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Oper Zürich – Parsifal

Oktober 29, 2011

Claus Guths Züricher Parsifal Inszenierung ist wiederum (wie schon Tristan) in bürgerlichem Ambiente angesiedelt; zeitliche Einordnung: zwischen den beiden Weltkriegen. Die Drehbühne eröffnet vielfältige Szenarien für Claus Guths mehrschichtige Sicht auf Parsifal. Das Bühnenbild besteht aus einer zweigeschossigen Villa, die im Zeitverlauf verschiedenen Zwecken dient und dabei zunehmend verfällt.

Titurel spielt eine Rolle und zwar eine szenische. Bereits während der Ouvertüre sitzt Titurel mit seinen beiden Söhnen, Amfortas und Klingsor, zu Tisch. Es ist offenkundig, daß Titurels Zuneigung Amfortas gilt und nicht Klingsor, der denn auch den Tisch im Zorn verlässt.

Die Gralsvilla dient zunächst als Lazarett für verwundete, traumatisierte Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkrieges. Gurnemanz dient dem Sanatorium als Pfarrer; er fühlt sich hilflos angesichts der deformierten Männer und hält sich buchstäblich an seinem Rosenkranz fest, der ihm letztlich auch nicht hilft. Da kommt Parsifal gerade recht, der Naturbursche, der den Schwan erlegt – in ihm sieht Gurnemanz einen Hoffnungsträger.

Amfortas genügt den Ansprüchen des greisen Vaters Titurel nicht nur nicht, er hasst die Rolle, die dieser ihm auferlegt hat. Parsifal beobachtet heimlich den Machtkampf zwischen Vater und Sohn.

Mit einer naiven Neugier beobachtet Parsifal heimlich die merkwürdige Zeremonie, in der Krankenschwestern den versammelten kranken Männer eine Mixtur verabreichen, ein Gemisch aus Amfortas‘ Blut und Wasser.

Klingsor, der nicht zufällig eine verblüffende Ähnlichkeit mit Amfortas aufweist, tritt im gleichen Raum auf mit seinem Speer, in dem Amfortas zuvor litt. Er widerstand dem starken Vater. Er ist wie Amfortas‘ Alter Ego. Angeregt durch Klingsors Zaubermädchen, lässt Parsifal sich von Kundry verführen, wendet sich aber ab von ihr, als er den Grund für Klingsors triebloses Dasein und Amfortas‘ Frustration erkennt.

Jahre später ist das Sanatorium heruntergekommen und verfallen; Gurnemanz ist noch immer das Faktotum. Parsifal kommt mit dem Speer, den er Klingsor abgenommen hat. Das Erlebte und der Besutz des Speers hat ihn äußerlich verändert. Er ist nicht mehr der Naturbursche von einst.

Parsifal stößt zur Totenfeier der Gralsgesellschaft für Titurel. Sie sehen in ihm ihren zukünftigen Führer. Parsifal erhält eine Uniform und präsentiert sich in gleisendem Licht in Führerpose auf der Galerie, auf der zuvor Amfortas litt. Welche Perspektive sich daraus eröffnet, kann man sich vorstellen. Vor diesem Ausblick gruselte mir. Ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht.

Amfortas jedoch ist durch Parsifals Auftritt gerettet. Er schleicht sich aus der Feier und gesellt sich auf die Bank vor dem Haus neben seinen Bruder Klingsor, mit dem er sich versöhnt. Kundry hatte die Szene vorher schon verlassen, in weiser Voraussicht, im grauen Mantel und mit dem typischen Koffer.

Neben den Aktionen auf der Bühne wurde Parsifals unterschiedliche Entwicklungsstadien anhand von Videprojektionen zwischen sorglosem Barfußlaufen über endlose Wiesen bis zum Marschieren in einer Truppe dargestellt.

Für mich war es bereits der zweite Besuch dieser Inszenierung (mein erster Besuch war während der Zürcher Festspiele im Sommer 2011), und dieses Mal war ich von der musikalischen Seite mehr angetan als im Sommer. Das Orchester unter Daniele Gatti spielte ausgewogener, den Dimensionen des kleinen Züricher Hauses besser angepasst, immer noch laut genug. Ich hatte den Eindruck, Gatti war auch etwas schneller, schneller auf jeden Fall als in Bayreuth. Gattis Sicht auf Parsifal ist ausgereift und stimmig, und so gab es im Gegensatz zum Sommer auch keine Gegenstimmen aus dem Publikum.

Yvonne Naef als Kundry, aus meiner Sicht das schwächste Glied im Sommer, fand ich stimmlich und darstellerisch nach der Sommerpause gut; ihr Spitzenkleid schien ihre Aktionen einzuschränken. Eine guten Eindruck hinterließ auch Egils Silins als Klingsor. Pavel Daniluk war ein sonorer Titurel. Sehr bewegend gestaltete Thomas Hampson Amfortas Leiden; sein Stimmvermögen und seine Ausdrucksmöglichkeiten sind ziemlich beeindruckend. Das gilt in fast noch höherem Maße für Matti Salminen als Gurnemanz, dessen Leistung man nicht hoch genug einschätzen kann. Stuart Skelton, den ich vor diesem Zürcher Parsifal noch nie gehört hatte, bestätigte den glänzenden Eindruck meines ersten Besuches. Ein Parsifal wie aus dem Bilderbuch, dessen Erscheinung perfekt in Guths Interpretation passte, mit einer leuchtenden Heldentenorstimme, die ich gerne in einer größeren Umgebung hören würde; selbst eine gute Diktion kann man dem jungen Australier schon bescheinigen, was ich in diesem Fach als besonders wichtig sehe und wodurch sich insbesondere Matti Salminen und Thomas Hampson auszeichnen.

Alles in allem zwei lohnende Ausflüge nach Zürich, bei denen es für diese Saison nicht verbleibt.

Ich besuchte die Aufführungen am 29. Juni und 2. Oktober 2011
Opernhaus Zürich

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