Skip to content

Bayerische Staatsoper: Die Walküre

März 18, 2012

Mein zweiter Besuch der Walküre begann wegen beruflicher Verhinderung mit dem dritten Aufzug und einem für mich doch in seinem Ausmaß überraschenden Buhsturm für die dem Walkürenritt vorgeschaltete musikfreie choreografische Einlage, deren stampfende, pustende und mähnenschüttelnde Tänzerinnen selbst wenig phantasievolle Besucher wie ich als die Pferdeherde der Wunschmädchen identifizieren konnten.

Die Bayerische Staatsoper, nein, München schmiedet einen neuen Ring. Nach jahrelanger Abstinenz wird dem Opernvolk ein Ring des Nibelungen gegeben, eine Angelegenheit, die nicht nur für den Hardcorefan oder das Abonnentenpublikum Bedeutung hat, sondern die Bürger dieser Stadt und des Umlandes bewegt. Waren in der Premiere der Walküre die, die bei Premieren immer da sind und die Adabeis, waren in der zweiten Aufführung die wirklichen Wagnerkenner, wie mir deren einer vor dem dritten Aufzug erklärte. Die Wagners Dichtung ungefragt auswendig deklamieren, denen man kein X für ein U vormachen kann und die schon gar nicht interpretatorische Freizügigkeit gewähren. Wo kämen wir da hin!

Wie schon im Rheingold, inszeniert Andreas Kriegenburg nah am Libretto, Umdeutungen finden nicht statt. Während des orchestralen Gewittersturmes kämpft Siegmund im an die Bühnenwände projezierten Wald gegen Krieger. Wo kriegen sie jetzt Hundings Hütte her, dachte ich, besorgt. Sie kam gefahren, von oben, samt Weltesche, in deren Rinde Nothung steckte und in deren Äste ein paar tote Krieger hingen. Diese wurden im Hintergrund von Hundings recht großzügiger Behausung leichentechnisch von Krankenschwestern hergerichtet. Ebenfalls wie im Rheingold, fand sich in Hundings Haus neben dem Stammpersonal eine Anzahl von menschlichen Requisiten, zwölf junge Frauen, die als dienstbare Geister Tische deckten oder als Beleuchtungskörper selbst intime Situationen begleiteten. Etwas irritierend. Waren sie bei der Begegnung zwischen Sieglinde und Siegmund noch aktiv dabei, indem sie die verbotene Anziehung der beiden plastisch darstellten, überliessen sie den Schauplatz den Hauptakteuren als es zur Sache ging zwischen Hunding und Siegmund und zwischen Hunding und Sieglinde.

Das „wilde Felsengebirge“ des zweiten Aufzuges findet in Wotans Büro statt. Harald B. Thor’s rechteckiger Bühnenkasten mit den furnierten Wänden ist leer bis auf einen großen Schreibtisch unter einem naturalistischen Gemälde. Während die elegante Fricka ihren Göttergatten in die Zange nimmt und ihn zwingt, das inzestuöse Treiben seiner illegalen Sprößlinge zu unterbinden verengt sich der Raum und Wotan gerät auch bildlich in Bedrängnis. Das alles passiert in Gegenwart der Schranzen, Lakaien im Frack, die auch gerne mal als Kanapee benutzt werden.

Den Beginn des dritten Aktes habe ich eingangs bereits geschildert. Die Tanzszene erschien mir bei der Premiere zunächst auch etwas zu lang (sie dauert ca. 8 Minuten), und ich konnte den Unmut des Publikums in etwa nachvollziehen, wenn auch nicht teilen. Allerdings fand ich die Einlage überhaupt nicht deplatziert. Krieg ist ein von Beginn an visualisiertes Thema in dieser Walküre und so scheint mir diese Einlage ein Ausdruck von Krieg, der durch seine Länge provoziert, provozieren sollte und durch den man möglicherweise einen Bruch zur gängigen Erwartung des Walkürenrittes erzielen wollte.
Während der erste Aufzug sich durch eine gewisse Ausstattungsopulenz auszeichnet, nicht zuletzt durch die nach Art eines Breughelschen Gemäldes gedeckte Tafel in Hundings Haus, an der er Siegmund bewirten muss wie es der Brauch verlangt und gleichzeitig Sieglinde öffentlich misshandeln darf, ist die Ausstattung des dritten Aufzuges karg. Eine Plastikwasserflasche spielt eine Rolle, deren Bedeutung sich mir auch beim zweiten Besuch nicht erschloss. Wotan holt sie aus der Kulisse, trägt sie zuerst bei sich und reicht sie dann Brünnhilde, ehe er zum Schlußgesang anhebt. Sie trinkt daraus, worauf er die Wasserflasche wütend wegschleudert.

In neuer Bescheidenheit findet sich Brünnhildes Schlafstatt denn auch auf einem Teppichbodenpodest statt im Felsengebirge, und die das Feuer entfachenden Statistenmädchen kamen Wotan allemal preisgünstiger als den Halbgott Loge zum Feuermachen zu bemühen.

Bereits nach dem ersten Akt war ich am meisten beeindruckt von dem wunderbar aufspielenden Bayerischen Staatsorchester. Und so blieb es bis zum Ende und wiederholte sich am 18.März. Erwartungsgemäß durchsichtig in den Orchesterstimmen, aber auch mit Aplomb aufspielend, wenn sich die Gelegenheit bot, vor allem ab dem zweiten Akt, als der Vorwärtsdrang fühlbar war. Überrascht war war ich über Kent Naganos unverhoffte Sängerfreundlichkeit, um die er sich gewöhnlich nicht schert. So nahm er im ersten Akt deutliche Rücksicht auf den Tenor, um Klaus Florian Vogts lyrische Stimme zur Geltung zu bringen. Der nutzte dann auch die Gelegenheit zu eine ganz eigener Interpretation des Siegmund. Er sang nie am Limit, easy hörte sich das an, bis zur Todesverkündigung, als irgendwas dann knapp wurde. Luft oder Text, so ganz genau konnte ich das nicht heraushören. Nicht verkehrt, dieser Siegmund in dieser Umgebung, aber zumindest für mich gewöhnungsbedürftig. Anja Kampe sang eine erwartet starke Sieglinde, wie immer voll in der Rolle aufgehend. Sehr berührend ihr „Hehrstes Wunder“ als sie das ihr von Brünnhild gereichte zerbrochene Schwert wie ein Kind in ihren Armen wiegte. Ain Angers Hunding-Darstellung zeichnete sich vor allem durch Brutalität aus. Eklig, wie er die Melone auf dem gedeckten Tisch zerschlug und vor Siegmund ausquetschte und noch ekliger, wie er seine nassen Hände an Sieglindes Kleid abtrocknete. Gesungen hat er auch. Wahrscheinlich sogar sehr gut. Ich hab’s wegen der Brutalität, mit der er mit Sieglinde umgegangen ist, einfach nicht wahrgenommen. Sophie Koch, die als Fricka im Rheingold etwas blass blieb, trat als Fricka in der Walküre grandios auf. Im eleganten Kleid, die weißblonde Götterfrisur saß, diktierte sie Wotan ihre Bedingungen, jeder Zoll eine Madame. Tolle Stimme, klare Diktion. Die beste Rolle, in der ich Sophie Koch bisher erlebte. Es gibt sicher papiermässig bessere Brünnhilden als Katarina Dalayman, allerdings nicht allzu viele. Positiv anzurechnen ist, daß sie die Rolle weitgehend „sang“ und nicht „schrie“, und das ist doch schon sehr viel. Wenn es ernst wurde, d.h. hoch, war sie allerdings auch gerne mal recht schrill. Auch Wotane sind nicht dicht gesät. Was Thomas J. Mayer aus der Rolle machte, war respektabel. Er sang sehr textverständlich, kam manchmal nicht ganz übers Orchester. Wotans Abschied allerdings gelang ihm herzzerreissend.

Mein Fazit: Ich werde auch meine dritte Karte nutzen. Das Orchester spielt sensationell, die Sänger sind gut und die Inszenierung ist kein Unsinn.

Besetzung

    1. Musikalische Leitung Kent Nagano / Inszenierung Andreas Kriegenburg / Bühne Harald B. Thor / Kostüme Andrea Schraad / Licht Stefan Bolliger / Choreographie Zenta Haerter
    1. Siegmund Klaus Florian Vogt / Hunding Ain Anger / Wotan Thomas J. Mayer / Sieglinde Anja Kampe / Brünnhilde Katarina Dalayman / Fricka Sophie Koch / Helmwige Erika Wueschner / Gerhilde Danielle Halbwachs / Ortlinde Golda Schultz / Waltraute Heike Grötzinger / Grimgerde Okka von der Damerau / Siegrune Roswitha C. Müller / Roßweiße Alexandra Petersamer / Schwertleite Anaïk Morel
  • Bilder vom Schlußapplaus der Premiere am 11. März

    Diese Diashow benötigt JavaScript.

    One Comment leave one →
    1. März 24, 2012 23:49

      Liebe @rossignol,
      da muss ich doch meinen Kommentar dazugeben, obwohl wir uns in den Pausen schon ausgetauscht hatten. Schließlich verdanke ich Ihnen dieses Premieren-Erlebnis!!!

      Insgesamt waren entweder meine Erwartungen an diese Premiere überhöht oder aber wechselten bei dieser Inszenierung der Walküre zu oft Licht und Schatten. Ja, ich spreche an dieser Stelle vornehmlich von der Inszenierung, denn an der Musik gab es m.E. nichts zu mäkeln: Ein erfahrener Gestalter mit seinem bestens disponierten Orchester (eigentlich: Weltklasse!) und eine veritable Sängerriege ließen hier kaum Wünsche offen. Mag ja sein, dass Nagano ab dem zweiten Akt seine Truppe mehr und mehr von der Leine ließ und manches an der Grenze zum Eruptiven lag. Auch Wagner-Kenner gehen da noch kritischer um mit der Leistung des Wotan oder der Brünnhilde, ja sogar des Siegmund. Aber ich jedenfalls war hochzufrieden und konnte die Musik sehr genießen.

      Doch sie konnte mir leider nicht über den zweiten Akt hinweghelfen, der auf der Bühne so karg und minimalistisch als Kammerspiel im Vorzimmer der Macht in Szene gesetzt worden war! Im ersten Akt halfen mir noch wirkungsmächtige Bilder darüber hinweg, dass alles auf der Erzählebene bleibt und rein gar nichts gedeutet wird: Der opulente Abendmahlstisch mit den 12 dienstbaren Geistern um Hunding herum erinnerte mich an Da Vincis Abendmahlszene oder, cineastisch und weiterführend gedacht, an die Benetton-Werbung , wahlweise auch Otto Kern. Und wenn ich schon bei der Leinwand bin: Bei Hundings ostentativem Zermatschen der Melone als Zeichen seiner Stärke kam mir sofort Raimund Harmstorfs legendäres Kartoffelquetschen als „Seewolf“ in den Sinn.

      Ja, ich gebe zu: Ich brauche über die Musik hinaus Möglichkeiten zur Assoziation, ich brauche Denkanstöße, Anregungen, Bilder, etc., wenn möglich in solchen Dosen, die die Musik noch zur Geltung kommen lassen. Denn immerhin bin ich in einer Opernvorstellung und lausche nicht einem Oratorium! (Deshalb mag ich auch keine konzertanten Opernvorstellungen, denn da geistern mir die gesehen Aufführungen in verschiedenen Ebenen durch den Kopf. Und deshalb werde ich mich auch in Zukunft bei Aufführungen nicht mehr in die allererste Reihe, quasi neben den Dirigenten, setzen, denn dann „kümmere“ ich mich nur noch um die Musik und die Musiker, die vor mir sitzen, „atme“ die Einsätze mit, lese sogar die Partitur [sic! :-)], etc., und bekomme so von der Inszenierung gar nichts mehr mit!)

      Nach dem öden zweiten Akt versöhnte mich der dritte wieder. Alles wartet auf den Walkürenritt – und er kummt net, kummt net (DÖF!:-)). Stattdessen eine Tanzeinlage und viele Zuschauer tappen in die Regiefalle und buhen sich die Seele aus dem Leib! Höchst amüsant. Ich glaube, als Regisseur könnte ich der Versuchung auch nicht widerstehen, an irgendeiner Stelle mal meinen Schabernack mit dem Publikum zu treiben. Musste nicht auch Hitchcock wenigstens einmal in jedem seiner Filme durch das Bild huschen?🙂 Die Walküren hatten die Zügel in der Hand, leider nicht ganz rhythmisch und dann fängt es an, die Musik zu stören. Trotzdem: Wieder spielfreudige Sängerdarsteller und imposante Eindrücke bis hin zur lodernden Lohe am Ende.

      Kurzum: Das Regiekonzept des Münchner „Ring“ mag in sich geschlossen sein, es erzählt konsequent und erspart einem somit auch manche Auswüchse des modernen Regie- und Deutungstheaters, das oftmals sogar die Musik zertrümmert – alles in Ordnung. Wenn’s dann aber optisch dünn wird, fehlt mir einfach eine Dimension. Nichtsdestotrotz eine spannende Sache, so eine Premiere, erst meine zweite! Ich war ganz zappelig zuvor, wie einige Twitterfreunde ermahnend feststellten.🙂

      Liebe Grüße nach München und nochmals vielen Dank,
      Werner Schnierer

    Schreibe einen Kommentar

    Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

    WordPress.com-Logo

    Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

    Twitter-Bild

    Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

    Facebook-Foto

    Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

    Google+ Foto

    Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

    Verbinde mit %s

    %d Bloggern gefällt das: