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Festspiele 2012 – Ariadne auf Naxos

August 17, 2012

Ankündigung: Ariadne auf Naxos
Oper in einem Aufzuge op. 60
Text von Hugo von Hofmannsthal (1874–1929)

Zu spielen nach dem Bürger als Edelmann des Molière in der Bearbeitung von Hugo von Hofmannsthal
Fassung für die Salzburger Festspiele 2012 von Sven-Eric Bechtolf
[…]
Dauer voraussichtlich 3,45 Stunden.

Ich hatte mich tatsächlich auf die Ur-Ariadne gefreut und mal wieder die Programmankündigung nur oberflächlich zu Kenntnis genommen. Und so bekam ich denn auch, was ich verdiente, eine Art „Ur“-Ariadne und das gleich zwei Mal, denn meine Karteneinkaufspolitik erwies sich in diesem Fall auch nicht als mit „attention to detail“ ausgestattet. Ich bin ein schwieriger Fall, wenn es um Richard Strauss geht; an gutem Willen fehlt es mir allerdings nicht. Schon gar nicht bei den Salzburger Preisen. Und so saß ich auf meinem Platz im Rang des Haus für Mozart (beim zweiten Besuch sogar in der ersten Reihe) und wunderte mich.

Zuerst wunderte ich mich, daß nicht nur Hofmannsthal in seiner eigenen Oper persönlich mitspielte, sondern mit ihm offenbar auch seine Geliebte, noch dazu beide mit Text. Natürlich hatte ich mir angelesen, daß es sich bei dem ersten Akt um eine Fassung des Bürger als Edelmann von Molière handeln sollte. Jedoch wurde der erste Akt länger und länger und zuerst wunderte ich mich, daß der Komponist nichts zu singen hatte, und dann wunderte ich mich, daß die mich umgebenden Besucher, überwiegend Österreicher, das Dargebotene so schrecklich lustig fanden. Mir erschien das Dargebotene eine Art Komödienstadel-Aufguß auf Wiener Art zu sein, was auch die große Heiterkeit im Publikum erklärt hätte. Nichts gegen die Österreicher – vermutlich war da tatsächlich viel lokaler Witz enthalten und bei Cornelius Obonya, dem Darsteller des Monsieur Jourdain handelt es sich offenbar um einen glänzenden Schauspieler und Publikumsliebling. Ich fand’s ätzend langweilig und die beiden kurzen Intermezzi zweier Sängerinnen im Palais des Monsieurs sowie sparsamste musikalische Umrahmung durch Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Daniel Harding machten den Braten in der langen ersten Halbzeit auch nicht fett.

Ein kurzer Auftritt vor der Pause der irgendwann wohl oder übel in Aktion treten müssenden Sängertruppe mit dem zweitbesten Tenor der Welt mit Lockenwicklern, der angesichts drohenden Ungemachs durch M. Jourdain „Io Airport“ schmetterte und von der Bühne abging, ließ Hoffnung auf Besserung aufkeimen und so ging ich denn guter Dinge in die zweite Halbzeit oder besser gesagt, ins letzte Drittel.

© Ruth Walz Salzburger Festspiele

Angesichts der beengten Verhältnisse in Monsieur Jourdains privatem Theater war es nicht verwunderlich, daß Ariadnes einsame Insel aus Teilen hochglänzender Konzertflügel bestand, auf deren schroffen Kanten sich die Darsteller der gleichzeitig stattfindenden Tragödie wie der Komödie abarbeiteten.

© Ruth Walz Salzburger Festspuele

Das Beste kam in der Tat zum Schluß und so wurde ich trotz grundloser Verschwendung meiner Lebenszeit doch noch versöhnt. Während der Vorstellung war ich überzeugt, daß Jonas Kaufmann das Outfit eines Reptils trug. Das lag irgendwie nahe, so wie er sich um die Flügelfragmente wand. Erst auf den Fotos sah ich, daß er eine Kreuzung aus Panther und Leopard darstellte. Und so ähnlich sang er auch. Die 15 Minuten Kaufmann waren die stundenlange Tortur wert. Seine Circe Rufen ließen mir beinahe die Ohren wegfliegen. Die fegten wie ein Orkan über die Insel und die arme Ariadne.

© Ruth Walz Salzburger Festspiele

Zu erwähnen wäre noch Elena Moșucs Zerbinetta, in dieser sogenannten Urfassung tierisch hoch liegend und wesentlich länger als in der gängigen Version, eine Herausforderung, die sie technisch brilliant meisterte. Das war es dann aber auch. Keine Seele. Emily Magee als Ariadne blieb glanzlos. Sehr gut gefiel mir der Gesang der Nymphen, aber auch der von Zerbinettas männlicher Entourage (soweit die Stimmen nicht verstärkt-verzerrt in meinen Ohren ankamen).

Außer Kaufmanns beeindruckendem Auftritt und Elena Moșucs Stimmakrobatik haben mir beide Abende musikalisch nichts gegeben. Zu störend dröhnten die Laufsprecherboxen in den Rang, die den Orchesterklang deutlich verfremdeten. Selbst manche Männerstimme (der Zerbinetta-Truppe) schien aus der Decke zu dröhnen. Oper im Haus für Mozart möchte ich mir nach dieser enttäuschenden Erfahrung in Zukunft nur ungern anhören.

LEADING TEAM

Daniel Harding, Musikalische Leitung
Sven-Eric Bechtolf, Regie
Rolf Glittenberg, Bühne
Marianne Glittenberg, Kostüme
Heinz Spoerli, Choreografie
Ronny Dietrich, Dramaturgie
Jürgen Hoffmann, Licht

BESETZUNG

Emily Magee, Primadonna/Ariadne
Elena Moșuc, Zerbinetta
Jonas Kaufmann, Tenor/Bacchus
Eva Liebau, Najade/Eine Schäferin
Marie-Claude Chappuis, Dryade/Ein Schäfer
Eleonora Buratto, Echo/Eine Sängerin
Gabriel Bermúdez, Harlekin
Michael Laurenz, Scaramuccio
Tobias Kehrer, Truffaldin
Martin Mitterrutzner, Brighella
Peter Matić, Der Haushofmeister
Cornelius Obonya, M. Jourdain
Thomas Frank, Der Komponist
Michael Rotschopf, Hofmannsthal
Regina Fritsch, Ottonie/Dorine
Stefanie Dvorak, Nikoline
Johannes Lange, Lackey
Wiener Philharmoniker

11 Kommentare leave one →
  1. Roswitha Gassmann permalink
    August 17, 2012 23:10

    Der zweitbeste Tenor. Und wen hält rossignol für den besten?

  2. August 17, 2012 23:21

    Gibt es nicht laut derzeit veröffentlichter Meinung nur zwei Spitzentenöre auf dieser Welt? Einer mir Lockenwicklern kann doch nicht ersthaft als Nummer eins bezeichnet werden.😉 Ich schätze übrigens beide Herren je nach Rolle, bevorzuge persönlich aber weniger heldische Stimmfarben bei Tenören.

    • August 18, 2012 00:51

      Well said.

      I’m sorry that the production remained boring even the second time through, to a native speaker. I too watched it all for those 15-30 minutes. But they were well worth it!

  3. Erna Fuhr permalink
    August 18, 2012 09:59

    Hallo! und wer ist nun der Beste? Für mich ist es JK;aber es gibt doch für jeden Geschmack noch ein paar mehr gute🙂

  4. Hildegard Elias-Nieland permalink
    August 18, 2012 11:33

    Der Zweitbeste???? Für mich nciht. Er war Bacchus, ein Gott…

  5. August 18, 2012 11:38

    Ich hätte „Vorsicht Ironie“ als Überschrift wählen sollen. Ist es nicht toll, daß es mehrere exzellente Tenöre gibt zur Zeit? Geht man nach dem Medienrummel, sind es allerdings tatsächlich nur zwei. Also nehmen Sie mich nicht allzu erst. Ich schätze jeden guten Sänger und JK besonders.🙂

  6. Ingrid Utech permalink
    August 18, 2012 12:43

    Leider wissen wir nun immer noch nicht, wer der andere Tenor ist.

  7. operanuts permalink
    August 18, 2012 22:54

    Fängt an mit F und endet mit I
    (singt aber andere Baustelle)😉

    • August 19, 2012 10:20

      Nuts, Baustelle ist gut und der Tipp passt auch.🙂 Es könnte aber auch alles ganz anders sein. In diesem Stück gab’s zwei Tenöre, der Ausländer mit den Lockenwicklern und Bacchus.😉

  8. Dagmar Hochberg permalink
    August 19, 2012 10:54

    Viele sind irritiert über Bacchus Outfit; aber ein Attribut des Gottes Dionysos/Bacchus ist der Leopard. In der bildenden Kunst wird er oft entweder mit Leopardenfell oder auch mit ein oder zwei Leoparden dargestellt. Insofern ist das Kostüm des Bacchus absolut schlüssig.🙂

  9. baerbl wagner permalink
    August 22, 2012 08:11

    Liebe Rossignol,
    wir kennen uns ja von vielen Treffen in der Bayerischen Staatsoper. Und ich weiß, dass Sie Beczala sehr schätzen. Ich finde auch, dass er eine wunderbare Stimme hat, er hat sich darstellerisch entwickelt und ist sehr sympathisch. Aber wer ist denn nun ihr Favorit?
    Sie wissen ja, dass für mich zur Zeit J.K. der beste Tenor ist. Aber wie schon so oft gesagt, das ist alles subjektiv! Wir sehen uns sicher in der „neuen Saison“ ! Bis dahin eine gute Zeit!
    Bärbl Wagner

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