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Metropolitan Opera – Faust

Dezember 20, 2011

Mein New York Besuch im Frühjahr war zu kurz, und wollte gerne nochmal hin und damit auch nicht lange warten. Mit Met-Besuch(en) sollte der Trip möglichst auch verbunden werden. Was lag näher als den Dezember zu wählen, wo ich innerhalb weniger Tage ein Programm wählen könnte, daß mir auch hinsichtlich der Besetzung papiermäßig extrem zusagte. Der erste und der letzte von vier geplanten Opernbesuchen galt der Neuinszenierung von Gounods Faust. Ich meine gelesen zu haben, daß es sich dabei um eine Koproduktion mit der ENO handelte. Die Progamme der Met werden zwar kostenlos verteilt und sind damit diebstahlsicher, allerdings auch nicht übermässig aussagefähig.

Die an der Met gezeigte Version sieht Dr. Faust als Erfinder der Atombombe. Angesichts der Auswirkungen seines Lebenswerkes beschließt er, seinem Leben ein Ende zu setzen. Zynisch sind seine letzten Worte, die denn auch den Teufel auf den Plan rufen. Das Publikum lacht.

Faust jedoch verkauft nicht seine Seele an den Satan. Er hält im Moment des Todes Rückschau. Eine gute Idee eigentlich. Zuerst dachte ich, die Durchführung ist ganz schwach, denn der zeitliche Rahmen der Rückschau passt nicht (festgemacht an Kostümen und Ausstattung), und die Atombombenstory hat nach meinem Empfinden keinen Wert für den Ablauf. Im Nachhinein und beim zweiten Hinsehen bin ich etwas milder und interpretiere die Inkonsistenz des zeitlichen Ablaufes mit der Zeitlosigkeit der Faust-Geschichte. Die Atombombe hat allerdings noch immer keinen Mehrwert für mich.

Die Bühne ist karg. Laboratmosphäre mit Metallaufbauten, Einheitsbühnenbild mit Variationen. Vermutlich hat ohnehin jedermann die Kinoübertragung gesehen.

Interessanter für mich war eher der musikalische Teil, der szenische hat mich allerdings neben der genannten Bedenken weiter nicht gestört. Es gab übrigens kein Ballett in der Walpurgisnacht. Vollkommen fasziniert war ich vom Beginn an von der Umsetzung durch das Orchester der Metropolitan Opera unter Yannick Nézet-Séguin. Ich erlebte diesen jungen Maestro vor zwei Jahren zum ersten Mal bei einem Don Giovanni in Salzburg. Welch eine Entwicklung! Bitte mich nicht falsch zu verstehen; damals war er schon gut. Es gibt meines Wissens auch eine Aufzeichnung dieser Salzburger Inszenierung (Guth). Was er an der Met mit Faust ablieferte, ließ mich in der felsenfesten Überzeugung, er habe diese Partitur mit der Muttermilch aufgesogen, müsse also Franzose sein. Er ist Kanadier. Macht aber nichts, läßt im Gegenteil auf eine große Dirigentenzukunft hoffen. Denken Sie bei Gelegenheit an mich. Das Orchester folgte seinen Intentionen sensationell und entsprechend sinnlich war das Ergebnis. Ein großes, spannendes Erlebnis.

In einer ähnlichen Kategorie möchte ich den fabelhaften Chor der Met einreihen, Profis mit Gespür für den Moment und spürbarer Leidenschaft für ihre Arbeit. Auch nicht alltäglich.

Bei den Stimmen fange ich mal mit meiner Rezeption des Hauptdarstellers an. Meine Sitznachbarn hätten sich etwas mehr Power von Jonas Kaufmann gewünscht. Ich fand seine Darstellung angenehm zurückhaltend und in Übereinstimmung mit der Sicht der Produktion und vielleicht auch Kaufmanns eigener auf die Rolle des alten Faust rückblickend auf sein Leben, wohl wissend, daß die Zeit gestohlen/gekauft/geborgt ist. Dieser melancholische Aspekt zog sich durch den Abend, unterbrochen – natürlich – von den obligatorischen Spitzentönen, die ein Herr Tenor zu präsentieren hat. Ich hätte gerne auch Alagna gehört, der in dieser Aufführungsserie noch auftreten wird, war allerdings mit Kaufmanns zweiter Vorstellung ebenfalls hoch zufrieden.

Weniger angetan war ich von Marguerite, die von Marina Poplovskaya ansprechend dargestellt wurde. Ich finde, daß weder ihr Stimmtyp noch Erscheinungbild Marguerite gerecht wird. Sie machte keinen Fehler, traf alle Töne, Marguerite war sie nicht. Nicht für mich. Zu seelenlos die beiden Arien. Zu spröde. Keine Jungfrau. Kein erkennbares Opfer der Gesellschaft und Fausts.

Alles andere als eine Jungfrau war Satan René Pape. Daß er singen kann, durfte angenommen werden. Als Bewegungstalent sah ich ihn allerdings bisher eher nicht. Sein Méphistophélès ist eine auf den Punkt choreografierte Charaktisierung des teuflischen Strippenziehers, der keinen Moment daran zweifeln lässt, wer den Ablauf bestimmt. Dazu singt René Pape mit elegant-dämonischer Hinterlist, böse und verführerisch, hinreissend. Schwer, diesem Satan nicht zu verfallen. Eigentlich biste sofort fällig.

Ich hörte einen sehr klangschönen Valentin (Russell Braun), der auf meinem Platz (balcony) nicht ganz gut zu vernehmen war. Rollendeckend agierte auch Siebel (Michele Losier).

Fazit: Ein herausragendes Opernerlebnis wegen der mitreissenden orchestralen Umsetzung vor allem, aber auch wegen René Papes singulärer Leistung.

Produktionsteam
Production: Des McAnuff
Set Designer: Robert Brill
Costume Designer: Paul Tazewell
Lighting Designer: Peter Mumford
Choreographer: Kelly Devine
Video Designer: Sean Nieuwenhuis


Besetzung

Conductor: Yannick Nézet-Séguin
Marguerite: Marina Poplavskaya
Siébel: Michele Losier
Faust: Jonas Kaufmann
Valentin: Russell Braun
Méphistophélès: René Pape

Bilder (copyright me)

2 Kommentare leave one →
  1. Christel Mangold permalink
    Dezember 20, 2011 11:35

    war ebenfalls in New York und im Opernkino und war von Kaufmann total begeistert. Diese exzellenten Piano beherrscht nur er.

  2. Baerbl Wagner permalink
    Dezember 27, 2011 11:34

    Ich war auch im Opernkino und war von allen Sängern begeistert.

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