Skip to content

Turandot – Spanischer Zirkus zu Gast in China

Dezember 4, 2011

Turandot Premiere an der Bayerischen Staatsoper. 3-D Brillen Verteilung am Theatereingang wundert nicht wirklich, schon gar nicht, wenn der Regisseur Carlus Pedrissa heisst. Der lieferte mit seiner Theatergruppe La Fura dels Baus das erwartete Spektakel, eine trotz vieler akrobatischer Einlagen (zwischen Eiskunstlauf und Trapezartistik) atmosphärische Bebilderung von Puccinis Oper Turandot. Zwar habe ich nicht viel bemerkt von der Verschiebung des Schauplatzes in das Jahr 2046 und vom Aufstieg Chinas zu einer Weltmacht, ich würde dennoch die Aufführung als authentisch bezeichnen. Dies vor allem wegen der Harmonie zwischen szenischer und musikalischer Umsetzung. Im Orchestergraben entfachte Zubin Mehta den passenden, effektvoll voluminösen Breitwandsound zur Bühne. Insoweit ein unterhaltsamer, kurzweiliger Abend, den ich wegen dieser Stimmigkeit sehr genossen habe.

Was mich dann doch überraschte war die wenig einfallsreiche Führung der Hauptdarsteller, sehr statisch mit altmodisch opernhafter Gestik. Das mag seinen Grund haben in der körperlichen Beweglichkeit oder der individuellen dramatischen Begabung des/der Einzelnen, offenbarte aber deutlich den Überhang der oberflächlichen Sichtweise über das Innere des Dramas, was eigentlich schade ist. Unter diesem Gesichtspunkt war Marco Bertis Calaf-Interpretation perfekt, kraftmeierisch und plakativ; zugegebenermaßen (fast) ohne stimmlichen Mangel. Turandot Jennifer Wilson verletzte mein Trommelfell nur einmal, überraschte insofern positiv nach meiner jüngsten Berliner Erfahrung mit ihrer Brünnhilde. Mir fiele allerdings auf Anhieb niemand ein, der die Rolle besser singen könnte. Eine lyrischere Liu als Ekaterina Scherbachenko hat man offenbar nicht gefunden. Vielleicht wird das ja noch mit dem Ausdruck in den Folgevorstellungen. Fände ich wichtig, da mit Lius Tod in München die Oper endet und nach all dem Spektakel ein Ruhe-/Umkehrpunkt wünschenswert wäre.

Die restlichen Solisten und die Chöre – auch für München gute, keineswegs herausragende Leistungen.

Mein Fazit: Unterhaltsame China-Show mit effektvoller Musikuntermalung. Besetzung verbesserungsfähig. Besuch empfehlenswert.

Turandot Premiere am 3. Dezember 2011
Leading Team
Musikalische Leitung Zubin Mehta
Inszenierung Carlus Padrissa – La Fura dels Baus
Bühne Roland Olbeter
Kostüme Chu Uroz
Video Franc Aleu
Licht Urs Schönebaum
Produktionsdramaturgie Andrea Schönhofer
Rainer Karlitschek
Chöre Sören Eckhoff

Besetzung
La principessa Turandot Jennifer Wilson
L’imperatore Altoum Ulrich Reß
Timur, Re tartaro spodestato Alexander Tsymbalyuk
Il principe ignoto (Calaf) Marco Berti
Liu Ekaterina Scherbachenko
Ping Fabio Previati
Pang Kevin Conners
Pong Emanuele D’Aguanno
Un mandarino Levente Molnár
Il principe di Persia Francesco Petrozzi
Extra-Chor Extrachor der Bayerischen Staatsoper

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

Der Trailer der BSO zur Premiere

One Comment leave one →
  1. April 12, 2012 16:49

    Liebe @rossignol,
    via Twitter ist es doch ein wenig mühsam, sein Eindrücke mitzuteilen. Deshalb ein Kommentar zu meinem gestrigen Turandot-Erlebnis an der Bayerischen Staatsoper.

    Mit den La Fura dels Baus, Carlus Padrissa, Franc Aleu und Konsorten hatte ich erstmals 2010 in Mailand meine ersten Live-Erfahrungen gesammelt, nachdem ich im TV schon Teile des „Ring des Nibelungen“ gesehen hatte. Ich war also auf alles gefasst, da konnte mich die 3D-Brille, die eingangs verteilt wurde, nicht aus der Fassung bringen.

    Im ersten Akt ging alles hoppla-hopp: Die Handlung wird ja rasch vorangetrieben, ein Feuerwerk an optischen Eindrücken mit z.T. sich in den Zuschauerraum schiebenden geometrischen Formen und Mustern (3D!), unentwegt Menschen und Menschenmassen auf der Bühne, die sich hin- und herschieben oder wahlweise umherwuseln oder gar turnen. Hier erschien mir alles ein wenig zu viel des Guten. Das auf dem Textbildschirm eingeblendete Brillensymbol befahl zudem ab und an den kollektiven Einsatz der 3D-Billigbrillen, was sprichwörtlich eine knisternde Unruhe aufkommen ließ.
    Erst im zweiten Akt wird es ruhiger, vielleicht gewöhnt man sich ja auch an die Bilder- und Farbenflut. In der ersten Szene haben Ping, Pang und Pong viel zu erzählen und hier nähert sich die Bildersprache allmählich einer „konventionellen“ Inszenierung (beispielsweise eines Martin Kušej :-)) an: Die Zahl der Toten(köpfe) ist Legion und wabert auf der Bühne und der Leinwand – auch hier finden die La Fura dels Baus eine Verwendung. Man ist überhaupt oftmals verblüfft, wie vielfältig denn die Truppe in den entsprechenden Szenen eingesetzt wird. Viel geschieht an Seilen, man kann durchaus ein gewisse „Seillastigkeit“ neuerdings in der Bayerischen Staatsoper feststellen (Walküre!).🙂
    Der dritte Akt besticht durch das später erscheinende Bild des Bambusgartens – sehr, sehr aufwändig, wie übrigens auch die Fülle an Kostümen, die durch die vielen Statisten benötigt wurden.
    Alles in allem ist die Inszenierung durchaus schlüssig, sie wird im opulenten Programmbuch ja auch haarklein gedeutet und erklärt. Bei all dem kommen die Protagonisten in der Tat etwas zu kurz: Hier kann der Regisseur einem Johan Botha, von Haus aus kein großer Schauspieler, eben keine Hilfestellung bieten.

    Beim Singen aber macht Botha alles wieder wett: Scheinbar mühelos, ohne erkennbare Regung, oder aber unglaublich beherrscht meistert er alle Schwierigkeiten. Ich durfte erstmals 2004 an der Wiener Staatsoper bei seiner gewaltigen Amfortasklage im Parsifal Zeuge seiner schier unbegrenzten stimmlichen Möglichkeiten sein. Unglaublich, wie stoisch er seine Partie musikalisch bewältigt und glänzt. Jeder, der Jonas Kaufmann beim Singen zusieht oder Roman Trekels Gesichtszüge beim „Abendstern“ aus Wagners „Tannhäuser“ studiert, weiß, was ich meine. Jennifer Wilsons Prinzessin Turandot war wie gefordert von metallener Strahlkraft, mir aber stimmlich eine Nuance zu hart und unnachgiebig. Engelsgleich lyrisch dagegen Eri Nakamuras Dienerin Liù, die auch den meisten Beifall erhielt. Sehr homogen präsentierten sich die drei Minister (Fabio Previati, Kevin Conners und Emanuele D’Aguanno) genauso wie der Chor, der erhebliches leisten musste. Zum Teil sehr große Distanz zum Orchester und Dirigenten, Bewegung auf der Bühne, schlechte Sicht (Statisten!) und andere Widrigkeiten schmälern nur äußerst selten und dann nur in Nuancen die große Leistung des Chors.

    Meinen Glauben an das Dirigieren im Allgemeinen und an die Operndirigenten im Besonderen hat mir Dan Ettinger wieder zurückgegeben, nachdem ich zuletzt vom gleichaltrigen Teodor Currentzis in München doch sehr verwirrt wurde. Ökonomisch und klar, präzise und ästhetisch führte er durch die heikle Partitur, jederzeit Herr der Lage, gestisch eindeutig und doch angenehm unprätentiös. Eines der klarsten Dirigate, die ich jemals in einem Orchestergrabe gesehen habe. Es scheint also doch zu funktionieren: Man muss als Dirigent nicht bereits nach der ersten Szene nass geschwitzt sein, um Wirkung zu erzielen und Eindruck zu hinterlassen. Wenn er nun noch einen Schuss Suggestivität gewinnt und sich ein klein wenig mehr den Solisten widmet („begleitet“ hat er sie fabelhaft, immerhin ist er ausgebildeter Sänger!), hat er m.E. noch eine große Zukunft vor sich. Das Bayerische Staatsorchester brillierte übrigens wie gewohnt!

    Fazit: Durchaus sehens- und vor allem hörenswert dieses Spektakel, lange nicht so turbulent und visuell verwirrend wie Padrissas „Tannhäuser“ in Mailand. Musikalisch alles auf sehr hohem Niveau mit einem Johan Botha als Einspringer.🙂

    Liebe Grüße
    Werner Schnierer

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: