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Rheingold, Rheingold

Februar 13, 2012

Wenn Andreas Kriegenburg, Regisseur des in dieser Saison an der Bayerischen Staatsoper neuinszenierten Ring, nicht im Vorfeld hätte verlauten lassen, man erzähle die Ringgeschichte aus der Retrospektive, niemals wäre ich auf die Idee gekommen, die schon beim Betreten des Zuschauerraumes auf der schlichten Bühne lagernde friedlich-freundlich-ausgelassene Picknickgesellschaft wäre sozusagen eine Post-Götterdämmerungs-Gesellschaft. Insofern war der Hinweis nützlich, ja sogar notwendig. Man hätte das in weiße Baumwolle gekleidete Völkchen für Flower-Power-People halten können, hätten sie nicht Adelholzner aus Plastikflaschen getrunken und gesunde Äpfel der Marke Freia verzehrt, allerdings gabs zur Flower-Power-Zeit erstens noch kein Wasser in Plastikflaschen und zweitens wären denen Äpfel viel zu gesund gewesen. Die fröhlichen jungen Menschen schienen ihr Picknick durch ein ganz besonderes Gemeinschaftserlebnis bereichern zu wollen. Sie planten offensichtlich eine Aufführung, vielleicht mit dem Titel „Wie alles begann“ – „Rheingold“. Der Regisseur und auch die Hauptdarsteller, Alberich, Wotan, Mime, die Rheintöchter, Donner und Froh bewegten sich zwanglos zwischen ihnen, waren offenbar Teil dieser Gesellschaft.

Ehe die ersten Töne des Vorspiels erklangen, der Rhein zu grummeln begann, entkleideten sich die Weißgekleideten, bemalten sich gegenseitig mit wasserblauer Farbe und formierten mit ihren Körpern am Bühnenrand den Fluss und mit den Bewegungen ihrer Körper seine Wellen, welche die blonden, langhaarigen Rheintöchter (in türkisfarbenen schlichten Kleidern) freigaben und die dem ungepflegten, fetthaarigen Alberich den Durchgang erschwerten. Diese Anfangsszene fand ich mit am besten gelungen, jedenfalls hat sie mich beeindruckt, denn die Formation der Körper (80 – 100 Menschen) beschränkte sich meiner Ansicht nach nicht auf die Darstellung des Eingangsbildes der Oper, des Flusses, sondern hatte auch schöpferische Elemente, so, als begänne etwas Neues.

In manchen Kommentaren zu Kritiken war zu lesen, die Regieführung sei beliebig und zu oberflächlich, würde mithin dem Werk und den Absichten Richard Wagners nicht gerecht. Ich habe keine Ahnung, ob Richard Wagner die sozialkritischen Anspielungen, die ich in dieser Arbeit sah, gebilligt hätte. Fafner und Fasolt, Menschen wie du und ich, waren zu Macht gekommen. Zwar trugen sie noch immer den proletarischen Blaumann, wurden aber auf riesigen Würfeln, gepresst aus Menschen in Blaumännern, wie in Sänften, auf die Bühne geschoben. Sie waren Riesen geworden, und um das auch äußerlich sichtbar zu machen, wurden ihnen auf offener Bühne riesige Hosen angelegt, übergroße Mäntel fielen über die beiden Menschenquader, die Füße der Riesen bildeten menschliche Körper, die in schwarzen Säcken steckten.

Ein weiterer Regieeinfall, der unter Einsatz von Statisten des Bewegungschores stark in Szene gesetzt wurde, war der Moment des Verfalls der Götter sobald ihnen die Riesen Freia genommen hatten und ihnen die goldenen Äpfel vorenthalten wurden .

Für Nibelheim wurde die Bühne verwandelt. Bühnenboden und Bühnendecke hoben bzw. senkten sich gegeneinander und bildeten ein offenes Dreieck zum Zuschauerraum. Die beiden Flächen schloßen nicht dicht ab, und in dem schmalen, beleuchteten Spalt dazwischen sah man Nibelungen Säcke schleppen, angetrieben von Aufsehern. Wer schlapp machte, wurde über die Rand gestoßen, rutschte ab und wurde von einem weiteren Aufseher in ein Loch gestoßen, dem gleich danach eine Stichflamme entwich. Gruselig wurde klar, woher Hitze kam für die teuflische Schmiede. Glänzend gelang Alberichs Verwandlung, die leicht ins Lächerliche abrutschen kann. Die Anzüge einiger Nibelungen waren mit einem Kranz von Grubenlampen ausgestattet. Durch Drehen zum Publikum blendeten sie dessen Sicht und der Zauber gelang. Der Riesen-Wurm übrigens war ein hereingetragenes brennendes Seil und die krumm und graue Kröte ein kleines grünes Menschlein, so wie auch schon das geraubte Rheingold ein kleines Menschlein gewesen war, ein goldenes natürlich.

Bis auf einige wenige Holzquader, die den Gottheiten als Sitzgelegenheit dienten und zu Anfang auch der Picknickgeschaft, war die Bühne leer. Der Bewegungschor war Ausstattung genug. Aus ihm bildete sich die Burg Walhall, selbst ihre Zinnen waren sichtbar. Auf Requisiten wurde weitgehend verzichtet. Nur Wotan trug ständig seinen Speer, mit dem er Alberich bezwang, indem er den Speer durch die Ärmel seiner Anzugjacke schob und Alberich dadurch entwaffnete. Loge war nicht ohne Gehstock anzutreffen, der mehr war als das. Seine Spitze enthielt ein Messer, das Loge Fafner reichte, damit dieser den Riesenbruder Fasolt ersteche.

Im Rheingold sind die Götter noch jung, unerfahren. Sie sind wie Menschen. So interpretiere ich die Auswahl der Sängercharaktere, durchweg eher leichte Stimmen. Ich rechne damit, daß im weiteren Verlauf des Ringes die Stimmen an dramatischer Bedeutung und an Gewicht gewinnen (keine Kunst, wenn man die Besetzungslisten ansieht). Sehr gespannt bin ich auf den weiteren Einsatz der Picknickgesellschaft. Ich könnte mir vorstellen und würde mir wünschen, daß diese unbedarft fröhliche Gemeinschaft den Ernst des Lebens erfahren, daran zerbrechen oder wachsen wird, jedenfalls eine Entwicklung erfährt, sonst würde ihr Einsatz ja gar keinen Sinn machen.

Die Besetzung mit „leichten“ Stimmen sagt nichts aus über deren Qualität. Die Besetzung folgte dem inszenatorischen Ansatz und der musikalischen Interpretation. Selten hörte ich Kent Nagano so sängerfreundlich dirigieren; er ließ alle Sänger zur Geltung kommen, die in einem „herkömmlichen“ Dirigat vermutlich untergegangen wären. So erklangen die Rheintöchter (Eri Nakamura, Angela Brower und Okka von der Damerau) in seltener Schönheit und Verständlichkeit. Donner und Froh (Levente Molnár und Thomas Blondelle), beide nicht die stimmgewaltigsten von Natur, hinterließen einen positiven Eindruck. Fasolt (Thorsten Grümbel) und Fafner (Phillip Ens) hätte ich mir allerdings etwas durchschlagender gewünscht. Erda (Catherine Wyn-Rogers) hatte zwar einen optisch starken Auftritt, wie sie von Lemuren umsäumt, mit gekalktem Gesicht, die Szene betrat, stimmlich schien sie mir zu hell und wenig dämonisch besetzt. Ulrich Ress verkörperte einen wirklich glänzenden Mime. Freia gefiel mir an beiden Vorstellungstagen, die ich besuchte, nicht sonderlich, obwohl ich Aga Mikolaj an sich als Sängerin ind en bisher gesehen Rollen schätze. Sophie Kochs Fricka passt in das Konzept der menschlichen Götter; da scheint noch etwas zu sein zwischen Wotan und ihr. Eine schwerer, dramatischerer Mezzo hätte zu Johan Reuters elegantem, hellem Bass nicht gepasst, insofern ging die Fricka-Besetzung gut auf. Auch Johan Reuter profitierte von Naganos Wohltaten, gefiel mir aber sehr gut. Beide Alberiche, die ich hörte, Johannes Martin Kränzle in der Premiere und Wolfgang Koch in der zweiten Vorstellung, hätten sich auch gegen stärkere Orchesterfluten durchsetzen können. Daß ich Wolfgang Koch als deutlich bedrohlicher als Kränzle empfand, wird vor allem an der längeren Probenzeit gelegen haben und vor allem an meiner akustischen Zwangslage in der Premiere. Aber auch die beiden Alberiche mit einer deutlichen Betonung der sängerischen Linie vor der Lautstärke. Last but not least Loge. Stefan Margita verlieh ihm Kontur, nicht nur mit dem farblich hervorstechenden roten Anzug, sondern mit ebensolcher Stimme. Nach kurzem Erstaunen über das schneidende Timbre und die akzentuierte Diktion fand ich Loge glänzend charakterisiert. Obwohl nur Halbgott, ist er in diesem Rheingold eigentlich der Strippenzieher, der Hochzeitslader sozusagen.

Vorhersehbar war, daß Kent Naganos Dirigat polarisieren würde. Sehr stimmungsvoll und patzerfrei gelang die erste Szene. Wie schon gesagt, war ich überrascht, wie stimmfreundlich er in den Gesangssequenzen agierte, bisher fast ungewohnt bei ihm. Zwischenspiele und Verwandlungen dagegen waren durchaus mächtig angelegt. Erstaunlich aber auch, wie die bei ihm schon gewohnte Transparenz der Stimmen angesichts des großen Orchesterapparates hörbar wurde. Ein interessantes Dirigat, dazu ein Orchester der Könner. Nicht ohne Grund erhielten sie den größten Beifall. Ein gelungener Auftakt des neuen Rings, an den sich große Erwartungen für die Walküre anschließen.

One Comment leave one →
  1. Februar 14, 2012 03:42

    Thank you so much for the detailed description of the production. I did not know about the Picnic party and love the idea that they are telling a story, perhaps, of „how it all began“. I hope this will be available online or on DVD! I’d love to see it!

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