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Deutsche Oper Berlin: Don Carlo

Oktober 30, 2011

Ein weiterer Ausflug während der Münchener Operndiätwochen führte mich zum neuinszenierten Don Carlo an der Deutschen Oper Berlin, wo Donald Runnicles seinen Einstand im italienischen Fach als GMD gab und wo vor allem Anja Harteros als Elisabeth vorgesehen war. Leider musste sie ihren Auftritt absagen, und ich gebe zu, daß ich für einen Moment daran dachte, auf den Besuch zu verzichten. Wer soll schon eine Anja Harteros ersetzen, die ich in der Rolle letztes Jahr mehrfach in München erlebte und die ihr so gut passt. Nun, ich bin froh, daß ich Flug und Ticket nicht habe verfallen lassen, denn ich konnte den Abend an der Deutschen Oper alles in allem doch unter eher erfreulichen Eindrücken verbuchen. Und so oft gibt es Verdis Don Carlo/Don Carlos auf deutschen Bühnen auch wieder nicht, daß man allzu wählerisch sein dürfte.

Auf der musikalischen Seite bestachen vor allem die Sänger. Massimo Giordano ist optisch eine Idealbesetzung des Carlo; stimmlich übertraf er meine Erwartung. Vor allem sein Verzicht auf schmalzige Drücker trug zum positiven Eindruck bei. Höhentöne nahm er mühelos und kontrolliert. Etwas blasser blieb Boaz Daniel als Rodrigo, der zwar gut sang, aber sich nicht prägnant in Szene setzen konnte. Im Duett blieb er etwas farblos und ebenso in der Todesszene. Beeindruckt war ich dagegen von Roberto Scandiuzzis Philipp, der seine große Soloszene anrührend gestaltete und dessen etwas trockener Bass auch in den übrigen Szenen gut zur Geltung kam. Sehr akzeptabel auch Ante Jerkunica als Großinquisitor. Die flandrischen Deputierten fielen durch ihren homogenen Gesang auf, eine tolle Besetzung.

Lucrezia Garcia, als Elisabeth kurzfristig eingesprungen, konnte nicht verlieren. Aber selbst als reguläre Besetzung hätte sie stimmlich eine adäquate Elisabeth abgegeben. Der in der Mittellage wie ein Mezzo klingende Sopran hat eine leuchtende, ganz reine Höhe. Darstellerisch muss man natürlich Abstriche machen; darüber später. Stimmlich gab es auch an Anna Smirnovas nichts zu mäkeln. Bemerkenswert schön klang die Stimme von oben (Hila Fahima), dargestellt auf der Bühne als junge Mutter, deren Kind ihr ein Inquisitionsscherge entreisst, ehe sie abgeführt wird.

Verantwortlich für Inszenierung, Bühne und Licht zeichnet Marco Arturo Marelli, der sich auf die Gestaltung der Bühne beschränkte und sicher annahm, die Inszenierung ergäbe sich von selbst. Betonartige, bewegliche Elemente, deren Zusammensetzung immer die Darstellung eines Kreuzes beinhaltet, bestimmen die Bühne. Vermutlich bedeuten sie zum einen die Pression der Kirche auf die Menschen zur Zeit der Inquisition, die wie eingemauert leben, aber auch die Zwänge, die sich aus den Einzelschicksalen von Elisabeth, Carlo und Philipp ergeben, denen sie sich nicht entkommen können. Dabei beliess es der Regisseur bewenden. Weitergehendes Interesse an Führung von Sängern und Chor hatte er nicht. Oder er konnte nicht. Das führte zu teilweise grotesken Aktionen der Sänger, beispielsweise in Rodrigos Todesszene und zu Momenten im Zusammenspiel von Elisabeth und Carlo, die mich zum Lachen reizten, wo solches keineswegs angebracht war. Meine Enttäuschung über diese Produktion führe ich zum einen auf das Desinteresse des Regisseurs an Personenführung zurück. Trotz durchweg guter solistischer Gesangleistungen und eines fabelhaften Chores berührte mich keine Minute dieses Don Carlo. Zum anderen fehlt in dieser viersätzigen italienischen Fassung ganz einfach der Fontainebleau-Akt. Ohne Fontainebleau macht die ganze Sache keinen Sinn (und ist überdies für meinen Geschmack zu kurz).

Hier hätte der neue GMD seinen Einfluß gelten machen müssen nach meiner Meinung. So blieb es bei einem überwiegend klangschönen Dirigat eines etwas unengagiert wirkenden Orchesters mit doch einigen Bläserpatzern.

Besetzung am 26. Oktober 2011
Musikalische Leitung – Donald Runnicles
Philipp II. – Roberto Scandiuzzi / Don Carlo – Massimo Giordano / Rodrigo – Boaz Daniel
Der Großinquisitor – Ante Jerkunica / Ein Mönch – Ryan McKinny
Elisabeth von Valois – Lucrezia Garcia / Prinzessin Eboli – Anna Smirnova / Tebaldo – Martina Welschenbach / Graf von Lerma Herold – Matthew Peña / Stimme von oben – Hila Fahima
1. Flandrischer Deputierter – Alexey Bogdanchikov / 2. Flandrischer Deputierter – Hyung-Wook Lee /
3. Flandrischer Deputierter – Simon Pauly / 4. Flandrischer Deputierter – Jörn Schümann / 5. Flandrischer Deputierter – Marko Mimica / 6. Flandrischer Deputierter – Tobias Kehrer

Schlußbild Don Carlo


Applaus für Lucrezia Garcia


Schlussapplaus für Runnicles

Die nachfolgenden Produktionsfotos habe ich der HP der Deutschen Oper entnommen (c Barbara Aumüller)

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