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Oper Stuttgart: Die Nachtwandlerin

Januar 30, 2012

Beschwingt nachtwandelte ich nach einem rundum beglückenden Opernabend durch den Stuttgarter Schlosspark zu meinem Hotel. Es gab „Die Nachtwandlerin“, Eingeweihten auch bekannt unter dem wenig geläufigen Titel „La Sonnambula“. Der Waldgeist mag wissen, warum die Oper in Stuttgart, obwohl italienisch gesungen, mit einem deutschen Titel auf dem Programmtitel erscheint. Neben mir sitzende Abonnenten fanden nach eigenem Bekunden die Oper erst nach längerem Suchen. Ende der Beschwerden.

Anna Viebrock liebt offenbar die Farbe Braun. Brauntöne dominieren das scheussliche Bühnenbild zu Tristan und Isolde in Bayreuth, Brauntöne dominierten das raffinierte Bühnenbild zu Vec Makropulos in Salzburg letztes Jahr und Brauntöne dominieren nun auch die Bühne zu La Sonnambula in Stuttgart. Ein rustikales Wirtshaus ist zu sehen in einem Tonnengewölbe, Bier-Klapptische und Bierbänke. Den Schauplatz orte ich mal nach dem Ausschlußverfahren. Die Gaststube liegt in einem der Alpenländer, Bayern, Österreich oder Schweiz. Bayern schließe ich aus, denn in einem Bayerisches Wirtshaus standen selbst in schlechten Zeiten keine alten Kleiderschränke an den Wänden. Auch den Schweizern traue ich so ein Sammelsurium in einem Gastraum eigentlich nicht zu. Sie merken, Frau Piefke hat sich für A entschieden. Oder vielleicht ist es doch keine richtige Gaststube, sondern ein Vorraum, in dem genug Platz ist, viele Gäste einer Hochzeit zu bewirten. Deswegen auch die Klapptische. Viele unterschiedlich große Türen aus unterschiedlichen Materialien führen in den Raum: so sah es früher aus, wenn eine alte Hütte repariert und ausgebaut wurde, wenn es notwendig war und wofür das Geld gerade reichte oder eben in einem ungenutzten Vorraum im Zwischengeschoß. Ein geniales Einheitsbühnenbild, das sich durch Herablassen eines Vorhanges zum intimen Herbergszimmer verwandeln ließ.

Szenenfoto von der HP der Oper Stuttgart

Anna Viebrock verantwortet auch die Kostüme, die mich sehr an meine allerfrüheste Jugend erinnerten und an Fotos meiner Großmutter, Nachkriegskleidung, wie sie sich in ländlichen Regionen wahrscheinlich lange hielt. Nun macht ein gutes Bühnenbild noch lange keine gute Produktion. Der Regisseur erzählte die Geschichte vom mittellosen Waisenmädches Amina und dem reichen Dörfler Elvino ohne irgendwelche Umdeutungen. Jeder Zuschauer konnte ohne große Erklärungen interpretieren, was sehr plastisch auf der Bühne geschah, wie Häme und Mißgunst sich breit machen inmitten der Dorfgesellschaft und welchen Ängsten, Zweifeln, Hoffnungen und Träumen ein Mädchen vor der Hochzeit ausgesetzt sein kann. Das Geschehen zu deuten liegt beim Zuschauer. Und so wird es vermutlich ebensoviele Deutungen wie Zuschauer geben. Natürlich kommt alles librettokonform zu einem glücklichen Ende, und das mit wachsender Spannung folgende, vollkommen hustenfreie Auditorium konnte aufatmen, als sich letztlich alles nur als ein Alptraum der aufgeregten Braut entpuppte. Die Übereinstimmung von Bühne, Szene, Stimmen und Orchester, die selbsterklärende Regieführung, die nie in Kitsch abdriftet, ist eine Gratwanderung zwischen Interpretation und Beschreibung. Ausgezeichnete Sängerdarsteller trugen ihren Teil bei, die skurille „Brautmutter“ Teresa zum Beispiel, die von Helene Schneiderman umwerfend charakterisiert (und glänzend gesungen) wurde. Dem gekonnt bewegten und stimmlich gut aufgelegten Chor der Oper Stuttgart gebührt ebenfalls ein Löwenanteil. Begeistert hat mich die Sängerin der Amina, Ana Durlovski, mit ihren quellfrischen Koloraturen, dem warmen, jugendlichen Stimmtimbre und mit bezauberndem Spiel. Sie ist die perfekte Besetzung und – ich staune – Ensemblemitglied in Stuttgart, nicht Belcanto-Königin aber ein Prinzesschen. Ensemblemitglieder auch die anderen Sänger, wie Luciano Botelho als Elvino, dessen gute Höhe und schöne Rossini-Stimme leichte Unsicherheiten unwichtig erscheinen ließen. Catronia Smith als Lisa war eine markante und durchaus ebenbürtige Gegenspielerin zu Amina, Motti Kastón ihr glückloser Liebhaber Allessio. Liang Li, der als Rodolfo den Grafen und Aminas vermutlichen Erzeuger darstellte, wird demnächst an der Deutschen Oper König Marke singen. Finde ich ganz interessant. Das Orchester kommt zuletzt, dabeitrug es gleichgewichtig zum Erfolg dieses Abends zusammen mit den anderen Elementen bei. Mit Gabriele Ferro und unter dessen umsichtiger Stabführung entfaltete es Belcanto-Stimmung. Höchstes Lob den Posaunen und der Musikerin an der wunderbaren ersten Flöte. Spannendes Musiktheater ohne Zeigefinger aber mit Bauch und Hirn, Musik und Belcanto zum Schwelgen inbegriffen. Toll. Und lange Ovationen bei Schlussapplaus.

Ich würde ja gerne sagen, da ist mal eine traditionelle Inszenierung gelungen. So empfand ich es nämlich. Nahe am Libretto, immer im Dialog mit Gesang und Orchester. Allerdings trifft meine Empfindung die Schublade sicher nicht.

Produktionsteam:
Musikalische Leitung: Gabriele Ferro, Regie: Jossi Wieler, Sergio Morabito, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Licht: Reinhard Traub, Chor: Michael Alber, Dramaturgie: Sergio Morabito, Angela Beuerle

Besetzung am 28. Januar 2011:
Rodolfo: Liang Li, Teresa: Helene Schneiderman, Amina: Ana Durlovski, Elvino: Luciano Botelho, Lisa: Catriona Smith, Alessio: Motti Kastón

Oper Stuttgart
Weitere Vorstellungen im Februar 2012 siehe Spielplan

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