Skip to content

Festspiel-Premiere: Die schweigsame Frau

Juli 24, 2010

Ein bisschen scheue ich mich, über den Premierenabend im Prinzregententheater zu Die schweigsame Frau zu berichten, da ich (1) das Werk vorher noch nie gesehen hatte, (2) auch danach nicht den Eindruck hatte, das Werk zu kennen, (3) mich mit Richard Strauss ohnehin etwas schwer tue.

Sir Morosus, Kapitän im Ruhestand, scheint neben einer Lärm- und Geräuschallergie allerlei Wehwehchen zu haben, ein wahrer Hypochonder, nicht nur ausgeliefert den alternativen Behandlungsmethoden des Barbiers Schneidebart sondern auch ein leicht beeinflussbarer Charakter, manipulierbare Masse in den Händen des Barbiers. Warum also nicht die nervend schwatzhafte, sich in alles einmischende, langjährige Haushälterin eintauschen gegen etwas Junges, Ruhiges. Morosus Neffe, Henry, trifft gerade zur rechten Zeit ein. Er ist Mitglied einer Operntruppe und zieht mit seinen Begleitern beim Onkel ein.

Unter dem bunten Volk findet sich die Crème de la crème der Opernliteratur. Neben allerlei Zauberflöten-Ungeheuern und dem Lohengrin-Schwan erkannte ich Tosca, der Königin der Nacht, Rigoletto, Violetta, Butterfly, Escamillo und eine dickbäuchige geflügelte Brünnhilde, in deren Maske sich Aminta verbarg, die Primadonna des Ensembles.


Als Henry von Aminta nicht lassen wollte, als dem Onkel die Komödianten zu laut werden und er sie loswerden wollte, enterbte Morosus Henry, um selbst für seinen Nachwuchs zu sorgen. Dem cleveren Schneidebart kam die Idee, dem Kapitän nicht nur eine Lehre für seine Marotten zu erteilen sondern auch an sein Geld zu gelangen. Die Komödie beginnt. Man führt dem Alten Heiratsaspirantinnen aus der Schauspieltruppe zu: einen Bauerntrampel, einen besserwisserischen Blaustrumpf und die handzahme Aminta unter dem Pseudonym Timidia, für die sich der vertrottelte Morosus entscheidet.

Bereits am Hochzeitstag hätte der Sir die Glocken läuten hören können, hätte er denn Ohren dafür gehabt. Bei der Hochzeitsfeier flog ihm nicht nur die Hochzeitstorte ins Gesicht, seine Hochzeitsgäste ähnelten einem Lazarett entflohenen Haufen auf der Flucht vorm Pflegepersonal. Timidia entwickelt sich planmässig vom willfährigen Mäuschen zur Domina. Unter ihrer Anleitung wird nicht nur das Haus des Morosus rosarot umgestaltet, auch er selbst, zuerst Wachs in den Händen des Barbiers, nun in denen Timidias, trägt passend zum Interieur ein rosarotes Outfit. Obwohl Timidia über die anhängliche Zuneigung des Kapitäns gerührt ist, verfolgt sie konsequent ihre Absichten. Neben einem Klavier samt Klavierlehrer wird sogar ein schreiender Papagei angeschafft.

Geld spielt keine Rolle. Man sitzt sozusagen mitdrin oder darunter oder darauf.
Henry ist schliesslich der Retter seines Onkels. Er verspricht ihm, die Scheidung zu arrangieren, was sich als nicht ganz so einfach herausstellt. Als der Barbier nämlich Amintas voreheliche Eskapaden mit Henry als Scheidungsgrund vorbringt, lehnen die Scheidungsrichter (Mitglieder der Schauspieltruppe) diesen als unrelevant ab, so daß der entsetzte Morosus die wilde Timidia behalten zu müssen glaubt. Als endlich alle ihre Masken fallen lassen, ist Morosus erleichtert, setzt Henry wieder als Erben ein und schliesst Aminta in seine Arme.

Barrie Koskys Regieführung verzichtet auf Umdeutungen des Stoffes, beschränkt sich auf Personenführung, die allerdings grandios ausgeklügelt ist. Im kleinen Prinzregententheater nimmt man als Zuschauer auch Nuancen wahr und die gibt es hier reichlich. Die Bühne ist karg, technisch unaufwendig und besteht aus einem aufklappbaren Podest, prächtig, raffiniert und detailverliebt sind die Kostüme (Bühne und Kostüme Esther Bialas). Mir erscheint die Inszenierung trotz der ausgeklügelten Herausarbeitung der Charaktere zu klamaukig und damit zu sehr an der Oberfläche bleibend, auf schnelle Wirkung bedacht. Die von Nagano als feine Ironie bezeichnete Parodie bleibt damit ein bisschen auf der Strecke. Bezeichnend dafür der Szenenapplaus als beim Öffnen der Bühnenvorrichtung sich ein Goldregen über Timidia und Morosus ergoß. Ja sind wir denn bei „L“elisir d’Amore“?

Mir fehlt vermutlich das entprechende Gen, das den Zugang zur Musik von Richard Strauss erleichtert oder vielleicht sogar ermöglicht. Deshalb kann ich die musikalische Qualität des Abends bestenfalls gefühlsmässig beurteilen. Kent Nagano hat man in der Vergangenheit gerne nachgesagt, mit Hausgott Mozart gar nicht und mit Hausgott Strauss nur bedingt zu können. Nun, angesichts der neuen Interessenlage scheint Nagano beim Publikum einen hohen Stellenwert zu geniessen, der ihm nach meiner Meinung eher zukommt als das Bashing, was er denn nun kann und was er nicht kann. Den lyrischen, melodischen Momenten konnte ich jedenfalls sofort etwas abgewinnen, den komplizierte Rest muss ich mir wohl erarbeiten.

Auf der Bühne ereignete sich Erfreuliches. Catherine Wyn-Rogers verkörperte eine herrlich schrullige Haushälterin. Der als Barbier besetzte quirlige Nikolay Borchev hatte keine Mühe, die Rolle gesanglich auszufüllen, selbst beim parlando wartete ich auf den berühmten Knoten in der Zunge vergeblich. Eine Glanzleistung.
Glanz verströmte auch Toby Spence als Henry, der mit letztes Jahr als in Salzburg als Einspringer für Ian Bostridge in Die Schöpfung begegnete. Hier in München schien die Stimme deutlich an Volumen und Kraft gewonnen zu haben.

Natürlich zog Diana Damrau in der letzten Rolle vor ihrer Niederkunft die Aufmerksamkeit auf sich. Kokett spielte sie mit ihrer Schwangerschaft, die raffiniert Teil der Inszenierung wurde. Sie sang und spielte wie entfesselt und fühlte sich sichtlich wohl in dieser Produktion. Ein Sängerin in der Blüte. Man darf sich auf ihre Rückkehr auf die Bühne freuen.

Glänzend disponiert auch das übrige Ensemble Isotta Elena Tsallagova (Isotta), Anaïk Morel (Carlotta), Christian Rieger (Morbio), Christoph Stephinger (Vanuzzi) und Steven Humes (Farfallo).

Ein großes Bravo für Franz Hawlata als Sir Morosus, der die Rolle voll annahm und trotz stimmlicher Einschränkungen sich höchst respektabel präsentierte.

Großer Beifall für alle Beteiligten, eingeschlossen das Regieteam. Getrampel für Nagano und das Orchester.

Sir Morosus Monolog beschliesst Die Schweigsame Frau:

Wie schön ist doch die Musik – aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist!
Wie wunderbar ist doch eine junge, schweigsame Frau, – aber wie wunderbar erst, wenn sie die Frau eines andern bleibt! Wie schön ist doch das Leben, - aber wie schön erst, wenn man kein Narr ist und es zu leben weiss! Ah, meine Guten, grossartig habt ihr mich kuriert, noch nie hab ich so glücklich mich gefühlt.
Ach, ich fühle mich unbeschreiblich wohl. Nur Ruhe!
Nur Ruhe! Aaah – – – Aaah – – – Aaah! – – –

Hört man sich dieses wunderbare Stück an, z.B. hier gesungen von Matti Salminen, dann versteht man vielleicht, was ich in dem sprühenden Ideenreigen vermisste. Einzig das letzte Bild des zusammengekauerten Morosus gibt in unserer Inszenierung darauf einen Hinweis.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: