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Münchener Opernfestspiele: Don Carlo

Juli 24, 2010

Groß waren meine Erwartungen an Don Carlo. Die Milleniums-Festspieleröffnungspremiere, schnell mal ausgegraben zu Anfang des Jahres und mit glänzenden Sängern besetzt, war mein sängerisches Highlight dieses Jahres. Zur aktuellen Festspielzeit veredelt das Stück das Angebot des gegenwärtig wenig glanzvollen Repertoires. Auch wenn mir die beiden in der zweiten Aufführung neben mir sitzenden, extra angereisten Damen mitteilten, das Stück sei zu dunkel, Elisabeths Kleider nicht schön genug und überhaupt, wo sei denn der üppige spanische Garten, von den mickrigen Eisenstühlchen im Palast ganz zu schweigen: ich finde Jürgen Roses schachtelhaftes Bühnenbild mit dem drohend wirkenden allgegenwärtigen Kruzefix nach wie vor grandios; es lenkt nicht ab von den Dramen, die sich zwischen den Personen abspielen und den Konflikten, die sie innerlich quälen.
Zum Autodafé wird der schachtelhafte Raum geweitet, bleibt aber gefühlt beklemmend dunkel; die unter den auf einem Scheiterhaufen wartenden Ketzern glimmende Glut auf die Verbrennung rückt das gruslige Geschehen auf der Bühne ins richtige Licht. Man weiss zwar, daß südländische Heiligenprozession, weltlicher Pomp und klerikale Allmachtsdemonstration die bevorstehenden Hinrichtungen garnieren und zum Fest machen, glauben kann ich es nie.

Ich war in beiden Vorstellungen des Don Carlo, am 18. und am 22. Juli, die sich in der Besetzung des Marquis de Posa unterschieden. Am 18. Juli lieferte George Petean ein faszinierendes Rodigo-Porträt. Er hat eine virile, schön timbrierte, sehr bewegliche Stimme, versah sein erstes Stück sogar mit einer (notierten?) Verzierung, die ich noch nie gehört hatte. George Petean ist Ensemblemitglied an der Hamburgischen Staatsoper, wo er mich als Posa in der wiederaufgenommenen Konwitschny-Inszenierung beeindruckte.

Ebenfalls kurzfristig eingesprungen als Marquis de Posa war Thomas Hampson in der zweiten Vorstellung am 22. Juli. Beeindruckend ist seine Bühnenpräsenz als Darsteller, unverwechselbar und intakt seine Stimme; schön ihn wieder auf der Bühne des Nationaltheaters zu sehen.

Verblüfft hat mich Ramón Vargas mit seinem Auftritt als Don Carlo. Ich schätze ihn als Tenor ausserordentlich, die Stilsicherheit und Unaufgeregtheit seines Vortrags, das Timbre. Als großer Schauspieler war er mir bisher noch nicht aufgefallen. Don Carlo jedoch förderte glänzende darstellerische Anlagen zu Tage, was in eine ideale Interpretation des Infanten mündete.

Der Reigen der glänzend besetzten männlichen Hauptrollen wurde komplettiert durch Christian Van Horn als Mönch und Paata Burchudladze als Großinquisitor mit mächtigen Bässen. Die unterschiedlichen Bässe in Don Carlo, die hier so charakteristisch und treffend besetzt waren, sind immer wieder beeindruckend.

Wo ordne ich nun Herrn Pape ein, wo all diese Herren schon in den obersten Ligen ihrer Disziplinen spielen? Vielleicht als eine Art Beckenbauer der Bässe (Sorry, Kalauer)? Einsame Klasse war sein König Philipp. Das Volumen der Stimme und seine Gesangstechnik gibt ihm Raum für Farben und Abstufungen, dazu die intelligente Darstellung. Wunderbar.

Nadia Krasteva hat sich nach meinem Eindruck gegenüber der Januar-Eboli verbessert. Die tieftimbrierte Stimme klang sauber geführt. Keine Einwände von meiner Seite gegen sie.

Ich weiss nicht, ob es Olga Guryakovas Elisabeth auf die Sprünge helfen würde, wenn sie versuchen würde, sich für eine Sprache und gegen das Aneinanderreihen von Vokalen zu entscheiden. Ich fürchte nein. Die Dame singt vermutlich im falschen Fach. Das war ein Gepresse und Geschiebe in die Höhe, keine Spur von Phrasierung. Oftmals entglitt ihr die Stimme, nicht in „falsche“ Töne sondern sie fiel in dynamische Löcher oder deren Gegenteil. Nur ab und zu erinnerten lyrische Schönheiten an ihren Auftritt als Onegin-Tatjana. Ihre Besetzung war im Umfeld des übrigen Ensembles nichts weniger als eine Zumutung.

Marco Armiliato dirigierte zuverlässig und sängerfreundlich. Abstimm- und andere Probleme sind bei dem Münchener Staatsopernchor leider schon fast eine Routinefeststellung.

Auch ohne Elisabetta waren beide Don Carlo festspielwürdig und rangieren auf meiner persönlichen Wertungsskala ziemlich weit oben. Ovationen, was sonst.

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