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Salzburger Pfingstfestspiele 2012 – Cleopatra Raffinata

Juni 5, 2012

Das zentrale Werk der diesjährigen Pfingstveranstaltung war die szenische Realisation von Händels Oper Giulio Cesare in Egitto.

Nachdem alle Interessierten vermutlich die Übertragung auf Arte mitverfolgt oder die in Arte Live Web einige Zeit verfügbare Aufzeichnung angesehen haben, muss ich mich über die Inszenierung nicht mehr übermässig auslassen. Fest steht allerdings, daß eine scheinbar progressive Inszenierung nicht unbedingt gut sein muß oder gar besser als die von Riccardo Muti bevorzugten harmlosen Opernbebilderungen.

Daß Ägypten mal eben schnell nach Iran oder Irak verlegt wird, mag ja noch angehen. Daß aus dem Kampf ums Öl ein Tanz ums Öl wurde, ist bei der Choreografin kein Wunder, deren Münchner Wirken nicht gerade beste Erinnerungen in mir wachruft. Den beiden Regisseuren Moshe Leiser und Patrice Caurier war es nicht gegeben, auf dem dünnen Grat zwischen Witz und Klamauk die Balance zu halten und so entpuppte sich mancher Gag, über den ich im Festspielhaus schmunzeln konnte, beim Wiedersehen auf dem Schirm als flacher Nonsens und aufdringliche Geschmacklosigkeit. Selbst Konwitschnys Aida Produktion bemühte man im Finale, mit Hütchen, aber ohne Pappnase.

Die musikalische Front erwies sich auch beim Nachhören als deutlich erfreulicher. Wie schon beim Konzertabend mit Cecilia Bartoli übernahm Il Giardino Armonico, dem Originalklang verschrieben, unter der stilsicheren Leitung von Giovanni Antonini den Orchesterpart.

Vier erstklassige Counter waren aufgeboten. Jochen Kowalski, nach wie vor ein herausragender Altist, übernahm die Rolle des Kammerdieners, der in eine Kammerdienerin umfunktioniert worden war. Cleopatras Bruder Tolomeo, hatte man Dreadlocks und permanenten Sexnotstand verordnet hatte, was Christophe Dumaux, Countertenor, nicht davon abhielt, auffallend gut zu singen. Philippe Jaroussky machte trotz alberner kurzer Hosen als Sesto eine gute Figur. Seine Stimme begeisterte mich; er hat nach meinem Eindruck die größte dramatische Spannweite, dazu die Fähigkeit, lange Bögen zu singen. Einer der schönsten Momente des Abends waren Sestos Duett mit seiner Mutter Cornelia „Son nata a lagrimar – son nato a sospirar“(Anne Sofie von Otter). Herzzerreissend auch sein „Cara speme“ (in der artetv-Aufnahme etwa bei 1:00 beginnend). In der Titelrolle trat Andreas Scholl auf, ein Phaenomen in Sachen Koloratur und Phrasierung, ein sehr stilsicherer Sänger, bei dem mir im Theater ein bisschen Dramatik in der Stimme fehlte, was an meinem Platz weit hinten gelegen haben mag, denn am Bildschirm hörte ich deutlich mehr.

Niemals zuvor hatte ich Anne Sofie von Otter auf der Bühne gehört, konnte sie mir gar nicht so recht in Händel vorstellen. Wie schön, daß man sich so irren kann. Ihre Gestaltungsgabe machte aus Cornelia eine interessante Figur, mit der man leiden, lieben und hassen konnte. Die Interaktionen mit Philippe Jaroussky waren die besten Teile des Abends. Zentrum des Abends war (natürlich) Cecilia Bartoli als Cleopatra. Im ersten Jahr ihrer Intendanz bei den Pfingstfestspielen durfte nichts schiefgehen. Tat es auch nicht, denn ihre Bühnenpräsenz überwog das szenische Beinahe-Desaster. Daß man sie am schiachsten von allen Mitwirkenden kostümierte, kommt allerdings fast einem Affront gleich. Gesungen hat sie allerdings fabelhaft, wobei mir wie schon im Konzert zwei Tage zuvor, das „V’adoro, pupille“ die Tränen in ebensolche trieb. Die besinnlicheren Arien ziehe ich eben bei weitem den sehr virtuosen vor. Reine Geschmacksache.

Für die Chronisten: Ein paar Buhs gab es am Anfang auch noch auf offener Szene für die Inszenierung. Das legte sich später wegen der durchweg sehr erfreulichen musikalischen Qualität. Ich besuchte die zweite Aufführung am Pfingstsonntag.

Und wer Giulio Cesare in Egitto auf Arte.tv noch immer nicht gesehen hat, möge es jetzt tun, ehe es von deren Seite verschwindet oder für immer schweigen.

http://download.liveweb.arte.tv/o21/liveweb/flash/player.swf?appContext=liveweb&eventId=3567&mode=prod&priority=one&embed=true

Besetzung:
Giovanni Antonini, Musikalische Leitung
Moshe Leiser, Patrice Caurier, Inszenierung
Christian Fenouillat, Bühne
Agostino Cavalca, Kostüme
Christophe Forey, Licht
Konrad Kuhn, Dramaturgie
Beate Vollack, Choreografie

Andreas Scholl, Giulio Cesare, römischer Imperator
Cecilia Bartoli, Cleopatra, Königin von Ägypten
Anne Sofie von Otter, Cornelia, Pompeos Witwe
Philippe Jaroussky, Sesto, Pompeos und Cornelias Sohn
Christophe Dumaux, Tolomeo, König von Ägypten, Cleopatras Bruder
Jochen Kowalski, Nireno, Kammerdiener
Ruben Drole, Achilla, General, Tolomeos Berater
Peter Kálmán, Curio, römischer Tribun
Il Giardino Armonico

2 Kommentare leave one →
  1. flo permalink
    Juni 6, 2012 10:04

    Ich war ebenfalls am Pfingstsonntag in der Aufführung. Zur Reaktion auf die Produktion: Den ersten Buhsturm (mehr als nur ein paar Buh-rufe ) gabe es nach der Vergewaltigung Cleopatras durch Tolomeo auf offener Bühne, aber erst, nachdem der Sänger die Bühne verlassen hatte – somit war die Reaktion eindeutig auf die Regie bezogen. Den anhaltenden , viel lauteren Buhsturm gabe es am Ende, als das Produktionsteam auf die Bühne kam – das ist auch in der Arte-Aufzeichnung zu hören, obwohl dort der Sprecher versucht, die Buhs mit der gewagten Festsptellung zu übertönen, das Publikum sei nunmehr überzeugt von der Produktion. Genau hinhören… die Publikumsreaktion wurde nicht ausreichend heruntergeregelt….

  2. Juni 6, 2012 20:52

    Nun, vielleicht für Salzburg mag das ein Buhsturm gewesen sein. Ich saß im 1. Rang und hörte nach der Tolomeo Arie, bei der er die blaue Europa-Puppe ausweidete, empörte Rufe von der linken Stehplatzseite im 1. Rang, die dann überklatscht wurden. Später hörte ich die beiden Schreier nicht mehr. Der Schlussapplaus war überwiegend positiv, soweit ich es in Erinnerung habe und hören könnte. Vielleicht war ja im 2. Rang mehr los. Ich bin auch durchaus der Meinung, daß Protest gegen diese Inszenierungsarbeit angebracht gewesen ist.
    Danke für Ihren Kommentar.
    rossignol

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