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Festspiele 2012 – Tamerlano

August 14, 2012

Wer hätte das gedacht! Händels mir aus der szenischen Umsetzung in München als höchst langweilig in Erinnerung gebliebener Tamerlano wurde zum Highlight meines bisherigen Salzburg Sommers. Dazu brauchte es nicht mehr als einen energetischen Dirigenten und Orchester und Sänger, die sich von seinem Schwung inspirieren lassen.

Placido Domingo als Bajazet (c) Silvia Lelli

Der Tamerlano Plot ist schnell erzählt. Der Tartar Tamerlano hat den Sultan Bajazet in einer Schlacht besiegt und hält ihn gefangen. Es genügt ihm aber nicht, den stolzen Osmanen mit Gefangenschaft zu demütigen, er will auch seine Tochter Asteria zur Frau. Zwar hat Irene, eine Prinzessin, schon sein Wort, aber das Problem lässt sich einfach dadurch lösen, daß Tamerlano seine Verlobte Irene an Andronico, einen griechischen Feldherrn abtreten will. Andronico soll außerdem für Tamerlano um Asteria werben. Leider liebt Andronico Asteria selbst und wird wieder geliebt. Asteria geht zum Schein auf Tamerlanos Werben ein, denn er versprach, Bajazet am Leben zu lassen, plant aber Tamerlanos Ermordung. Bajazet weiß nichts von dem Plan der Tochter, er will lieber sterben, als Asteria an der Seite des Tyrannen zu sehen. Er verstößt die vermeintlich Ungetreue. Asteria gesteht Tamerlano den wahren Grund für ihr Jawort und wird dafür gemeinsam mit Bajazet eingekerkert. Bajazet erwartet die Enthauptung und Asteria soll einem Sklaven gegeben werden. Irene beobachtet, wie Asteria Gift in Tamerlanos Becher giesst und bewahrt Tamerlano vor dem Anschlag. Dieser will Asteria zwingen, ihrem Vater oder Andronico das Gift zu reichen. Andronico hindert sie daran, es selbst zu sich zu nehmen. Als Tamerlano Asteria von Sklaven vergewaltigen lassen will, bringt Bajazet sich um nachdem er Tamerlano. Am Ende läßt sich Tamerlano von dem vielen Leid um sich milde stimmen, heiratet Irene und ebenet den Weg für Andronicos und Asterias Glück.

(c) Silvia Lelli, Salzburger Festspiele

Eigentlich war das Libretto zu Händels Tamerlano ganz egal an diesem Abend. Was die Figuren des Stückes, die Charaktere, bewegte, wurde von Orchester und Sängern hörbar gemacht und unterstrichen durch ihre Körpersprache.

Plácido Domingo war nur einer der Gründe für meine Entscheidung für Tamerlano; ich war neugierig, wie der Altmeister sich schlagen würde. Ich kann berichten, der Tenor, der glaubt ein Bariton zu sein, ist ein Tenor geblieben. Auch für Tenöre gibt es Väterrollen. Bajazet zum Beispiel. Das Domingo Timbre, die Bühnenpräsenz, alles ist da wie von jeher. Ein ganz wunderbares Erlebnis für mich, deren ganzes Opernleben von Domingo begleitet wurde. Die unterschwellige Befürchtung, daß jetzt vielleicht doch … Noch ist es nicht soweit. Die leichte, mangelnde Beweglichkeit der Stimme lässt auch der Fan nicht unter den Tisch fallen; sie wurde von Marc Minkowski mit großer Aufmerksamkeit aufgefangen.

Der Tenor


Bejun Mehta, Darsteller der Titelrolle, benötigte keine Noten für seine Präsentation, was der Körperarbeit zugute kam. Es war schon frappierend zum einen, mit welcher Virtuosität er die Arien „abfeuerte“, zum anderen aber gleichgewichtig Tamerlanos Stimmungslage vermitteln konnte. Überwiegend stur, egostisch, tyrannisch naturgemäß.

Bejun Mehta

Mit Methas funkelndem Feuerwerk konnte Franco Fagioli, der zweite Counter, nicht ganz mithalten, vor allem nicht zu Beginn. Allerdings liegt seine Rolle auch ganz anders. Dennoch hatte ich den Eindruck, daß er sich etwas schwerer tat. Während Mehtas Gesangslinien mühelos zu strömen schienen, mußte sich Fagioli offensichtlich mehr mühen, wie aus seinem Minenspiel abzulesen war. Aber vielleicht irre ich mich auch ganz gewaltig und es ist dies nur eine andere Gesangstechnik. Michael Volle, Sänger des Stichwortgebers Leone in diesem Werk, ist nicht gerade als Händel-Sänger bekannt. Eine Luxusbesetzung.

Marianne Crebassa

Noch nie begegnet war mir Marianne Crebassa, Mezzosopran, die die Rolle der Irene übernommen hatte, eine Sängerin mit einer klaren, technisch gut geführten, vibratoarmen Stimme und schönem Timbre und sympathischer Erscheinung. Den Namen muß ich mir merken. Sie wird zur Mozartwoche 2013 nach Salzburg zurückkehren und bei Lucio Silla mitwirken, wiederum unter der Leitung von Marc Minkowski.

Die junge Julia Lezhneva, Sängerin der Asteria, trat bereits letztes Jahr in Salzburg in Erscheinung. Sie trat in Le Rossignol auf, Teil des Abends mit der Iolantha mit Netrebko/Beczala. Auch sie brauchte keine Partiturunterstützung für ihren Vortrag. Anfänglich erschien mir ihre Stimme etwas neutral, fast ein bißchen beunruhigende Schärfe beigemischt, was sich aber legte. Sie hat mir dann doch sehr gefallen.

Julia Lezhneva

Spät kommt mein Bericht. Mit dem Abstand von mehreren Tagen kann ich nichts anderes sagen, als ich in der ersten Begeisterung nach dem Konzert schon getweetet hatte. Die Sensation des Abends für mich war die musikalische Leitung, der charismatische Dirigent Marc Minkowski und die sensationell aufspielenden Musicien du Louvre Grenoble. Dem Programmheft lag ein Zettel bei, der die Musiker der Continuo-Gruppe auswies. Jetzt weiss ich, warum das geschah. Auch sie waren ein Motor dieser exemplarischen Aufführung, musizierten unglaublich hingebungsvoll. Maestro Marc Minkowski erinnert mich immer irgendwie an einen Bären, der mit dem Honigtopf die Musiker verführt; dabei arbeitet er sich buchstäblich ab, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Feinfühlig in der Begleitung der Erfordernisse der einzelnen Sängersolisten und temperamentvoll aufdrehend in den orchestralen Sequenzen. Bei mir kam keine Minute Langweile auf und der Abend hätte gerne einen Striche-losen Tamerlano lang dauern dürfen. So war nach etwa 4 Stunden Schluss. Die Begeisterung hielt an und führte zu langen Gesprächen mit anderen ebenso begeisterten Besuchern.

Besetzung am 9. August 2012
Bejun Mehta, Tamerlano
Plácido Domingo, Bajazet
Julia Lezhneva, Asteria
Franco Fagioli, Andronico
Marianne Crebassa, Irene
Michael Volle, Leone
Les Musiciens du Louvre Grenoble
Leitung Marc Minkowski

Continuo:
Francesco Corti, Cembalo
Patrick Sepec, Violoncello
Clotilde Guyon, Kontrabass
Josias Rodriguez, Theorbe

2 Kommentare leave one →
  1. August 15, 2012 09:26

    Thanks for the review! I always cross my fingers for an old Master Placido …

  2. Dagmar Hochberg permalink
    August 19, 2012 11:13

    Ging mir ganz genauso, Rossignol. auch ich hatte mich ganz spontan für den Tamerlano entschieden und war begeistert.

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