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Festspiele 2012 – La Bohème

August 15, 2012

La Bohème auf der Fensterbank. Ganz erschlossen hat sich das Bühnenbild mir nicht. Erstes Bild: Ein übergroßes, geschlossenes Fenster, auf dessen (schräger) Fensterbank die Bohèmiens leben. Zweites Bild: Das Fenster öffnet sich nach außen. Ein riesiger Stadtplan (Google map oder doch besser ein Monopoly Brett, Pariser Stil) klappt auf. Häuser werden die Kellner des Café Momus später darauf platzieren, auf welche die Gäste sich setzen können. Doch vorher gibt es reichlich Konsumkritik, bunt, glitzernd und blinkend. Drittes Bild: Eine Ausfallstrasse am Rand von Paris. Winter. Schneematsch. Brotzeitwagen im Morgengrauen. Viertes Bild: Wieder übergroße Fenster und die schräge Fensterbank, offensichtlich ein Abrisshaus. Der Vermieter hat eine „Entmietung“ vorgenommen und die Habseligkeiten der Bohèmiens zu einem Haufen zusammengeschoben, fertig zur Entsorgung. Dort, auf einer Matratze, endet Mimis Leben.

Zweites Bild La Bohème


Das Bühnenbild ist recht plakativ, vor allem im Café Momus Teil. Ansonsten erschließt sich mir die Verzerrung der Perspektive nicht, zumindest hat sie für mich keinen dramaturgisch Sinn sondern bestenfalls einen dekorativen. Das ist aber auch schon alles, was ich an der Inszenierung auszusetzen habe. Die Aktualisierung finde ich insgesamt gelungen. Die Sänger bewegten sich recht natürlich, entweder weil intensiv an der Gestik gearbeitet wurde oder weil ihnen ähnliche Szenarien auch heute anzutreffen sind. Eine vielleicht multikulturell zusammengesetzte WG von jungen Männern am Beginn ihres künstlerischen Daseins in einem Abbruchhaus lebend und Mimi, um Feuer für ihre Zigarette bittend, – das hatte schon Atmosphäre. Gleiches gilt für die an eine triste Ausfallstrasse verlegte Szene an der Zollschranke. Aber jeder konnte sich bei der TV-Übertragung selbst ein Bild von der Sache machen und sie mögen oder nicht.

Zunächst hatte ich überhaupt keine Karte for La Bohème bestellt, der Ansturm auf die Karten schien mir übertrieben, künstlich angeheizt, die Oper ohnehin nicht zu meinen Lieblingstücken gehörend, abgenudelt irgendwie und auch nicht recht zu den Salzburger Festspielen passend. Dann allerdings gab es die unverhoffte Gelegenheit, die Generalprobe zu besuchen, nach deren Besuch ich meine vorgefasste Meinung zu ändern hatte. Ich versuchte eine Karte für eine reguläre Vorstellung zu ergattern und hatte auch Glück.

Grundlage für meine Begeisterung legte zunächst Daniele Gatti. Am Pult einer Bohème hatte ich eigentlich noch nie einen zur ersten Dirigenten-Garnitur zählenden Maestro gehört. Ich kann zwar nicht wirklich begründen, warum mir das Spiel der Wiener Philharmoniker so unter die Haut ging. Neben dem herrlichen Klang war es sicher die Entschiedenheit mit welcher Gatti die dynamischen Ausbrüche nehmen liess.

Edel die Sängerauswahl, wie sich das für Salzburg geziemt. Nino Machiadze machte in der schwer zu besetzenden Rolle als Musetta nicht nur eine gute Figur. Das Quartett der Bohèmiens konnte charakteristischer kaum besetzt werden. Massimo Cavalletti in der etwas undankbaren Rolle des Marcello überzeugte rundum mit seinem kräftigen, schönen Bariton. Ausgesprochen spielfreudig zeigte sich Alessio Arduini als Musiker Schaunard, auch er mit auffallend farbschönem Bariton. Als Luxusbesetzung erwies sich der bärenhafte Carlo Colombara als Colline. Piotr Bezcala führte das Quartett als Rodolfo an. Seine stimmlichen Qualitäten muß ich hier nicht zum hundertsten Male preisen. Was ich hier besonders herausstellen möchte, ist seine bemerkenswert gute schauspielerische Leistung. Es zahlt sich offenbar schon aus, eine Inszenierung von Anfang an mitzugestalten und vielleicht sogar Einfluß zu nehmen. Der Unterschied zum Auftritt in einer bestehenden Produktion ist frappant. Beczala spielte den lässigen Typ Rodolfo absolut überzeugend. Ich sah neben der Generalprobe die Aufführung am 10. August, die erste Aufführung nach seinen beiden Absagen. Ich hatte den Eindruck, daß Piotr Beczala den Abend stimmlich etwas vorsichtig anging. Rodolfo liegt ihm aber sozusagen in der Kehle. Dieses Mal gesellte sich eben zur vokalen Farbenpalette noch die visuelle. Klasse.

Hatte ich von Piotr Beczala stimmlich nichts anderes als höchste Qualität erwartet und bekommen, war ich mir bei Anna Netrebko nicht so ganz sicher. Ihr gelang die für mich größte Überraschung. Der Ruf als glamouröser, „gemachter“ Sängerstar ist das eine. In Salzburg zeigte sie eine hochprofessionelle Seite. Ich möchte nicht so weit gehen und sagen, sie verkörperte Mimi als wäre es ein Teil von ihr. Es schien so. Aber es war ein Spiel. Kunst. Ihre Mimi war wunderbar; Darstellung, Stimme, Ausdruck – eine junge Frau, die im Umgang mit ihren neu gewonnenen Freunden die heute üblichen, auf Distanz bedachten Verhaltensweisen verkörperte und dann doch zum Sterben zu ihren Liebsten zurückkehrt. Die Stimme dazu ist so schön, dunkel timbriert, reich, im Ausdruck immer der Situation angepasst. Ein großes Erlebnis war diese Bohème für mich.

Ich sehe mich schon als Netrebko-Fan enden.

Aufführung am 10. August 2012

Daniele Gatti, musikalische Leitung
Damiano Michieletto, Regie
Nikolaos Lagousakos, Choreografische Mitarbeit
Interpreten: Piotr Beczala, Anna Netrebko, Massimo Cavalletti, Nino Machaidze, Alessio Arduini, Carlo Colombara, Davide Fersini, Peter Kálmán, Paul Schweinester, Steven Forster
Wiener Philharmoniker
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor

One Comment leave one →
  1. August 16, 2012 23:12

    So interesting text! I saw the transmission on tv and was very interested how it sounded and looked on stage. This „hipstery“ La Boheme was very fine for me. Fresh (!), unusual. Cast is great and they are excellent actors…Frankly, I prefer AN in grey colours and simple costumes … Her singing was magnificent. PB’s Rodolfo was just “ a pearl“🙂

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