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Don Carlos, Konwitschny, Autodafé

Mai 1, 2012

Die Neugestaltung des eisernen Vorhangs der Wiener Staatsoper scheint wie geschaffen für Peter Konwitschnys Arbeit an Don Carlos. Es handelt sich allerdings um die Realisierung einer Ausstellungsreihe und dieser Vorhang wird die Saison 2011/12 begleiten. Der Entwurf stammt von dem britischen Konzeptkünstler, Bildhauer und Filmemacher Cerith Wyn Evans.

Konwitschnys Umsetzung des Don Carlos (5-aktige, französische Urfassung) hatte mich in die Staatsoper Wien geführt, eine Inszenierung, die mich vor ein paar Jahren in Hamburg gefesselt hatte und die ich gerne ein weiteres Mal auf einer anderen Bühne sehen wollte.

Der Fontainebleau-Akt findet auf offener Bühne statt, fast ähnlich wie kürzlich in Zürich gesehen. Danach wird die Bühne optisch verengt, eingekastelt in grauweiße Öde, die man nur geduckt durch viele, meist geschlossene, Türen verlassen kann. In der grauweißen Trostlosigkeit befinden sich nur wenige Requisiten. Ein kleines Bäumchen, im ersten Bild des zweiten Aktes vom Mönch am Rand des Klosters von Saint Juste gepflanzt, überdauert das Drama und wird von ihm am Ende des Dramas liebevoll gegossen. Doch nicht alles vergebens?

Der in seinen Ausmaßen eigentlich große helle Bühnenraum wirkt durch seine Größe einengend. Er ist Schauplatz für die Begegnungen Posas mit Elisabeth, Posa und Philippe, sowie auch Eboli und Carlos, die Ebolis fatalem Missverständnis führt.

Das Ballett beschließt den ersten Teil, ein Intermezzo, interpretiert als Ebolis Traum von einer bürgerlichen Existenz mit Carlos. Mann, Frau, Kind,Küche, Sex – in ungefähr der Reihenfolge. Das Idyll allerdings entpuppt sich keineswegs als Friede, Freude, Eierkuchen, sondern es knallt wie bei Familie Mustermann, und der Truthahn brennt an, wenn unerwartetes Schnackseln ungewohnt lange dauert.

Während der Pause kommt die Ankündigung zur öffentlichen Ketzerverbrennung in den Foyers. Der Auftrieb der Delinquenten ereignet sich unter Einbeziehung des Publikums und und ist nach Ebolis Traumgespinst der zweite Bruch der bis dahin fast konventionell erscheinenden Inszenierung. Der Bruch zeigt sich auch an den Kostümen. In diesen beiden „Intermezzi“ sind die Darsteller nach heutiger Mode gekleidet, während die „Historie“ in Kostümen spanischer Granden dargestellt wird. Die abtrünnigen Delinquenten werden unter den Augen sensationslustiger Gaffer durch Foyers und Saal auf die Bühne getrieben, gefolgt von weltlichen und kirchlichen Regenten und den obligatorischen Presse- und TV-Gestalten.

Eine weitere kurze Umbaupause folgte. Im grauweißen Kerker der Konvention verbringen Philippe und Eboli die Nacht zusammen auf dem Boden. Am Morgen danach ergeht sich der Herrscher in Selbstmitleid über sein Schicksal, daß seine Ehefrau ihn nie wirklich geliebt habe. Als Elisabeth sich beim König über den Diebstahl ihrer Schmuckschatulle beklagt, gesteht Eboli, diese aus Eifersucht gestohlen zu haben. Zwar verzeiht ihr Elisabeth, dennoch wird sie vom Hof verwiesen. Sie beklagt ihre Schönheit, die sie immer wieder in Kalamitäten bringt und verstümmelt sich (O don fatale), indem sie sich ein Auge aussticht.

Auch das zweite Bild des vierten Aktes, Posas Besuch in Carlos’Gefängnis, der dort einsitzt, weil er seinen Vater während des Autodafés tätlich angegriffen hat, Posas Ermordung und die Begegnung des Vaters mit dem Sohn im Gefängnis, spielt im Einheitsbühnenbild. Ebenso der letzte Akt, der Abschied zwischen Elisabeth und Carlos, nachdem Phillippe seinen Sohn der Inquisition übergeben hat. Der Rest ist bekannt. Der Mönch greift ein. Und Kaiser Karl V giesst das Pflänzchen der Hoffnung am Bühnenrand. Konwitschny sagte im Interview mit dem ‚Prolog‘, Spielzeitheft der Wiener Staatsoper: „Das erinnert an Luther, der gesagt haben soll: Wenn morgen die Welt untergeht, den pflanze ich heute ein Bäumchen.“

Die Inszenierung besticht durch die Schlichtheit ihrer Ausstattung und die Stringenz der Aktionen, die nie im Widerspruch zur Musik ablaufen. Dabei wird Historie nicht einfach nacherzählt und nachgestellt sondern mit heutigen gesellschaftlichen und individuellen Phänomenen und Empfindungen verknüpft. Grandios.

Was ich bei der aktuellen Wiederaufnahme an der Staatsoper Wien empfand und wie ich die Abendvorstellung am 26. April 2012 sah und hörte, verdient einen Extra-Blogeintrag.

Produktionsteam:
Peter Konwitschny | Regie
Johannes Leiacker | Bühne
Johannes Leiacker | Kostüme
Hans Toelstede | Licht
Werner Hintze | Dramaturgie
Vera Nemirova | Inszenierung Autodaphé und Video-Regie
Bernd Grube | Lichtdesign-Mitarbeit
Simone Monu | Kostümassistenz
Volker Wacker | Regieassistenz

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2 Kommentare leave one →
  1. Baerbl Wagner permalink
    Mai 7, 2012 14:40

    Liebe Rossignol,
    ich war letztes Wochenende in Wien, und war bei der „Openair-Übertragung“ von Con Carlos auf dem Platz, bis der Platzregen kam!
    Die Akkustik war natürlich schrecklich; viel zu laut und zu schrill. Aber ich konnte dennoch hören, dass Yoghoonlee eine sehr schöne, ausdrucksvolle Stimme hat. Ludovic Tezier als Posa hat mir stimmlich und darstellerisch sehr gut gefallen. Die Eboli von B.Uria-Monzon hat mich begeistert, eine junge, unverbrauchte Stimme. Wenn ich allerdings Pieczonko mit Harteros – bei uns in München als Carlos-Elisabeth – vergleiche, so gewinnt für mich eindeutig Harteros. – Alles ist eine subjektive Empfindung.Leider konnte ich die Aufführung nicht bis zum Schluss verfolgen – der Wettergott meinte es nicht gut mit uns.
    Zur Inszenierung kann ich nur sagen: „Autodafee“ – Thema verfehlt!!
    Aber das, was ich gehört habe hat mir stimmlich und musikalisch sehr gut gefallen. Natürlich ist der Eindruck im Opernhaus ein ganz Anderer.
    Die Cavalleria am Vortag – mit Meier und Seiffert- war sensationell!!!
    Liebe Grüsse,
    Bärbl

    • Mai 7, 2012 17:19

      Liebe Bärbl,
      da hätten wir ja fast zusammen fahren können. Ich wollte ursprünglich auch zur Cavalleria, musste dann aber doch zurück nach München. Freut mich, daß es so gut war.
      Viele Grüße
      rossignol

      P.S. Harteros halte ich derzeit für unvergleichlich.

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