Skip to content

Der neue Rigoletto

Dezember 16, 2012

Mit Spannung und mit Vorfreude erwartete ich die erste „richtige“ Premiere dieser Saison an der Bayerischen Staatsoper. Nach dem pseudophilosphischen Schnickschnack, mit dem man bisher verwöhnt worden war, erhoffte ich von Árpád Schilling, dem vorletzte Saison eine spritzige Cenerentola mit dem Opernstudio am Cuvilliéstheater gelungen war, eine interessante Rigoletto Interpretation, gerne mit kontroversen Ideen oder auch einfach nur „schön“. In musikalischer Hinsicht machte ich mir keinerlei Sorgen, unser hochprämiertes Staatsorchester und eine solistische Superbesetzung würde es schon richten.

Ich kann mir gut vorstellen, welche Mühe es Protagonisten und Regisseur abverlangt, eine Oper innerhalb eines Aktionsradius von 2 Quadratmeter auf einem vergrößerten Souffleurkasten in Szene zu setzen. Sechs Wochen Probezeit sind dafür bei weitem nicht genug. Mehr als bedeutungsschwangeres Heben des adligen linken Beines des Duca di Mantova darf man da nicht erwarten. Ach nein, nach der Pause hob er auch das rechte und am Ende legte er sich sogar hin. Ah, einen Hengst hat man hereingefahren, das war wohl ein Versehen. Und einen Rollstuhl gab es, ein rechtes Folterinstrument, möglicherweise der Buckel des Rigoletto. Mehr gibt es von der Bühne nicht zu berichten. Dabei war ich nach dem dekorativen Eröffnungsbild mit den auf einer Tribüne angeordneten Choristen und dem Bläserchor noch sehr optimistisch, erwartete eine Art griechische Tragödie.

Fehlende Aktionen auf der Bühne bedeuten noch nicht, daß eine Inszenierung schlecht ist. Wenn allerdings zwischen den beteiligten Personen nichts passiert, finde ich das schon bedenklich. Die Protagonisten dieses Nichtspektakels schienen sich gerade erst getroffen haben, lieferten die einstudierten Arien zwischen glänzend und gewöhnlich ab. Für eine CD Einspielung mag sowas angehen, für die Bühne der Bayerischen Staatsoper eher weniger.

Leider war auch musikalisch nicht alles so, wie ich es mir gerne wünschte. Wenn man beispielsweise einen Blechchor so exponiert auf die Bühne bringt wie geschehen, dann muß bitte jeder Einsatz und Ton sitzen, gegebenenfalls sollten die Musiker soviel professionellen Ehrgeiz entwickeln, den aufgeregt herumfuchtelnden Dirigenten zu ignorieren. Ich beobachte seit einiger Zeit, etwa seit dem Bayerischen Staatsorchester das medienwirksame Siegel eines Orchester des Jahres verliehen wurde, eine nachlassende Qualität. Am Rigoletto Abend äußerte sich dies durch ein breiiges Zudecken (nicht nur einmal) der Gesangsstimmen,dem sogar der stimmgewaltige Joseph Calleja zum Opfer fiel.

Stimmlich war der Abend durchweg erfreulich, auch wenn ich mir mehr etwas mehr Emotion manchmal gewünscht hätte, die allerdings die Interesselosigkeit des Regisseurs an zwischenmenschlichen Beziehungen verhinderte.

Ich habe weitere Rigoletto Besuche im Dezember geplant, die ich wegen der glänzenden Sänger auch wahrnehmen werde. Dann werde ich auch zu ihnen etwas ausführlicher berichte. Für heute ist mir die Lust daran vergangen.

Großer, berechtigter Premierenjubel für Joseph Calleja, die beeindruckende Patricia Petibon und den sehr schön singenden Franco Vasallo.

Der Buhsturm für das Regieteam war dann doch etwas zu viel der Ehre, schweigendes Ignorieren wäre angemessener gewesen, denn zu Reiben gibt es nichts an dieser Inszenierung. Wo nichts ist, kann man sich nicht reiben. Großer Andrang der Enttäuschten an der Garderobe bereits unmittelbar nach dem ersten Vorhang. Was sind das für Premieren!

Rigoletto
Premiere am 15. Dezember 2012
Musikalische Leitung Marco Armiliato
Inszenierung Árpád Schilling
Bühne und Kostüme Márton Ágh
Licht Christian Kass
Dramaturgie Miron Hakenbeck
Chor Stellario Fagone

Il Duca di Mantova Joseph Calleja
Rigoletto Franco Vassallo
Gilda Patricia Petibon
Sparafucile + Monterone Dimitry Ivashchenko
Maddalena + Giovanna Nadia Krasteva
Marullo Tim Kuypers
Borsa Matteo Dean Power
Il Conte di Ceprano Christian Rieger
La Contessa di Ceprano Iulia Maria Dan
Usciere Goran Jurić
Paggio della Duchessa Yulia Sokolik

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

3 Kommentare leave one →
  1. Baerbl Wagner permalink
    Dezember 17, 2012 12:15

    Liebe Rossignol,
    ich war auch in der Premieres Vor vielen Jahren hatten wir ja Rigoletto als Planet der Affen – das war ja schon eine Zumutung. Aber diese „Nichtinszenierung“ hat das noch übertroffen!
    Wir Müchner Opernbesucher sind schon einiges gewöhnt, aber dieser Rigolettoabend war für mich die absolute Katastrophe. Keine Personenregie, Rampensingen wie vor 50 Jahren! Musikalisch empfand ich die Vorstellung leider auch sehr langweilig. Sehr schade!!!!

  2. Dezember 17, 2012 22:59

    Hallo Bärbl,
    danke für den Kommentar. Er passt nahtlos zu dem, was ich selbst von Besuchern im Theater hörte. Was ich von den professionellen Kritikern heute gelesen habe, entspricht diesem Eindruck nicht ganz. Das macht aber nichts.

    Viele Grüße
    rossignol

    • Horst permalink
      Januar 30, 2013 06:48

      Ich kann diese Kritik und jene in den Printmedien beim besten Willen nicht nachvollziehen, denn ich habe die Inszenierung wirklich genossen. Die Personenführung klar und nachvollziehbar. Ist es nicht eine geniale Idee, z.B. zu zeigen, wie die vom Vater besetzte Tochter Anlehnung und Wärme bei Männern sucht, die dies entweder gar nicht verstehen oder sie einfach „weiterreichen“? Die aufgereihten Gaffer des Geschehens, die unbewegt beweg werden müssen. Das Spiel mit dem weißen Vorhang, ist doch eine großartige Idee.

      Gut, es sei zugestanden, es bleibt nun einmal jedem selbst überlassen, eine Aufführung nach eigenen Bildern zu bewerten.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: