamsten Requisiten und wenig spektakulärer Kostümierung aus.

Eine aussagefähige Inszenierung, noch dazu wenn sie so gut gepflegt wird, wie dies die Bayerische Staatsoper gewöhnlich tut, fesselt die Besucherin auch dann, wenn die crème de la operacrème (deren Ranking Medien und obengenannte ältere Unansehliche bestimmen) mal gerade nicht in München die Stimmbänder wetzt oder am Dirigentenpult steht. Auffallend und wohltuend für die jahrezehntelange Opernbesucherin in München ist der derzeitige Zustand des hauseigenen Ensembles, an diesem Abend angeführt von Angela Brower, die mit einem großartig gesungenen Komponisten überzeugte, dessen jeweilige Stimmungslage sich in Tongebung und Körperausdruck in jedem Moment vermittelte. Unüberhörbar und zum Dahinschmelzen das Timbre des Harlekins, Markus Eiche, der mich (fast) nach Bayreuth locken könnte, um ihn als Wolfram zu hören. Hinreissend gesungen auch die wunderbaren Melodien von Najade, Dryade und Echo.

Robert Dean Smith höre ich immer wieder gerne, seine Musikalität stets überzeugend, sein Stilgefühl ausgeprägt, und Bacchus erfordert keine größeren darstellerischen Aktivitäten. Es gab großen Applaus für RDS ebenso wie für Ricarda Merbeth als Ariadne. Sie sang absolut rollendeckend, wenn auch für meinen Geschmack vielleicht ein bißchen zu neutral. Die kapriziöse, federleichte Zerbinetta von Jane Archibald krönte die Abendbesetzung, wobei das Lob auch den Künstlern gebührt, die ich nicht namentlich erwähnt habe. Selbst Asher Fisch’s etwas eindimensionales Dirigat, das mich vom Besuch beinahe abgehalten hatte, konnte den fabelhaften Eindruck des Abends nicht verwischen.

Ariadne auf Naxos
Bay. Staatsoper 22. Mai 2014

Musikalische Leitung Asher Fisch
Inszenierung Robert Carsen
Bühne Peter Pabst
Kostüme Falk Bauer
Licht Manfred Voss
Choreographie Marco Santi
Dramaturgie Ingrid Zellner

Haushofmeister Johannes Maximilian Klama
Ein Musiklehrer Martin Gantner
Der Komponist Angela Brower
Bacchus/Der Tenor Robert Dean Smith
Ein Offizier Matthew Grills
Ein Tanzmeister Markus Francke
Ein Perückenmacher Andrea Borghini
Ein Lakai Levente Páll
Zerbinetta Jane Archibald
Ariadne/Primadonna Ricarda Merbeth
Harlekin Markus Eiche
Scaramuccio Michael McCown
Truffaldin Roland Schubert
Brighella Aaron Pegram
Najade Hanna-Elisabeth Müller
Dryade Anna Lapkovskaja
Echo Iulia Maria Dan

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