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Best of 2011 – Opera

Januar 1, 2012

Angeregt durch die Rückschauen einiger „blogging“ Kollegen auf das Opernjahr 2011 machte ich mich daran, mein ganz persönliches Opernjahr Revue passieren zu lassen. Mein Grundgefühl war dabei, daß ich überwiegend Durchschnittliches konsumiert hatte mit wenigen guten bis herausragenden Aufführungen. Bei genauerer Betrachtung kam ich allerdings zu der überraschenden Erkenntnis, daß der Anteil der bemerkenswert guten Aufführungen so gering gar nicht gewesen war.

Einiges wird mir unvergesslich bleiben, aus durchaus unterschiedlichen Gründen. Ausschlaggebend kann eine besonders gut gelungene Produktion gewesen sein, ein besonderes musikalisches Erlebnis, vielleicht sogar beides und manchmal lehrt einen so ein Abend auch etwas, erweitert den Horizont, läßt es klicken im Kopf oder sonst wo.

Wiener Philharmoniker von meinem Platz vor "Die Frau ohne Schatten"

„Die Frau ohne Schatten“ (Salzburger Festspiele August 2011) war so ein „Klick“ Erlebnis für mich. Mit Richard Strauss als Opernkomponist tat (und tue) ich mich schwer. Ganz vorne im Parkett des Großen Festspielhauses sitzend, schlug mich die von Christian Thielemann geleitete Aufführung vom ersten Ton an in Bann. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, Strauss‘ Musik zu verstehen, sie ohne viel zu denken in Übereinklang bringen zu können mit der Handlung auf der Bühne. Ich denke, daß ich diesen „Klick“ Christian Thielemann und den Wiener Philharmoniker zu danken habe. Wunderbare Sänger kamen zum Einsatz ( Eva-Maria Westbroek, Evelyn Herlitzius, Michaela Schuster, Stephen Gould, Wolfgang Koch). Christof Loys Regiekonzept, die Oper als Plattenaufnahme in dem als Tonstudio dienenden Wiener Sophiensaal spielen zu lassen (Bühne Johannes Leiacker), ist zwar nicht revolutionär, aber gut. Ohne Zögern nenne ich „Die Frau ohne Schatten“ als mein beeindruckendstes Opernerlebnis 2011.

Salzburg 2011

Eine Erfahrung, die sich vielleicht nicht mehr wiederholen wird, brachte mir der Festspielsommer 2011 in Salzburg. Die Kombination herausragender Opernproduktionen unterschiedlichsten Stils (Die Sache Makropulos (Marthaler), Die Frau ohne Schatten (Loy), Macbeth (Stein)) mit Konzerten (Das Lied von der Erde (Gerhaher/Beczala), Stabat Mater (Pappano), Verdi-Requiem (Muti)) und konzertanten Opern (Le Rossignol/Iolanta (Bolton/Netrebko/Beczala) war ein genialer Streich des Interimsintendanten Markus Hinterhäuser, an dem sich zukünftige Programme der Festspiele kaum messen lassen können. Und was ich vorher beschrieb, war nur ein Teil dessen, was ich erlebte und ein Bruchteil dessen, was 2011 angeboten wurde.

Von „Parsifal“ erlebte ich in 2011 gleich mehrere Inszenierungen, mehr zufällig eigentlich.
Im April 2011 liess ich mir Peter Konwitschnys Parsifal Deutung an der Bayerischen Staatsoper natürlich nicht entgehen, in der die wunderbare Angela Denoke Kundry verkörperte, ein besonderes Erlebnis ebenso wie Kwangchul Youn als Gurnemanz, Michael Volle als Amfortas und Nikolai Schukoff in der Titelrolle. Kent Nagano stand am Pult des Bayerischen Staatsorchesters.

Gleich zweimal war ich wegen Parsifal in Zürich, wohin Claus Guths Inszenierung übernommen wurde und wo ich Daniele Gattis eher langsame Tempi schätzen lernte, die so spannungslos nämlich nicht sind. Neben der in sich schlüssigen Interpretation des Regisseurs beeindruckten vor allem die eindringlichen Rollenporträts der Sänger in stimmlicher wie darstellerischer Hinsicht gleichermassen. Besetzung: Egils Silin (Titurel), Matti Salminen (Gurnemanz), Pavel Daniluk (Klingsor), Stuart Skelton (Parsifal), Thomas Hampson (Amfortas), Yvonne Naef (Kundry). Eine ganz persönliche Entdeckung war Stuart Skelton, dessen junger, strahlend kräftiger Tenor einiges für die Zukunft erwarten läßt.

Aller guten Dinge sind drei und so sah ich also im August 2011 in Bayreuth Stefan Herheims Parsifal ein weiteres Mal. Besonders auffallend erschien mir in diesem Jahr die perfekte Übereinstimmung der überwältigenden Bilderflut und mehrfachen Deutungsebenen der Bühne mit der geruhsamen musikalischen Umsetzung Daniele Gattis. Daß in Bayreuth nicht auf allen Positionen die Sänger auftreten, die Bayreuth eigentlich verdient, möchte ich erwähnen, tut aber der Bedeutung dieser Produktion keinen Abbruch. Der Sänger des Gurnemanz gehört natürlich ausdrücklich nicht zu dieser Kategorie. Kwangchul Youn ist ein Glücksfall für Bayreuth, ein Ausnahme-Gurnemanz.

Im Januar 2011 erlebte ich gleich zweimal Ben Heppner in der Titelrolle als Lohengrin und Elza von den Heever als Elsa in der umstrittenen Richard Jones Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper, die so umstritten bei mir gar nicht ist. Gelegentlich vermisse ich sogar in anderen Inszenierungen anderer Häuser die rennenden Trümmerfrauen mit ihren Schubkarren. Auch hier stand Kent Nagano am Pult, ein Maestro, dem ich für den Fortschrit meiner Annäherung an Richard Wagner einiges danke. Mir blieb neben Konwitschnys musikalischer Inszenierung die Erinnerung an Elza van den Heevers leuchtende Elsa und an Heppners bewegende Darstellung Lohengrins und seiner noch immer beeindruckenden vokalen Umsetzung.

Tristan und Isolde sah ich 2011 in Bayreuth, ein Erlebnis, an das ich mich wegen der öden Inszenierung und einer unterirdischen Isolde nicht gerne erinnere. Umso lieber erinnere ich mich an Tristan und Isolde (wieder mal eine Konwitschny Inszenierung), die den Abschluß der Münchener Opernfestspiele im Juli krönten. Mit René Pape (Marke), Ben Heppner (Tristan), Nina Stemme (Isolde), Ekaterina Gubanova (Brangäne), Alan Held (Kurwenal) waren ein großartiges Ensemble aufgeboten, die mit dem Bayerischen Staatsorchester unter Kent Nagano das Haus in Bann schlugen. Natürlich war René Pape imposanter Marke ein wahrer Stimmkönig, König der Herzen jedoch war Ben Heppners Tristan.

Im April 2011 zog es mich nach New York. Als ich meine Karte für Die Walküre bestellte, wußte ich natürlich nicht, was produktionsmäßig erwarten würde. Zwar hatte die Met für „The machine“ kräftig die PR-Trommel gerührt, das Ergebnis – mir vorher bekannt – hätte mich von einem Besuch vermutlich abgehalten. Dann allerdings wäre ich nicht in den Genuss von Bryn Terfels herausragendem Wotan gekommen, der mich zu Tränen rührte, hätte Jonas Kaufmanns Sigmund Debüt versäumt, Eva-Maria Westbroek exzellenter Sieglinde, hätte weder Stephanie Blythe noch Deborah Voigt an der deutschen Sprache scheitern hören (gesungen haben sie allerdings ordentlich). Und ich hätte Maestro James Levine nicht erlebt, der zum letzten Mal vor seiner längeren Erkrankung am Pult des Orchesters der Metropolitan Opera stand.

Eine weitere kurze Reise verschlug mich im Juni 2011 nach Amsterdam, wo ich einen von Mariss Jansons seltenen Ausflüge in eine szenische Opernproduktion erlebte. Mit dem Concertgebouw Orkest gestaltete er an De Nederlandse Opera Eugen Onegin, eine aufregende Produktion von Stefan Herheim. Die Titelrolle sang Bo Skovhus; Tatjana war Krassimira Stoyanova. Mariss Jansons führte zuvor Eugen Onegin mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks konzertant im Herkulessaal auf mit fast identischer Besetzung, so daß ich in etwa wußte, was musikalisch zu erwarten war. Die Umsetzung im Zusammenspiel mit der Bühne in Amsterdam war dann doch eines meiner Ausnahmeerlebnisse im Jahr 2011.

Zunächst hatte ich den kürzlich an der Met erlebten Faust nicht auf dem Plan meiner „Best of“ for 2011. Zu sinnentleert fand ich die nicht zu Ende gedachte Inszenierung. Allerdings kann ich meinen überwiegend positiven Eindruck nicht nur auf künstlerische Einzelleistungen zurückführen. Unter der inspirierten Leitung von Yannick Nézet-Séguin erblühte ein musikalisches Juwel, und vor allem René Pape gelang mit Méphistophélès umwerfende darstellerische und gesangliche Meisterleistung, die zumindest darstellerisch nicht nur auf des Sängers Mist gewachsen sein kann. Gleiches gilt für Jonas Kaufmann in der Titelrolle und die Behandlung des Chores. Hinsichtlich der Personenregie gelten also meine Vorbehalte gegen diese Inszenierung nicht.

Beim Zusammenfassen meiner denkwürdigen und bemerkenswerten Opernerlebnisse 2011 fällt mir auf, wie sehr mein musikalischer Geschmack im Wandel begriffen ist, etwas das ich bei Gelegenheit gerne näher untersuchen würde. Ich würde gerne herausfinden, ob meine derzeitige Wagnerlastigkeit Zufall ist.

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