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Royal Opera House: Manon Lescaut

Juni 26, 2014

Manon Lescaut, 4. Akt

Niemals würde ich öffentlich zugeben, daß ich nach London reiste, um Jonas Kaufmanns Debüt als Chevalier des Grieux zu erleben. Selbstverständlich ging es mir ausschließlich um die künstlerische Wiederkehr des Werkes nach mehreren Dekaden nach Covent Garden.

Jonathan Kent, ein mehr im englischen Sprachraum tätigen Regisseur, verlegte Puccinis Version der tragischen Liebesgeschichte des Chevalier des Grieux und Manon Lescaut ins hier und Heute. Der Amiens-Akt zeigt die Ankunft Manons, möglicherweise ein Mädchen aus Osteuropa, vor einem Club oder Stundenhotel, in dem ihr Bruder eine gewisse Rolle zu spielen scheint, und wird dort auch gleich untergebracht. Der Student Des Grieux drückt sich im Umfeld des Clubs herum, traute sich nie so richtig rein, fühlt sich von Manon sehr angezogen und sie sich von ihm ebenfalls.

Das Zusammenleben der beiden war nicht von langer Dauer und so kam es, daß Manon bei Geronte landete, der schon bei der Ankunft in Amiens ein Auge auf sie geworfen hatte. In seinem rotplüschigen Boudoir wird Manon mit dem überhäuft, woran sie Gefallen findet – Sex, Juwelen und Publicity. Davon kann sie so recht selbst dann nicht lassen, als Des Grieux auftaucht und so kommt es, wie es kommen musste. In flagranti erwischt – ab nach Le Havre und Deportation nach Amerika.

Bei der Einschiffung in Le Havre handelt es sich wiederum um einen Akt höchsten öffentlichen Interesses. Die verurteilten Frauen sind tv-tauglich hergerichtet und ihr Abgang erfolgt entsprechend spektakulär durch eine riesige Plakatwand.

Das Bühnenbild des letzten Aktes erinnerte mich stark an Calixto Bieitos Eröffnungsbild des Stuttgarter Parsifals. Manon und Des Grieux kauern auf der Flucht am Abgrund einer abgebrochenen Brücke. Manon verdurstet in Des Grieux Armen.

Meine bisherige Erfahrung mit Kristine Opolais als vorzügliche Darstellerin bestätigte sich auch in ihrer Rolle als Manon Lescaut. Als Manon Lescaut hat mich dazu auch sängerisch überzeugt. Kaufmann klang zu Beginn verhalten. Im „Donna non vidi mai“ war an diesem Abend viel Luft nach oben; es klang etwas gekünstelt. Im Lauf des Abends fand die Stimme dann doch ihren natürlich strömenden Ausdruck. Am überzeugendsten fand ich das intensive Zusammenspiel der beiden im vierten Akt.

Christopher Maltmans stark gesungenem Lescaut und Marizio Muraros solidem Geronte habe ich naturgemäß weniger Aufmerksamkeit entgegengebracht als den beiden Rollendebütanten Opolais und Kaufmann.

Ich kann nun überhaupt nicht begründen, warum mich die Bühnenaktionen keinen Moment emotional berührten. Waren es die Bühnenbilder, Kaufmanns etwas zu selbstbewusstes Auftreten, der den verdruckten Studenten und sein irrationales Verhalten wenig glaubhaft machte, Opolais Timbre, dem ich nicht wirklich etwas abgewinnen kann? Ich weiß es nicht.

Puccini spielte an diesem Abend jedenfalls im Graben. Dort musizierte sich das Orchester des Royal Opera House unter Antonio Pappano die Seele aus dem Leib. Beim Intermezzo zwischen Akt 2 und 3 hätte man die Zeit anhalten wollen. Emotionen wie Leidenschaft, Liebe, Verzweiflung, durch das Orchester hörbar gemacht, entschädigten für das Manko der Bühne reichlich.

Manon Lescaut
Giacomo Puccini
Vorstellung am 20. Juni 2014

Dirigent Antonio Pappano
Regie Jonathan Kent
Bühne und Kostüme Paul Brown
Licht Mark Henderson
Choreograph Denni Sayers

Besetzung:
Manon Lescaut Kristīne Opolais
Lescaut Christopher Maltman
Chevalier des Grieux Jonas Kaufmann
Geronte de Ravoir Maurizio Muraro
Edmondo Benjamin Hulett
Tanzmeister Robert Burt
Singer Nadezhda Karyazina
Lamplighter Luis Gomes
Naval Captain Jeremy White
Act III Sergeant Jihoon Kim
Innkeeper Nigel Cliffe
Orchestra of the Royal Opera House
Royal Opera Chorus

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