Skip to content

Don Carlo, Opernhaus Zürich

März 17, 2012

Es gab mehrere Gründe, warum ich die Don Carlo Neuinszenierung des Zürcher Opernhauses nicht verpassen wollte. Zum einen wird dort die fünfaktige italienische Version gezeigt, entstanden 1886 für Modena, zum anderen erschien mir die künstlerische Umsetzung vielversprechend und die Sängerbesetzung tat ein übriges.

Der Chor der Oper Zürich unter dem Don Carlo Kreuz

    1. Dirigent Zubin Mehta / Inszenierung Sven-Eric Bechtolf / Bühnenbild Rolf Glittenberg / Kostüme Marianne Glittenberg / Choreinstudierung Ernst Raffelsberger / Orchester der Oper Zürich
    1. Anja Harteros (Elisabetta di Valois), Vesselina Kasarova (La Principessa d’Eboli), Bettina Schneebeli (Tebaldo, Paggio di Elisabetta), Sen Guo (Una voce dal cielo); Matti Salminen (Fillippo II), Fabio Sartori (Don Carlos), Massimo Cavalletti (Rodrigo, marchese di Posa), Alfred Muff (Il Grande Inquisitore), Pavel Daniluk (Un frate), Benjamin Bernheim (Il conte di Lerma/ un araldo reale)
  • Der Fontainebleau Akt ist eigentlich unverzichtbar für das Verständnis der Handlung von Don Carlo. in Zürich ist der in der französischen Fassung fehlende Chor der Holzfäller eingefügt worden. Was sonst als das Leid der unter den Folgen des Krieges mit Spanien leidenden Menschen von Paris hätte Elisabeth von Valois dazu bewegen können, aus Mitleid mit ihrem Volk der Heirat mit dem alternden König von Spanien statt mit dem Infanten zuzustimmen, der sich ihr aus Neugier auf seine Braut im Wald von Fontainebleau näherte, wo es zur Liebe auf den ersten Blick kam.

    Einfach und sehr stimmungvoll war dieser erste Akt inszeniert, ein paar Stroh- oder Reisigballen, dahinter ein Sternenhimmel und darunter der Chor der Holzfäller, unter die sich die mitfühlende Elisabeth mischt. Ebenso karg war die weitere Ausstattung. Das Bühnenbild zum Kloster von Saint Juste dominiert ein überdimensionaler Totenschädel und das vergoldete Skelett Kaiser Karls V, Großvater von Don Carlo. Dunkel ist die Inszenierung Sven-Eric Bechtolfs, auch merkwürdig statisch, was sich insbesondere in der Person Carlo äußert, der in nahezu keine körperliche Interaktion mit anderen Personen tritt, weder mit Elisabeth noch mit Posa. Schwarz und grau das Bühnenbild unter dem Zeichen des weißleuchtenden Kreuzes. Zurückhaltung dominiert auch das Autodafé; dort dominiert ein Wald von weißen Kreuzen, im Fallen begriffen, sich gegenseitig stützend. Ich bilde mir ein, daß das Umfeld Einfluß hat auf die Gestaltung gerade solch einer Szene wie das Autodafé in einer nichtkatholischen Stadt wie Zürich. Dort gerät auch solche eine Szene zurückhaltend, man betrachtet die Exzesse der katholischen Kirche mit Abstand, weil man sich den Horror nicht vorstellen kann oder will. Hat mich dennoch sehr beeindruckt. Bechtolfs Inszenierung isoliert die Charaktere, alle bleiben irgendwie für sich, unfrei, verklemmt, vereinsamt, angstvoll. Und das, obwohl diese Oper von freundschaftlichen Beziehungen und von liebevollen Beziehungen dominiert wird, wie Zubin Mehta meint. Hass spielt in Don Carlo keine Rolle.

    Ehe ich mich zu den Sängern auslasse, ist zu erwähnen, daß Intendant Alexander Pereira vor Beginn der Premiere vor den Vorhang trat, um zu verkünden, daß bis auf Alfred Muff alle Sänger sich in unterschiedlichen Grippestadien befänden und Zubin Mehta überdies seit diesem Nachmittag von einem Hexenschuss befallen sei, beste Vorzeichen für eine glänzende Premiere, deren Durchführung bis Mittag nicht gesichert war. Das Publikum nahm es gelassen.

    Matti Salminen war durch die Krankheit hörbar beeinträchtigt. Die klagende Szene des Philip gelang ihm allerdings in einer Intensität, wie ich sie selten hörte und die ich so schnell nicht vergessen werde. Stimmlich liess Fabio Sartori in der Titelrolle keinen Wunsch offen. Timbre, Duktus, Ausdruck – alles fast perfekt, abgewertet durch komplettes Manko jeglicher darstellerischer Interpretation. Mehrere Rollendebüts waren in der Zürcher Aufführung zu erleben. Massimo Cavalletti empfahl sich als Rodrigo mit voluminösem Bariton und schönem Timbre. Vesselina Kasarova debütierte als Eboli, eine der Frauen-Rollen, die ihr zu liegen scheinen und die ihr Sängerleben nach der Überwindung der Hosenrollen bestimmen könnten. Ihr Auftritt sowohl als leidenschaftliche, egozentrische, eifersuchtszerfressene Prinzessin wie als beschämte Hofdame war darstellerisch wie sängerisch ein Ereignis und eine große Freude zu sehen und zu hören. Rollengerecht orgelte Alfred Muff den Großinquisitor. Vorzüglich besetzt auch die nicht genannten Sänger in den Nebenrollen, wie ich es in Zürich nicht anders kenne. Halt, einen möchte ich doch noch nennen – Benjamin Bernheim in der Rolle des Lerma hinterliess einen nachhaltigen Eindruck bei mir.

    Kein Rollendebüt, aber ein Debüt an der Zürcher Oper, gab Anja Harteros als Elisabetta. Es war ein besonderes Erlebnis, sie so nahe und in einem kleineren Auditorium zu erleben, wo ihre Darstellungskunst und ihre Kunst zu singen, noch intensiver zu erleben ist. Ihre Elisabeth ist eine Sensation. Sie weiß jede Gefühlsregung dieser Figur glaubhaft zu interpretieren, von der jungen Elisabeth, die mitleidig nach ihren Landsleuten sieht, über die in rigiden Konventionen gefangene Königin bis zur Verzicht übenden liebenden Frau. Eine wirklich königliche Stimme und eine ebensolche Darstellerin.

    Es war ganz wunderbar, Zubin Mehta auf vertrautem Don Carlo Terrain wieder zu erleben. Das Orchester der Oper Zürich folgte seinen Intentionen fabelhaft. Das üppige Klangbild ist fast schon unverwechselbar. Von Hexenschuss rein optisch keine Spur. Trotzdem gute Besserung, Maestro.

    Ein paar Bilder musste ich dann doch mit nach Hause nehmen. Ich besuchte die Premiere am 4. März 2012.

    Diese Diashow benötigt JavaScript.

    No comments yet

    Schreibe einen Kommentar

    Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

    WordPress.com-Logo

    Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

    Twitter-Bild

    Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

    Facebook-Foto

    Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

    Google+ Foto

    Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

    Verbinde mit %s

    %d Bloggern gefällt das: