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Oper Graz: Jenufa

April 26, 2014

Für Peter Konwitschnys Sicht auf „La Traviata“ musste ich kürzlich nach Nürnberg reisen, wo die eigenwillige Produktion des Meisters nach ihrem Weg über England (ENO) Station im Opernhaus der Frankenmetropole machte. Auf seine neue Inszenierung, Leos Janaceks „Jenufa“ wollte ich nicht jahrelang warten, sondern reiste zum Ort der Entstehung nach Graz, an dessen architektonisch schönem und künstlerisch wohl progressiv zu nennenden Opernhaus Konwitschny seit 1991 dreizehn Opern inszeniert hat, die dem Haus 2001 den Titel „Oper des Jahres“ (Opernwelt) bescherte.

„Jenufa“ ist die zweite Oper Janaceks, mit der sich Konwitschny szenisch befasst, nach „Aus einem Totenhaus“, eine Produktion, die ich in Zürich sah und die reichlich sog. Verfremdungselemente enthielt, derer sich Konwitschny gerne bedient, um von ihm beabsichtigte Botschaften dem Publikum zu übermitteln. Nichts Verfremdetes in „Jenufa“, vielleicht aus der Erkenntnis heraus, daß das Drama sich im Inneren der beteiligten Personen abspielt, die eingebettet leben in einer bigotten geschlossenen Dorfgesellschaft.

Johannes Leiackers Bühnenbild lässt die Drehbühne mit Ausnahme eines großen Tisches mit vielen Stühlen und einem geschnitzten Bett leer. Es ist ein Einheitsbühnenbild für alle drei Akte, in dem der Bühnenboden den Fortgang der Jahreszeiten beschreibt; die grüne Sommerwiese im ersten Akt, im zweiten Akt unter kaltgrauem Schnee mit veritablen Schneeflocken und frühlingswarm, übersät von Narzissen, im letzten Akt.

Der Platz der Personen am Tisch zeigt die Hierarchie an innerhalb der Familie Buryja, einer Sippe, der mit dem ganzen Dorf verwandt oder verschwägert zu sein scheint. Aus der Küsterin, zweite Frau des zweiten Sohnes der Alten Buryja, war während der langen Zeit des Wartens auf den Tod der ersten Frau des Angebeteten, der sich dann als doch nicht so liebenswert entpuppte, als den sie ihn verklärt sah, ein harter, verbitterter Mensch geworden, Hüterin des (katholischen) Glaubens, geknechtet und abhängig von einer öffentlichen Meinung, der sich private Empfindungen vollständig unterzuordnen haben. Jenufa, Stieftochter der Küsterin aus der ersten Ehe ihres Mannes, trägt zwar die Last der Erwartung der Stiefmutter, aus ihr möge etwas Besseres werden, ist ein positiver, fühlender Mensch geblieben, nicht – vielleicht noch nicht – verformt durch die Sittenstrenge der Mutter. Konwitschnys Interesse konzentriert sich, wie so oft, auf die Befindlichkeit der Frauen des Stückes, in diesem vor allem der Küsterin, deren Weg vom dominanten Oberhaupt der Familie über die pragmatische, Schande von der schwangeren Stieftochter abwendende Stiefmutter zur einer an der eigenen Tat zerbrochenen Kreatur. Der Platz am Tisch ändert sich im Laufe des Dramas. Am Ende sitzt die Küsterin in sich zurückgezogen abseits der Gesellschaft.

Neben der Küsterin steht Jenufa im Mittelpunkt, das arglose, fröhliche Mädchen, das der affige Stewa, Sohn des ersten Sohnes der alten Buryja, geschwängert hat und nicht heiraten will, weil sein Stiefbruder Laca im Eifersuchtsaffekt Jenufas Wange geschnitten hatte, von der eine Narbe zurückblieb. Aus dem fröhlichen Mädchen wird trotz des in Abgeschiedenheit und Heimlichkeit unter den Augen der unerbittlichen Stiefmutter geborenen Sohnes eine liebende Mutter, eine Frau, die den Vater ihres Kindes noch immer heiraten würde (ob sie ihn noch liebt ist zweifelhaft), der sich allerdings inzwischen schon wieder anderweitig orientiert hat. Warum sie sich dann doch für Laca entscheidet, blieb mir immer unerklärlich, möglichweise erkennt sie seine ehrliche Absicht und begibt sich in ein geborgenes Umfeld, das zumindest Hoffnung auf eine glückliche Zukunft lässt, zumindest die Musik verheisst uns das, die nach der Entdeckung des Kindsmordes der Küsterin und ihrer Verhaftung in entsetztem C- Dur endet, dann aber wieder anhebt, zu einem
„Epilog“, sagt Konwitschny im Programmbuch, in B-Dur. Denn: „Oper ist nicht nur Abbildung des Lebens, sondern auch Modell“ (PK). Und: „[.] Janacek behauptet, „daß in jedem Menschen ein göttlicher Funke ist, in jeder Barbarei in Funke Hoffnung“(PK).

Dieser „Epilog“ findet vor fast ganz geschlossenem Vorhang statt. Durch einen Spalt sieht man die verlassene Hochzeitstafel, an dem die alte Buryja sitzen blieb. Jenufa steht vor dem Vorhang, Laca kommt hinzu, und gemeinsam gehen sie weg. Eine Szene, die sehr an das Ende des Tristan in München erinnert.

Nach den Jenufa Vorstellungen, die ich in der Bayerischen Staatsoper unter Tomáš Hanus und Kyrill Petrenko hörte, war der erste Akt in Graz unter Chefirigent Dirk Kaftan fast wie ein Schock für mich. Das Grazer Philharmonische Orchester spielte fabelhaft, den Zugriff fand ich sehr symphonisch, das Klangbild fast gewälttätig, häufig laut und die Sänger überdeckend. Im zweiten Akt verstand ich die Klangvorstellung des Dirigenten schon besser. Dieser Akt ist geprägt von dem wunderbaren Violinsolo, das die Konzertmeisterin wie einen Dialog mit Jenufa auf der Bühne spielt, während diese nach ihrem verschwundenen Kind sucht und für es betet. Kammermusikalisch ist an der orchestralen Deutung durch Dirk Kaftan nichts, sie ist auch nur eingeschränkt durchhörbar mit Ausnahme der genannten Szene im zweiten Akt, entspricht also nicht unbedingt meinen Hörgewohnheiten. Dennoch war ich uneingeschränkt begeistert am Ende, denn das Orchester unterstreicht die Dichte und Dramatik des Geschehens auf der Bühne auf geradezu atemberaubende und beklemmende Weise. Gespielt wird in Graz die noch nicht allzulange zugängliche, wiederhergestellte Brünner Fassung von 1908.

Für die Sänger bleiben wieder nur ein paar Zeilen, wird sich vielleicht mancher denken. Schrecksekunde, als der Dramaturg gestern Abend vor den Vorhang trat und die Absage von Gal James, Premieren Jenufa, vom Morgen des gleichen Tages verkündete. Man holte Andrea Danková aus Bratislava und wies sie am Nachmittag in die Produktion ein. Andrea Danková hat eine große Stimme mit dramatischem Ausdruck (sie sang Jenufa in Brüssel in diesem Jahr), hat auch Tosca in ihrem Repertoire. Die Eindringlichkeit ihrer Darstellung und die sängerische Leistung liess nicht darauf schließen, daß sie die Produktion nicht geprobt hatte. Eine überraschende Bekanntschaft und eine interessante dazu. Ich hoffe, es bleibt nicht bei der einmaligen Begegnung. Die Ovationen des Publikums nahm sie kniend entgegen. Sie galten nicht nur ihrem schnellen Einspringen sondern der auch der berührenden Interpretation. Iris Vermillion hingegen ist keine neue Bekannschaft, ich habe sie in Leipzig gesehen, u.a. in Konwitschnys Produktion von Nonos „Al gran sole carico d’amore“ und in München als Larina in Eugen Onegin“. Sie gab ihr Debüt als Küsterin in Graz, darstellerisch fesselnd und stimmlich überzeugend, das ihr tosenden Applaus und die Zuneigung des Publikums einbrachte. Ihre stimmliche Verfassung erlaubt es ihr, die Küsterin zu singen, die Rolle mit vokalen Mitteln zu gestalten, im Zusammenspiel mit ihrer Bühnenpräsenz eine enorme künstlerische Leistung. Ales Briscein hat mir als Laca gut gefallen mit seinem für Laca typischen, hellen Tenorklang. Er soll in München Stewa gesungen habe, allerdings kann ich mich an eine Vorstellung nicht erinnern. Neben den guten Leistungen des gesamten Ensembles ist der Chor und Kinderchor hervorzuheben, bei dem sich vor allem die Fähigkeiten Konwitschnys dokumentieren. Da stand eben nichts und keiner rum, sondern alles und alle hatte eine Bedeutung.

Soweit mir bekannt ist, gibt es an der Oper Graz demnächst einen Wechsel der Intendanz. Ich hoffe sehr, daß die fruchtbare Zusammenarbeit mit Peter Konwitschny fortgeführt wird, denn während meines kurzen Besuches habe ich viel zu wenig von der schönen Stadt gesehen und das weitere kulturelle Angebot habe ich zwar wahrnehmen, aber keineswegs entdecken können. Bis bald mal wieder.

JENUFA, Oper Graz, Vorstellung am 25. April 2014
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Inszenierung: Peter Konwitschny
Ausstattung: Johannes Leiacker
Licht: Manfred Voss
Dramaturgie: Bettina Bartz • Bernd Krispin

Die alte Buryja: Dunja Vejzović
Laca Klemen: Ales Briscein
Stewa Buryja: Taylan Reinhard
Die Küsterin Buryja: Iris Vermillion
Jenufa: Andrea Danková
Altgesell: David McShane
Dorfrichter: Konstantin Sfiris
Seine Frau: Stefanie Hierlmeier
Karolka: Tatjana Miyus
Schäferin: Fran Lubahn
Barena: Xiaoyi Xu
Jano: Nazanin Ezazi
Tante: Hana Batinic
1. Stimme: Hana Batinic
2. Stimme: István Szecsi
Solovioline: Fuyu Iwaki

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