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Bayerische Staatsoper – Lohengrin

November 12, 2012

Gelegenheit, meine kleine Blog-Schreibpause zu beenden, bietet die Wiederaufnahme von Lohengrin an der Bayerischen Staatsoper. Ich habe ja Richard Jones‘ Häuslebauer-Inszenierung nie für ganz daneben gehalten und habe sie inzwischen doch schon einige Male sehen können. Zwar geht mir die Sinnhaftigkeit einzelner Aktionen noch immer nicht ganz auf, gelangweilt habe ich mich allerdings nie.

Ich bin seit nicht allzulanger Zeit nach einigen Dekaden fernglasloser Operngeherkarriere stolze Besitzerin, obwohl seltene Nutzerin eines Opernglases, das mir in dieser Vorstellung gute Dienste tat. Alleine schon vom Ablauf des Geschehens her hatte es mir zunächst die Elsa angetan und da sah ich doch Erstaunliches. Anja Harteros hat gegenüber allen Rollennachfolgerinnen natürlich den Vorteil, die Produktion für die Premiere einstudiert zu haben. Nach immerhin mehr als drei Jahren ist sie noch immer sehr in der Rolle dieser sehr speziellen Elsa mit deren, ja, schillernden Charakter, macht jede Gefühlregung miterlebbar; die der zielstrebig an der Verwirklichung ihrer Zukunftsvorstellungen arbeitenden Elsa, die der verträumten junge Frau, die ihre Träume vor der Männergesellschaft offenlegt und die fast entrückt darauf beharrt, daß diese sich verwirklichen würden. Damit hat mich Anja Harteros im ersten Aufzug vollkommen in Bann gezogen. Nichts an Mimik und Aktionen wirkte aufgesetzt und das setzte sich in den weiteren Akten fort, wenn es um das Teilen ihres Glückes, um Mitleid zu Ortrud geht im 2. Aufzug beispielsweise, um den Stolz, ihren Helden errungen zu haben, den Ausdruck von Eifersucht, Wut, Trauer und Freude über die Rückkehr des Bruders im letzten Aufzug.

Frau Harteros hat auch gesungen. Ihre darstellerischen Qualitäten gehen einher mit den ihr zur Verfügung stehenden stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten, die sie alle Situationen „richtig“ gestalten lassen. Zwar war die gestrige Elsa nicht ganz fehlerlos von der Textseite her, „Einsam in stillen Tagen“ klang noch etwas verhalten, auch wenige Spitzenschärfen entgingen mir nicht, aber was macht das schon angesichts des hinreißenden Rollenbildes ihrer Elsa und den Wonnen, diese wunderbare Sängerin auf der Bühne zu erleben. Das musste mal gesagt werden.

Klaus Florian Vogt gab seinen Einstand als Lohengrin in dieser Produktion. Hat immerhin mehr als drei Jahre gedauert. Und das war gut so. Inzwischen hat die Stimme Volumen zugelegt (womit ich nicht Lautstärke meine) und Farbe, auch schöne Bögen sind zu vernehmen. Frappierend für mich ist immer wieder, mit welcher Präzision, scheinbar ohne Mühe und mit großer Stamina er die Partie singt. Die merkwürdige Atemsache scheint weitgehend kaschiert, wenn auch nicht ganz behoben, weswegen ich nicht von toller Gesangstechnik schreibe, was eigentlich naheliegen würde, wenn man Klaus Florian Vogt so munter singen hört. „Wir werden denen zuhause mal empfehlen, den Klaus Florian Vogt zu hören, damit sie wissen, wie man Lohengrin singen muß“, sagte mir ein Besucherpaaar aus Wien auf meine Frage, wie ihnen der Abend gefallen habe. Auch mir hat Vogt als Lohengrin außerordentlich gut gefallen, seine Gralserzählung war atemberaubend, die Taube überirdisch. Vogts Schauspielkunst kann da nicht so ganz mithalten. Wer um Himmelswillen hat ihm bloß diesen starren Blick antrainiert, den hatte er in Bayreuth schon. Wer allerdings so fabelhaft singen kann, darf auch starr blicken. Punkt.

Mit Interesse hatte ich nach den Bayreuther Querelen Evgeny Nikitins erneuten Auftritt als Telramund erwartet, den er im letzten Sommer in München auch schon sang. Er entledigte sich der Aufgabe respektabel, hatte leichte Textprobleme, der Auftritt war sicher nicht ganz leicht für ihn. Das Publikum war fair und beurteilte die Bühnenleistung fair und freundlich. Der jüngste Nachfolger Evgeny Nikitins Heerrufer-Premierenhochsitz ist Markus Eiche, dessen Stimme mich gleich bei der ersten Phrase aufhorchen ließ; der gute Eindruck bestätigte sich über den Abend. Ein Neuzugang im Ensemble der Bayerischen Staatsoper, dem ich alles Gute wünsche. Licht und Schatten hingegen war nicht zu sehen aber zu hören bei Michaela Schusters Ortrud, die sich vor allem im letzten Aufzug ein bißchen unter Wert präsentierte. Wie Ortruds Schicksal eben. Auch Hans-Peter König schien als Heinrich der Vogler nicht seinen allerbesten Tag erwischt zu haben. Die nächsten Vorstellungen werden den Eindruck wahrscheinlich zurecht rücken.

Als Brabantische Edle rundeten Francesco Petrozzi, Dean Power, Tim Kuypers und Rafał Pawnuk den guten Gesamteindruck wohltuend ab. Nicht zu vergessen die reizenden Tölzer Knaben, die mir dieses Mal besonders jung erschienen.

Der Neuzugang am Pult, Lothar Koenigs, der die Produktion von Generalmusikdirektor Kent Nagano übernahm, hielt nicht nur das Orchester zusammen, nachdem mich der Beginn des Vorspiels leicht irritiert hatte und zwar links und rechts im Graben; es gelang ihm den dramatischen musikalischen Bogen zu spannen, mit gelegentlich ziemlichem Wumms, was mich aber nicht störte. Die Nagano in dieser Produktion immer wieder nachgesagten Abstimmprobleme mit dem Chor stellten sich bei Koenigs ebenso ein. Also wohl eher ein Produktions- als ein Dirigentenproblem.

Ich besuchte die Aufführung am 11. November 2012. Fotos mit (hoffentlich) freundlicher Genehmung der Bayerischen Staatsoper von deren Homepage.
Weitere Aufführungen im November: Bayerische Staatsoper

3 Kommentare leave one →
  1. November 12, 2012 23:06

    Dear Rossignol, thanks a lot for the review. And maybe you have watched „Rusalka“? I have heard that this production is a bit weird …

  2. November 12, 2012 23:22

    Hi Ewa, I’ve seen already 2 performances of the actual run of Rusalka (the 1st one not completely). It’s no secret I don’t like the production, only went for the singers, who were fabulous. I’ll be writing soon, but will go again in the last performance to come next week end. Thanks for commenting.

  3. November 13, 2012 18:55

    I am your regular reader but I do not know German and have to translate texts. It’s a bit risky to comment:) Lucky you Dvorzak’s music is so beautiful.

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