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Les Contes d’Hoffmann

November 1, 2011

Mein Gott, schon wieder ein Holzhaus, dachte ich als, der Vorhang aufging. Wenigstens fielen dem Regisseur keine größeren Umbauten oder Sanierungsmaßnahmen für die Pausen ein, sondern er ließ es mit einigen Schönheitsreparaturen bewenden, was zu erfreulich, leider unüblich kurzen Pausen führte.

Die erste Premiere der Saison 2011/12 an der Bayerischen Staatsoper gehörte Jacques Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“, zuletzt hier 1986 von Otto Schenk herausgebracht, eine Inszenierung, an die ich mich nicht erinnern kann, möglicherweise gar nicht gesehen habe. Richard Jones führte dieses Mal Regie, zuletzt vor allem als Lohengrin-Baumeister in Erinnerung geblieben. Im Gegensatz zur kontroversen Lohengrin-Veranstaltung wählte der Regisseur hier den Weg des geringeren Widerstandes, kratzte nicht an der Oberfläche und bereitete dem gut gelaunten Premierenpublikum einen netten Abend. Die hübsche Holzkonstruktion der Bühne diente je nach Bedarf als Wirtshaus, Kinderzimmer oder Puff; ein Tapetenwechsel, ein Neuanstrich für die Möbel und ein paar Accessoires genügten jeweils für eine neue, imaginäre Welt. Kostüme und Einrichtung des Prologs erinnern stark an Jugendstil, ebenso das Gehabe der Protagonisten, und so blieb es dann auch durchgängig zu meinem großen Erstaunen. Im Olympia-Akt störten mich zwar die bescheuerten Kinderklamotten schon, dennoch fand ich ihn ganz unterhaltsam. Im Antonia-Akt allerdings überkam mich das große Gähnen und im Giulietta-Akt verlockte mich überwiegend das überdimensionale Bett. Für Bilderbuchregie bin ich dann doch verdorben.

Vermutlich liest sich das alles negativer als es gemeint ist. Meiner Mutter hätte der Abend sicher großen Spaß gemacht. Dem englischen Publikum, für das die Co-Produktion auch gemacht ist, gefällt es sicher ebenfalls. Und ein paar nette Gags gab’s schon, die ich aber natürlich nicht verrate.

Warum ich letztlich doch nicht eingeschlafen bin, danke ich der Musik, glänzend in Szene gesetzt durch Constantinos Carydis und das Bayerische Staatsorchester, die mit dem nötigen Drive und stilistischem Gespür durch den Abend führten. Heute auch ein Riesenlob für die wunderbaren Chöre, die ich so oft gescholten habe; der Männerchor vor allem war ein Genuß.

Von den Solisten kann ich durchweg nur in Superlativen berichten. Natürlicher Mittelpunkt war Diana Damrau und deren Darstellung der vier Frauenrollen. Sie war eine hinreissend komische, stimmlich kapriziöse Olympia, gab Antonia den sehnsüchtig-lyrischen Ausdruck und selbst die etwas vulgäre Giulietta nahm man ihr ab. An Bühnenpräsenz mit ihr aufnehmen kann es jederzeit Rolando Villazón, der sich tatsächlich an den Hoffmann traute und sich an der schweren Partie nicht übernahm. Ich hörte gute Höhen und gelungene Gesangsbögen, oftmals schöne Tongebung. Mir gefiel seine Interpretation, der vokalen Leistung gebührt Respekt und dem Menschen meine Sympathie. Ausgezeichnet gefiel mir Angela Brower als Nicklaus, in der Inzenierung als Hoffmanns Zweitausgabe auftretend. Verglichen zu ihrem von mir zuletzt gehörten Cherubino hat sie sich stimmlich und darstellerisch positiv entwickelt. Das hier war dann doch hinsichtlich Volumen und Ausdruck ein anderes Kaliber. Glänzend besetzt fand ich auch John Relyea, der seinen Bass gleich allen vier Bösen des Abends leihen durfte. Kevin Conners verkörperte seine drei unterschiedlichen Charaktere pointiert und witzig und erhielt Szenenapplaus nach seiner Arie. Alle Darsteller der Nebenrollen, besetzt mit Ensemblemitglieder oder Mitgliedern des Opernstudios präsentierten sich spielfreudig und in prächtiger Verfassung.

Mit dem Abstand eines Tages komme ich zu keinem anderen Ergebnis als kurz nach der Premiere kundgetan: Musikalisch eine begeisternde Aufführung, szenisch doch eher enttäuschend, auch wenn das Premierenpublikum trotz der vereinzelten, leisen Buhs sich dem Regieteam gegenüber sehr freundlich zeigte.

Les Contes d'Hoffmann - Premierenapplaus


Les Contes d'Hoffmann - Premierenapplaus - Rolando Villazón


Les Contes d'Hoffmann - Premierenapplaus



Besetzung am 31. Oktober 2011

Musikalische Leitung Constantinos Carydis
Inszenierung Richard Jones
Bühne Giles Cadle
Kostüme Buki Shiff
Choreographie Lucy Burge
Licht Mimi Jordan Sherin
Produktionsdramaturgie Rainer Karlitschek
Chöre Sören Eckhoff

Diana Damrau (Olympia / Giulietta / Antonia / Stella)
Kevin Conners (Cochenille / Pitichinaccio / Frantz)
John Relyea (Lindorf / Coppélius / Dapertutto / Miracle)
Angela Brower (Nicklausse/Muse)
Okka von der Damerau (Stimme aus dem Grab)
Rolando Villazón (Hoffmann)
Ulrich Reß (Spalanzani)
Dean Power (Nathanael)
Tim Kuypers (Hermann)
Christian Rieger (Schlémil)
Andrew Owens (Wilhelm)
Christoph Stephinger (Crespel / Luther)

2 Kommentare leave one →
  1. Baerbl Wagner permalink
    November 2, 2011 12:40

    Liebe Rossignol,
    Premiere:Hoffmanns Erzählungen – ich hatte große Bedenken, die Regie betreffend.Jones – Lohengrin – entsetzlich!Aber nach dieser Aufführung war ich begeistert von der Inszenierung und den Bühnenbildern.Natürlich ist das Ganze etwas „verstaubt“; aber was ist uns denn lieber:eine total an der Geschichte vorbei inszenierte Aufführung, oder eine – bis ins Detail genaue, und auf jeden Akt individuell abegstimmte Inszenierung? Ich bevorzuge Letzteres!
    Bei den Sängern überstrahlte Diana Damrau alle übrigen.Eine grandiose Sänger-Darstellerleistung! Von Angela Brower war ich auch begeistert.
    Rolando Villazon: ich war erstaunt, dass er sich diese Partie zutraut,und dass er sie – wie auch immer – durchgestanden hat. An manchen Stellen kam die Schönheit seiner Stimme durch; aber tut seiner Stimme mit dieser Rolle keinen Gefallen! Vor allem im 3.Akt klang er sehr angestrengt, überfordert, und ich habe gezittert, ob der die Partie bis zum Ende durchhält!! Das Orchester unter der Leitung von Constantinos Crydis spielte auf sehr hohem Niveau!

    Liebe Grüße
    Bärbl

  2. November 2, 2011 22:33

    Liebe Bärbl,
    bei dieser Inszenierung scheiden sich wohl wieder die Geister, allerdings bei weitem nicht so stark und nicht so böse wie beim Lohengrin, mit dem ich übrigens zunehmend etwas anfangen kann. Vom musikalischen Teil war ich sehr begeistert, da möchte ich gar keine Abstriche machen. Für Villazón ist jeder Abend wichtig; ich fand ihn gut, und wie sehr er sich über den Erfolg freute, war herzerwärmend. Er sollte bei seiner Rollenwahl besser beraten werden; ich glaube, da fehlt es bei ihm.
    Wir werden uns sicher wieder öfter sehen, wenn auch vielleicht nicht in diesem Jahr.
    Viele liebe Grüße
    r.

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