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Wiener Staatsoper, Don Carlos

Mai 1, 2012

Adrianne Pieczonka und das Pflänzchen Hoffnung

Ich will es nicht verhehlen. Weniger Leidenschaft für Oper im allgemeinen und Don Carlo(s) im besonderen hätte diesen Abend in der Wiener Staatsoper zu einem kurzen Ereignis für mich werden lassen können. Der Drang, nach dem Fontainebleau-Akt das Weite zu suchen, war evident. Meine teuere 185 Euro Karte in der ersten Reihe des ersten Ranges und das Wissen um den weiteren Ablauf des Abends gaben mir Standhaftigkeit und Sitzfleisch zum einen und Zuversicht zum anderen.

Desinteresse und Unkoordiniertes erklang aus dem Graben, wo Bertrand de Billy das Zepter noch nicht voll ergriffen zu haben schien und die Orchestermusiker möglicherweise ob der Unterbrechung des sonnigen Spätnachmittags grollten. Unmittelbare Auswirkungen hatte dies natürlich auf den Auftritt des Chores. Auf den des Darstellers des Don Carlos wohl eher weniger.

Mein größtes Ärgernis des Abends gleich vorneweg. Yonghoon Lee, Sänger des Don Carlos, hörte ich schon einmal Anfang 2010 im Münchner Don Carlo (it) und fand seine Stimme damals eigentlich nicht schlecht. Am Abend in Wien nervte mich sein trompetenhaftes Timbre, das nur eine Dimension kennt, von Anfang an. Zwar gab es keine eklatanten Fehler, es war die fehlende Eleganz der Stimme, Presshöhen und ein unkultivierter Vortrag. Zu viel Manko selbst für Don Carlos. Nichtsdestoweniger honorierte das Publikum Yonghoon Lee beim Schlussvorhang mit heftigem Applaus. Unkultivierten Vortrag konnte ich Ludovic Tézier (Posa) nicht vorwerfen, der nach zögerndem Beginn zu ausgezeichneter Form auflief und im vierten Akt den einzigen (!) Szenenapplaus erhielt. Kwangchul Youn sang Philippe II mit gewohnt flauschigem Bass. Die Charakterisierung des Königs Zerrissenheit blieb bei aller Stimmschönheit etwas auf der Strecke, war vielleicht aber auch gar nicht gewünscht, denn dieser Philipp rächt sich ja für Elisabeths vermeintliche Untreue unverzüglich mit einem Seitensprung mit Eboli. Eboli, die von Béatrice Uria-Monzon treffend dargestellt und stimmlich realisiert wurde, war für mich eine der stärksten Figuren des Abends, übertroffen nur von Elisabeth. Was an sich nicht verwundert, denn Konwitschnys Finger zeigt meistens auf die Frauen. Nicht nur darstellerisch glaubhaft gelang Adrianne Pieczonka der Übergang vom jungen Mädchen im Park von Fontainebleau zur spanischen Königin. Sie hinterließ bei mir den authentischsten Eindruck. Ihre blendende Gesangstechnik gibt ihr ein Ausdrucksspektrum zwischen schönen Piani und dramatischem Ausbruch.

Vergebens waren die Klagen der flandrischen Gesandten, vergeben wurde ihre Musik von De Billy und den Musikern im Graben, verstellt und zugedeckt. Erbärmlich. Peinlich wirkte die „Stimme vom Himmel“ auf mich, allerdings hege ich nach der Optik der auf dem Schauplatz der Hinrichtung auftretenden Marilyn-Kopie den Verdacht, daß genau das beabsichtigt war. Farblos hingegen blieben der Großinquisitor und Thibault.

Musikalisch war das trotz einiger Glanzlichter zu wenig für einen mir zusagenden Opernabend. Ich registrierte Positives und Negatives, fühlte mich allerdings in keinem Moment emotional angesprochen. Noch nicht einmal im vierten Akt. Das kann an mir gelegen haben, muß aber nicht. Erschwerend hinzu kam, daß der Abend, immerhin eine Wiederaufnahme einer bedeutenden Inszenierung des Hauses am Ring, auch szenisch eher lieblos „heruntergerotzt“ wirkte. Angeblich soll Konwitschny die Wiederaufnahme betreut haben, was ich mir nun wirklich nicht vorstellen kann. Zu ungenau wirkten die Szenen, grotesk geradezu die Aufbereitung des Autodafé.

Meine Vorliebe für die französische Urfassung des Don Carlos brachte der Abend leicht ins Wanken. Dennoch, trotz vorzeitiger Zuschauerabwanderung in den lauen Sommerabend starker Schlussapplaus.

Das Ensemble beim Don Carlos Schlussvorhang


Abendbesetzung am 26. April 2012

Bertrand de Billy | Dirigent
Orchester der Wiener Staatsoper
Kwangchul Youn | Philippe II.
Yonghoon Lee | Don Carlos
Ludovic Tézier | Rodrigue
Adrianne Pieczonka | Elisabeth de Valois
Béatrice Uria-Monzon | Eboli
Alexandru Moisiuc | Grand Inquisiteur
Dan Paul Dumitrescu | Mönch
Juliette Mars | Thibault
Norbert Ernst | Comte de Lerme
Norbert Ernst | Herold
Elisabeta Marin | Stimme vom Himmel

Béatrice Uria-Monzon. Auch Ebolis Schicksal dürfte aussichtlos sein.


Ludovic Tézier. Für Posa gibt es keine Hoffnung mehr.

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