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I Capuleti e i Montecchi

Mai 17, 2012

Ehe alle Welt sich übermorgen (19.05.2012) beim Livestream über Vicenzo Bellinis Romeo-und-Julia-Version aus dem Nationaltheater München und deren Umsetzung ein Urteil bilden kann, will ich meine ganz eigenen Eindrücke der ersten Vorstellung der Serie am 12. Mai 2012 loswerden.

Über die Inszenierung von Vincent Boussard mit schönen Kostümen von Christian Lacroix im Bühnenbild von Vincent Lemaire habe ich anläßlich der Premiere von I Capuleti e i Montecchi letztes Jahr schon berichtet. Dem ist wenig hinzuzufügen. Im Stil ähnelt die Münchner Arbeit Boussards sehr Floridante, gesehen bei den Händelfestspielen in Halle und auch der eleganten Agrippina in der Lindenoper, natürlich anders umgesetzt. Der Gedanke drängt sich allerdings auf, daß mit dem weißen Waschbecken, von dem aus Julia die Wand hochgehen zu wollen schien zu der über ihr schwebenden allegorischen Darstellung eines Liebespaares, möglicherweise eben doch einfach Julias Balkon gemeint sein konnte. Denn ja, Anna Netrebko, Giulietta der aktuellen Serie, sie erklomm das Waschbecken und erzielte eine melancholisch anrührende Wirkung, anders als die Sängerinnen in den vorangegangenen Serien, bei denen ich mehr den Eindruck von Verzweiflung hatte. Nicht besser und nicht schlechter, eben anders.

Ich mache mir nichts vor, angesichts der aktuellen Besetzung geht es nicht hauptsächlich um die Inszenierung, sondern vordergründig um Stimmen. Während Vesselina Kasarova als Belcanto Expertin gilt werden Anna Netrebko Belcanto Qualitäten gelegentlich abgesprochen. Belcanto hin oder her, mir hat gefallen, was und wie Anna Netrebko sang. Die Aussage wird Ihnen von mir nicht genügen, sie wird auch Annas Ausdruckspektrum überhaupt nicht gerecht. Die Giulietta des ersten Aktes ist rein optisch kein pubertierendes Kind. Anna Netrebko hat Giuliettas Gefühlswelt in ihrer Stimme, kann Sehnsucht, Zweifel und Liebe damit ausdrücken. Am Ende der Oper spielt der optische Widerspruch ohnehin keine Rolle mehr, denn in ihrer Liebe zu Romeo lässt Giulietta die Heranwachsende hinter sich. Zwischen Giuliettas Auftrittsarie „Quante Volte“ und „Morte io non temo“ liegt ein ganzes Leben, das Anna Netrebko mit dem Farbenreichtum ihrer Stimme und warmer Tongebung zeichnet. Gänsehaut bekam ich beim Finale des ersten Aktes, als Anna Netrebkos und Vesselina Kasarovas Stimmen unisono verschmolzen, man praktisch nicht mehr feststellen konnte, wer Romeo und wer Giulietta war. Das muss entweder glänzend geprobt gewesen sein oder geniale Intuition der beiden Sängerinnen.

Vesselina Kasarova, seit Jahren abonniert auf Hosenrollen an der Bayerischen Staatsoper, und nicht nur in Hosen gut, wie nicht nur die wissen, die mein Blog öfter lesen. Ich freue mich ganz besonders, daß die begnadete Sängerdarstellerin, die sie ist, nach manchen durchaus wechselhaften Vorstellungen ihre Extraklasse bewiesen hat. Sie war als Romeo in berückender Form. Ich finde die Art faszinierend, wie sie sich auf der Bühne einer Figur kompromisslos auszuliefern scheint. Wenn dann die Stimme, die unendliche Ausdrucksmöglichkeiten zu haben scheint, auch noch so anspringt, wie sie es tat, ist das Mezzoglück vollkommen. Nicht nur die Stimmen der beiden Hauptdarstellerinnen ergänzten sich ideal, auch darstellerisch harmonierten Vesselina Kasarova und Anna Netrebko, daß der Eindruck entstand, sie beflügelten sich gegenseitig.

Des Jubels ist noch kein Ende. Auch die richtigen Männer waren vorzüglich besetzt. Dimitri Pittas gab sein bestes als Tebaldo. Ante Jerkunica überzeugte als Capellio ebenso wie Paul Gay (grandioser Saint François letztes Jahr), der als Lorenzo das Trio ergänzte . Yves Abels aufmekrsames Dirigat gefiel mir einmal mehr. Romantik pur. Das Bayerische Staatsorchester war in Spiellaune.

Ihre Entscheidung am Samstag muss nicht zwangsweise zwischen Arien und Arjen (Quelle: Süddeutsche) fallen. Schliesslich hat der Mensch zwei Augen. Und falls ich mich recht erinnere, sind Ohren sind beim Fußball nicht erforderlich, wenn man nicht gerade selber spielt. Wie immer Sie sich entscheiden. Viel Vergnügen.

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