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Festspiele 2013 – Il Trovatore

Juni 30, 2013

Eine Zigeunerin wird verbrannt, weil sie einen Sohn des Grafen verflucht hatte. Um sie zu rächen, raubt ihre Tochter Azucena den zweiten Sohn des Grafen, verbrennt allerdings aus Versehen nicht ihn sondern den eigenen Sohn. Die Zigeunerin behält das geraubte Kind und gibt ihn als ihren Sohn Manrico aus. Manrico macht der Hofdame Leonora den Hof, gerät dabei dem Grafen Luna in die Quere. Azucena eröffnet Manrico das Geheimnis seiner Herkunft. Intrigen und der Kampf um das Objekt der Begierde führt zu allerhand kriegerischen Auseinandersetzungen, an deren Ende Leonora den Eintritt in ein Kloster beschließt, weil sie Manrico tot glaubt. Sowohl Manrico als auch der Widersacher Graf Luna wollen Leonora aus dem Kloster entführen. Manrico verhindert Graf Lunas Zugriff. Dieser rächt sich wiederum um nimmt Azucena gefangen; Manrico unterliegt im Kampf um ihre Befreiung und soll nun zusammen mit Azucena hingerichtet werden. Leonore könnte beide retten, wenn sie bereit wäre, sich Graf Luna hinzugeben. Sie befreit Manrico, nimmt aber Gift, um Luna nicht folgen zu müssen. Der Verwirrung nicht genug, glaubt Manrico nun Leonore sei ihm nicht treu und habe ihn verraten. Manrico erkennt erst im letzten Moment Leonoras Grösse und wird hingerichtet. Ehe es für Azucena so weit ist sagt sie Luna, daß Manrico sein Bruder war.

Das ist mein Versuch, die verworrene Geschichte mit wenigen Worten zusammenzufassen. Ich bin sicher, ich habe etliches durcheinander gebracht oder ausgelassen. Um Vollständigkeit oder Präzision geht es letztlich bei einer Opernproduktion aber gar nicht, sondern um – worum eigentlich? Das Thema muß erst mal warten.

Die schwarz-grau-weisse, mit roten Nabelschnüren verbrähmte Bühneninstallation befindet sich auf einer Drehbühne und eröffnet die jeweils erforderlichen szenischen Räume, beginnend mit einer Art Wandertheater, in dem Ferrando die Geschichte des Verbrennung der alten Zigeunerin und des Kindesraubes zum besten gibt. Die Bühne, ausgestattet mit großen, sich drehenden Eisenrädern (Schicksalsrädern) sowie einer Lokomotive, die (wie das Publikum) im zweiten Akt mit dem Vorschlaghammer traktiert wird, erinnert mich an ein Industriemuseum, hat für mich eine gewisse Ästhetik. Weniger freundliche Besucher fanden die Bühne „zugemüllt“; auch diesen Einwand kann man nicht von der Hand weisen. Auf jeden Fall zwingt die volle Bühne die Sänger an die Rampe, was dem Stimmfetischisten entgegenkommt.

Pys zentrales Thema war offenbar die Vorgeschichte, Azucenas Verlust des Kindes und der Mutter. Die alte Mutter, eine verhärmte nackte Gestalt geistert durch den Abend, eine Untote, ein Geist, der nicht zur Ruhe kommt. Das getötete Kind erscheint als blutige Puppe, gelegentlich vervielfacht, ein nicht endender Alptraum. Niemand wird sich wundern, daß Azucena dem Alkohol verfallen ist. Es ist Azucenas Drama. Das restliche Personal interessiert Py weniger. Leonora ist irgendwann blind (warum eigentlich). Die Beziehung Manrico-Leonore erscheint szenisch nicht so zwingend, daß die Arme sich am Ende das Leben nehmen müsste. Möglicherweise ergibt sich eine andere Erkenntnis bei einem weiteren Besuch, von denen noch einige vor mir liegen. Es gibt nämlich noch eine Anzahl weiterer Figuren, die Py in die Szenerie eingefügt hat, Tänzer beispielweise und Statisten, welche die Kämpfe zwischen Manrico und Luna pantomimisch darstellen. Langweilig waren die zweieinhalb Stunden reine Spielzeit jedenfalls nicht, eher etwas überladen um alles gleichzeitig sehen, erfassen und verstehen zu können.

Vom ersten Moment an war dafür klar, was man an diesem Abend zu hören kriegen würde. Kwangchoul Youn, Gurnemanz vom Dienst, eröffnete den Abend als luxuriöser Ferrando und lieferte gleich mal die erste Probe dafür ab, daß Wagner und Verdi sich keinesfalls ausschließen, eine Erfahrung, die mehrfach an diesem Abend zu machen war. Alexey Markov erschien mir persönlich als etwas „leicht“ als Conte di Luna, lieferte aber eine makellose Leistung. Das gilt auch für Elena Manistinas fabelhaft gesungene Azucena, die besonders litt unter der szenischen Vernachlässigung. Ein gelegentlicher Griff zur Flasche ist eben nicht genug.

Es war Jonas Kaufmanns Premiere als Manrico. Er bestand die Feuertaufe bravourös. Zwar klang die Stimme anfangs wieder etwas gaumiger, floß allerdings frei, mit tenoralem Glanz und nie stand sie unter Druck. Warum die fabelhafte gesungene, 2-strophige Stretta das Publikum zwar begeisterte, allerdings nicht außer Rand und Band brachte, ist mir ein bißchen schleierhaft. Einmal mehr war Anja Harteros die Krönung des Abends, weiblicher Teil dieses Sängertraumpaares ohne hysterisches mediales Chichi. Trotz der etwas einschränkenden äußeren Umstände war ihre Leonora des letzten Aktes tief berührend, ein Beispiel der vollkommenden Durchdringung einer Rolle vokal und darstellerisch. Ich habe mal für mich aufgezählt, in welchem Repertoire ich Anja Harteros schon hörte. In keiner Rolle hat sie enttäuscht, in manchen lieferte sie die maßstabsetzende Interpretation unserer Tage.

Von den Nebendarstellern möchte ich Golda Schultz hervorheben, deren wunderschön gesungene Ines aufhorchen ließ. Der Chor war fantastisch in Form. Das Bayerische Staatsorchester unter Paolo Carignani erwies sich wieder einmal mehr als nur Begleiter der Bühne.

Fazit: Trotz nicht uneingeschänkter Begeisterung über die Produktion freue ich mich auf weitere Abende dieses Trovatore, ein durchaus würdiger Beitrag zu Verdi-Jahr 2013

Premiere 27.06.2013
Musikalische Leitung Paolo Carignani
Inszenierung Olivier Py
Bühne und Kostüme Pierre-André Weitz
Licht Bertrand Killy
Chor Sören Eckhoff

Conte di Luna Alexey Markov
Leonora Anja Harteros
Azucena Elena Manistina
Manrico Jonas Kaufmann
Ferrando Kwangchul Youn
Ines Golda Schultz
Ruiz Francesco Petrozzi
Ein Zigeuner Rafał Pawnuk
Ein Bote Joshua Stewart
Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

One Comment leave one →
  1. Baerbl Wagner permalink
    Juli 1, 2013 10:06

    Liebe Rossignol,

    wir haben uns ja bei der Premiere gesehen. Ihrer Kritik kann ich voll und ganz zustimmen.
    Stimmlich und musikalisch war diese Auffürhung traumhaft!Und nur wegen der fantastischen Besetzung – Harteros / Kaufmann/ freue ich mich auch auf weitere Aufführungen!

    Liebe Grüße
    Bärbl

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