Skip to content

Festwochen Berlin 2014 – Simone Boccanegra

April 28, 2014

Ich gebe es zu, immer wieder ertappe ich mich dabei, Vorstellungen wegen bestimmter Sänger zu buchen und dafür eine Reise in Kauf zu nehmen. Und ebenso passiert es mit unschöner Regelmäßigkeit, daß eben diese Sänger dann aus den unterschiedlichsten Gründen absagen. Noch dazu habe ich einen Hang zu eben diesen kritischen Kandidaten. Wie auch immer. Simone Boccanegra hatte ich vor allem wegen Amelia gebucht. Genau diese, i.W. Anja Harteros, sagte relativ frühzeitig ihre Mitwirkung ab. Warum? Keine Ahnung. Allerdings performte sie zur Boccanegra-Zeit Vier letzte Lieder mit Thielemann und der Kapelle in Salzburg. Nicht schlecht, wie man hörte und wie ich mich kurz vorher in München unter der allerdings suboptimalen Orchesterleitung (der Münchner Philharmoniker) von Manfred Honeck überzeugen konnte.

Über Federico Tiezzis statische Inszenierung muß man nicht viele Worte verlieren. Sie diente bereits bei Plácido Domingos Boccanegra Debüt an der Staatsoper Berlin im Haus Unter den Linden 2009, beschränkt sich auf ein paar angedeutete Kulissen und setzt vor allem auf pseudohistorische prachtvolle Kostüme. Ansonsten wird viel dekorativ herumgestanden und gesessen. Die dümmlichen Videosequenzen von seinerzeit hat man bei dem Umzug in das Schillertheater glücklicherweise weggelassen, so daß die Boccanegra Bebilderung nun nicht mehr ganz so aufdringlich erschien.

In Erfüllung der undankbaren Aufgabe der Rollenübernahme von Anja Harteros hinterliess Maria Agresta einen ausgezeichneten Eindruck, obwohl mir ihre Interpretation vor allem gegen Ende der Oper etwas zu neutral über die Rampe kam. Die Stimme hat aber Strahlkraft, wenn auch nicht ganz ohne Schärfe. Fabio Sartori als Adorno schien in der Form seines Lebens; so kraft- und ausdrucksvoll habe ich ihn noch nie singen hören, für mich eine der besten Tenorleistungen, die ich in den letzten Jahren erlebte. Sein „Sento avvampar nell’anima“ provozierte den stärksten Szenenapplaus. Pavarotti ließ grüßen. Die Rolle des Jacopo Fiesco verlangt ein breites Ausdrucksspektrum von seinem Interpreten. Sie war bei Dmitry Belosselskiy bestens aufgehoben. Absolut rollendeckend auch Paolo und Pietro, dargestellt von Àngel Òdena und Wilhelm Schwinghammer.

Die Überraschung des Abends bereitete Placido Domingo . Das unverwechselbare (für immer Tenor-)Timbre ist natürlich noch immer da, doch ist eine Stimmentwicklung festzustellen bei diesem Simone hin zum Bariton. Was 2009 noch etwas unfertig wirkte, ein als Bariton verkleideter Tenor sozusagen, wirkt nun rund. Hinzu kommt Domingos unglaubliche Bühnenpräsenz vom Kniefall im Prolog (von dem er sich mühelos erhob) über das Wiederfinden der verlorenen Tochter bis zum lange dauernden Todeskampf, an dessen Ende er sich voll auf den Boden warf. Leichte Schnaufer zwischendurch verblassen durch die Intensität der Darstellung, die niemand unberührt lassen konnte. Eine unglaubliche Leistung, angesichts derer man Plácido Domingo und seinem Publikum noch viele gemeinsame Jahre wünschen möchte.

Ausgewogen und sehr ergreifend empfand ich im Zusammenhang mit dem Orchester vor allem die großen Ensembleszenen wie beispielsweise das „Plebe, patrizi, popoli“. Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin, am Abend zuvor noch mit einem Ausnahme-Tannhäuser unterwegs, waren Rückhalt und Garanten des Abends. Die Tempi fand ich eher gemächlich jedoch ohne Verlust der Spannungsbögen im Verlauf. Überzeugen konnte auch wieder der Staatsopernchor.

Es passte einfach alles an diesem wunderbaren Opernabend. Vor allem aber war es der Abend des Plácido Domingo, den das Publikum mit Ovationen feierte.

Simone Boccanegra
Staatsoper Berlin im Schillertheater
Aufführung vom 17. April 2014

Musikalische Leitung Daniel Barenboim
Inszenierung Federico Tiezzi
Bühnenbild Maurizio Balò
Kostüme Giovanna Buzzi
Licht A. J. Weissbard
Chor Martin Wright
Dramaturgie Barbara Weigel

Simon Boccanegra Plácido Domingo
Maria Boccanegra (Amelia) Maria Agresta
Jacopo Fiesco Dmitry Belosselskiy
Gabriele Adorno Fabio Sartori
Paolo Albiani Àngel Òdena
Pietro Wilhelm Schwinghammer
Ein Hauptmann der Bogenschützen Jonathan Winell
Eine Dienerin Amelias Evelin Novak

No comments yet

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: