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Bayerische Staatsoper: La forza del destino

Dezember 23, 2013

Für die Darstellung von Krieg, Nachkriegswehen, Zerstörungsszenarien braucht Martin Kušej nicht viel; vor allem braucht er immer dasselbe. Einen Bewegungschor, Jucken und Kratzen, Blut, ein paar hektische Statisten. So weit so gut, das hatten wir doch schon öfter. Plastikflaschen kamen hinzu, aus denen ausschweifend getrunken wurde. Auch das hatten wir schon. Meine Befürchtung, es würde in wildem Bühnenbieseln enden, bewahrheitete sich indes nicht.

Es wurde kolportiert, daß Kušej die Geschichte als eine Art Rückschau Leonoras interpretiert sehen wollte, was er anhand der sorgfältigen Bebilderung der langen Ouvertüre einleitete. Dort sitzt eine verstört anmutende Leonora im Kreise der Familie beim Abendbrot am Riesentisch und stochert in ihrem Teller. Der Hausgeistliche sitzt am Tisch, die bewaffneten Leibwächter stehen – so ist das bei Familie Mafia. Ein „Mulatte“ wie Alvaro hätte da nicht hin gepasst, die Sippe musste „rein“ bleiben. Wäre nicht der Padrone durch einen unglücklichen Unfall ums Leben gekommen, hätte Leonoras Bruder Carlo kein Rachemotiv gehabt, wäre man Leonores Geliebten Alvaro eben auf andere Weise losgeworden.

Den Ansatz der Rückschau finde ich ganz interessant, durchgezogen wird er allerdings nicht, zumindest nicht augenfällig. Einzige Konstante ist ein Esstisch, auf dem oder unter dem sich die zentralen Momente der Oper abspielen. Und möglicherweise die Assoziation des Padre Giordano mit Leonoras Vater Calatrava. Als der am Ende erscheint, ist Leonora allerdings schon tot. Wenig schlüssig also aus meiner Sicht.

Ein ähnlich biederes Bühnen-Idyll wie das Cavatra-Zimmer aus dem ersten Akt wiederholt sich im zweiten Akt als Leonora in Verkleidung Aufnahme bei Padre Giordano sucht nachdem sie und Alvaro sich auf der Flucht vor Carlos Verfolgung verloren hatten. Eine Atmosphäre wie in einem evangelischen Gemeindehaus oder einem katholischen Refektorium. Gummibaum. Resopal-Faltwand. Der Tisch davor. Ganz so harmlos ist die Sache aber nicht. Nach ihrer Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft wird Leonora erst einmal bis zur Bewußtlosigkeit „getauft“. Meine Interpretation: Leonora kann nicht anders, sie begibt sich von einer Abhängigkeit oder Fessel in die andere.

Alvaro und Carlo sind unter fremdem Namen in eine Armee eingetreten. Sie wissen nicht voneinander. Bis sie sich treffen. Auf dem Tisch versteht sich. Der Kriegschauplatz hat Ähnlichkeit mit dem WTC, ein Querschnitt des zerstörten Gebäudes bildet die hintere Bühnenbegrenzung, Aktionen erinnern an Abu Ghraib. Es wird ein religiös motivierter Krieg suggeriert.

Auf dem allgegenwärtigen Esstisch beschwört Leonora zu Beginn das Kreuz, auf ihm besiegeln Don Carlo und der verwundete Alvaro nun ewige Soldatenfreundschaft, auf ihm schwört Carlo Rache als er Alvaros wahre Identität entdeckt, auf dem Tisch kopulieren Soldatenhorden und darauf ersticht Alvaro Don Carlo, der im letzten Atemzug seine Schwester Leonora ermordet. Eine Ehrensache.

Interessant fand ich, wie unterschiedlich Leonora und Alvaro sich in ihr vermeintliches Schicksal ergeben. Beide suchen Zuflucht im Glauben. Während Alvaro gehen lässt, seine Identität aufzugeben scheint, lebt Leonora in der Eremitage selbstbestimmter und selbstbewusster, wie mir scheint.

Auch wenn die Ironie meiner Beschreibung der Szene einen negativen Eindruck erweckt – dies war kein schlechter Premieren-Abend. Im Gegenteil. Die schauspielerischen und die Gesangsleistungen der Solisten und des Chores waren phänomenal gut und machten die auffallenden szenischen „Unausgewogenheiten“ bei weitem wett.

Ein Wort noch zum Orchester und der musikalischen Leitung ehe ich mich vollständig der Schwelgerei über die Gesangsleistungen hingebe. Sie haben alles richtig gemacht und dennoch bleibt ein bitterer Geschmack wie der einer verpassten Gelegenheit. Ein Dirigat ohne Emphase und ohne Empathie führt nunmal zu Längen, die nur dank der Sänger nicht zum Gähnen verleiteten.

Es war ein guter Einfall, Vitalij Kowaljow sowohl den Marchese von Calatrava wie auch Padre Giordano singen zu lassen. So konnte er die Ausdruckskraft seiner Basstimme zur Geltung bringen, von der Eiseskälte des Marchese bis zur menschenfreundlichen, friedvollen Wärme des Pater Giordano.

Jonas Kaufmann, mal wieder im immer gleichen Outfit und diesmal merkwürdiger Frisur, warf sich voll in die Rolle des Außenseiters, spielte glaubhaft Draufgänger und Mönch. Gesanglich überzeugte er total, vielleicht manchmal mit etwas zu viel Kraft zu viel wollend bei diesem Rollendebüt, dennoch differenziert gestaltend. Der beste Verdi, den ich von ihm bisher hörte und es kann ja auch noch besser werden in den Folgevorstellungen, obwohl da so viel Raum zum besserwerden nicht mehr ist. Darstellerisch wird er ohnehin jeder bisher gesehenen Rolle gerecht.

Ich weiß, daß Ludovic Tézier Verdi singen kann, konnte ihn letztes Jahr bei den Festspielen als Posa erleben. Daß er hier in der Rolle als Don Carlo buchstäblich Furore machen würde, hatte ich so nicht auf dem Schirm. Identifikation mit der Rolle, das vollständige Zueigenmachen des Charakters, gepaart mit präzisem Spiel und stimmlicher Präsenz, zahlten sich aus und bescherten Ludovic Tézier einen Triumph.

In welcher Rolle macht Anja Harteros nicht Furore? Nun hat sie als Leonora debütiert und ich glaube, die Figur wird sie eine gute Weile begleiten. Die mädchenhafte, von der Regie fast prüde gezeichnete, Leonora des Beginns verkörpert sie ebenso selbstverständlich und sinnhaft wie die leidenschaftliche Gefährtin Alvaros oder die mutige Leonora, die den Zutritt zum Kloster erzwingt. Singt Anja Harteros, dann blüht es auf der Bühne des Nationaltheaters, die Herzen gehen auf. So einfach ist das.

Fra Melitone möchte ich hervorheben, den Renato Girolami derb und witzig verkörperte. Nadia Krasteva als Preziosilla war nicht in bester Verfassung, vielleicht wegen einer vorhergehenden Erkrankung. Ansagen ließ sie sich allerdings nicht. „Rataplan“ hat sie vermurkst.

Unglaublicher Jubel für die Sänger, in der Stärke auch sehr differenziert. Deutliche Buhs für die Regie, keineswegs vom konservativen Teil der Besucher, wie gelegentlich heute zu lesen ist. Leisere Buhs für das Dirigat.

La forza del destino
Bayerische Staatsoper
Premiere am 22. Dez. 2013

Besetzung

Musikalische Leitung Asher Fisch
Inszenierung Martin Kušej
Bühne Martin Zehetgruber
Kostüme Heidi Hackl
Licht Reinhard Traub
Chöre Sören Eckhoff

Il Marchese di Calatrava / Padre Guardiano Vitalij Kowaljow
Donna Leonora Anja Harteros
Don Carlo di Vargas Ludovic Tézier
Don Alvaro Jonas Kaufmann
Preziosilla Nadia Krasteva
Fra Melitone Renato Girolami
Curra Heike Grötzinger
Un alcade Christian Rieger
Mastro Trabuco Francesco Petrozzi
Un chirurgo Rafał Pawnuk

One Comment leave one →
  1. hanka permalink
    Dezember 24, 2013 14:16

    differenzierte Staerke des Jubels? wie genau war sie abgestuft?

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