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Münchner Opernfestspiele: Macbeth

Juni 28, 2014

Bereits nach der Premiere vor knapp sechs Jahren habe ich meine tiefe Abneigung gegen Martin Kušejs Macbeth-Inszenierung ausgedrückt und begründet. Daran hat sich im Grunde nichts geändert. Ich schiebe es auf die neue, ungewohnte Perspektive von meinem gestrigen Sitzplatz in der Mitte des ersten Ranges, die mir eindrucksvolle Bilder bescherte. Nun bin ich mir nicht sicher, ob man die Hexen-Urinier-Szene absichtlich entschärft hat, d.h. die Hexen pinkelten im Dunkeln, oder ob auch das der neuen Perspektive geschuldet war. Auf jeden Fall ist die Inszenierung frisch, etwas was ich an unserem Haus sehr schätze, und sie ist (trotz meiner Abneigung) spannend.

Bekanntlicherweise fühlte Anna Netrebko sich zur Rolle der Lady Macbeth hingezogen und scheute das stimmliche Abenteuer tatsächlich nicht. Ruft man sich frühere Tondokumente von ihr in Ausschnitten dieser Rolle in Erinnerung, so konnte man sich nicht wirklich vorstellen, daß sie als Lady reüssieren würde.

Anna Netrebko hat viel gearbeitet an der Rolle, und das Resultat war mehr als respektabel, finde ich. Dies war nun der Abend ihres Rollendebüts auf der Bühne; nicht alles fand ich gleichermaßen gelungen, deshalb möchte ich nur allzugerne die zweite Vorstellung erleben. Während der Ouvertüre war schon zu vernehmen und zu sehen, daß sie die Herausforderungen der Inszenierung angenommen hatte, die Geburtswehen im Militärzelt mit anschließender „Entsorgung“ des Fötus sowie das Kronleuchter-Räkeln eingeschlossen. Anna Netrebkos Stimme hatte eine andere Tongebung als gewohnt, klang dunkler und fast etwas metallisch, auch fahle Passagen wie in „La luce langue“ scheute sie nicht. Für meine positive Bewertung ausschlaggebend ist die Tatsache, daß immer „gesungen“ wurde. Zwar verträgt die Lady auch scharfe Töne und weniger schöne Stimmen, ich würde Anna Netrebko und ihre noch nicht ganz so böse Lady mit der betörenden Stimme allerdings immer vorziehen.

Natürlich galt Anna Netrebkos Rollendebüt meine Hauptaufmerksamkeit; der Abend hatte allerdings noch mehr zu bieten. Der von mir sehr geschätzte Simon Keenlyside verkörperte Macbeth. Wie schon beim Vater Germont vermisste ich ein bisschen Italianità bei seinem Gesang. Die ganze Figur, so wie er sie anlegt, scheint Shakespeare näher als Verdi. Ein schwacher Charakter, dieser Macbeth, leichtes Handwerkszeug für die Lady. Erst bei „Pietà, rispetto, amore“ liess er die Stimme strömen. Es sang übrigens „amore“ im Gegensatz zu Lucic, der immer „onore“ singt.

Den Vogel abgeschossen hat für mich Joseph Calleja, dessen Stimme in ihrer „Andersartigkeit“ so wunderbar zu Macduff passt. Zu hören war das in dem a-capella-Sextett (begleitet von leisen Paukenschlägen und wenig Basspizzicato) am Ende des ersten Aktes, in dem er sozusagen die Führung übernahm, aber vor allem in seiner großen Szene „O figli, o figli miei!“, die mit sehr viel Gefühl gesungen wurde. Ein paar Sternminuten.

Ildar Abdrazakov komplettierte das luxuriöse Quartett der Hauptrollen als Banco.

Von Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper werden in den nächsten paar Wochen Höchstleistungen gefordert. Der Aufgabe des ersten Abends entledigten sie sich mit Bravour. Paolo Carignani war dafür mit ein Garant, ein ausgezeichneter Sängerbegleiter und im italienischen Fach für mich erste Wahl am Pult.

Macbeth
Giuseppe verdi
Bayerische Staatsoper Aufführung am 27. Juni 2014

Musikalische Leitung Paolo Carignani
Regie Martin Kušej
Bühne Martin Zehetgruber
Kostüme Werner Fritz
Licht Reinhard Traub
Chor Sören Eckhoff
Dramaturgie Olaf A. Schmitt.
Sebastian Huber

Macbeth Simon Keenlyside
Banco Ildar Abdrazakov
Lady Macbeth Anna Netrebko
Dama di Lady Macbeth Iulia Maria Dan
Macduff Joseph Calleja
Malcolm Dean Power
Arzt Christoph Stephinger
Diener / Mörder Andrea Borghini
Erscheinung 1 Rafał Pawnuk
Erscheinung 2 Elsa Benoit
Erscheinung 3 Tölzer Knabenchor

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

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