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Hier ist Altes anwesend, hier kann Neues entstehen – Die Frau ohne Schatten

September 2, 2011

(Die Überschrift ist ein Zitat aus dem Programmheft der Salzburger Festspiele zu Die Frau ohne Schatten)

Ich muss mir Werke von Richard Strauss buchstäblich erarbeiten, fast sogar erkämpfen. Oftmals verstehe ich sie nicht, und ich liebe sie auch nicht. Keines. Allerdings gebe ich nicht auf, denn ich weiß natürlich von vielen Menschen, deren musikalischen Sachverstand und Geschmack ich schätze, daß mir durch Ablehnung etwas Wesentliches entgeht. Also gebe ich nicht auf.

Salzburg war wieder so ein Versuch. Die vielversprechende Besetzung und das renommierte Leading Team interessierte mich. Christof Loy verdanke ich einige Einsichten in Opern durch interessante Inszenierungen in München, Christian Thielemann gilt aus erklärter Strauss-Spezialist. Falsch machen konnte ich also nichts. Ich machte sogar alles richtig.

Christof Loy inszenierte weder eine orientalische Fabel noch verquaste Mystik.

Die Wiener Sofiensäle wurden nach dem 2. Weltkrieg lange Zeit für Tonaufnahmen genutzt. Sie bilden den szenischen Hintergrund für Loys Inszenierung. Allerdings fand in diesen Räumen keine Aufnahme von Frau ohne Schatten statt, sondern diese erfolgte erstmalig 1955 unter Karl Böhm im Musikverein. Loy beschreibt im Programmheft, er habe die Sofiensäle als Kulisse benutzt wegen ihrer die Zeitgeschichte reflektierenden Vergangenheit.Ein agiler Aufnahmeleiter, Tontechniker, Assistenten und Cateringpersonal beleben die nüchterne Kulisse des Aufnahmestudios in historischer Umgebung. Eine junge Sängerin wurde mit der Übernahme der Rolle der Kaiserin betraut. Aus ihrer Sicht erfolgt die Interpretation des Stoffes. Sänger, berühmte, kommen, singen, gehen wieder, manche gehetzt, manche gelangweilt oder genervt. Die junge Sängerin tut es ihnen nach. Sie beobachtet aber auch die privaten Beziehungen der Sänger untereinander – die Sängerin des Barak und der Färberin sind beispielsweise privat ein Paar, das während der Aufnahmesitzungen eine intime Situation zu bewältigen hat – und das soziale Umfeld ihrer Kollegen. Loy beschränkt sich nur scheinbar auf die Darstellung der Produktion einer Schallplattenaufnahme, mithin handelt es sich keineswegs um die Verweigerung einer Inszenierung und um eine konzertnahe Wiedergabe der Frau ohne Schatten. Vielmehr vermischt sich mit fortschreitendem Abend die Aussage des Stückes mit der Wirklichkeit der Aufnahmesituation.

„Alles kann geschehen, alles ist möglich und wahrscheinlich. Die Gesetze von Raum und Zeit sind aufgehoben; die Wirklichkeit steuert nur eine geringfügige Grundlage bei, auf der die Phantasie weiter schafft und neue Muster webt, ein Gemisch von Erinnerungen, Erlebnissen, freien Erfindungen, Ungereimtheiten und Improvisationen“
Diesen Satz zum „Traumspiel“ von August Strindberg stellt Christof Loy seiner ganz persönlichen Inhaltsangabe zur Salzburger Produktion voraus, die ich hier nicht wiederholen kann und möchte. Mit Glück wird eine DVD davon veröffentlicht werden.

Kein Märchen auf der Bühne, dafür lassen die Wiener Philharmoniker unter Christian Thielemann im Graben des Großen Festspielhauses genau dieses Märchen Wirklichkeit werden. Ich erlebte Christian Thielemann nun wirklich nicht zum ersten Mal, allerdings konnte ich ihn von meinem Platz in einer der ersten Reihe zum ersten Mal ganz nahe bei der Arbeit beobachten. Ich war sehr erstaunt, wie er Strauss’Musik buchstäblich „verkörperte“, voller Hingabe, ja Liebe. Und so klang auch das Ergebnis. Die Wiener spielten tief empfunden, prächtig, ein breites Farbenspektrum aufblätternd, dabei stets in Einklang mit dem Geschehen auf der Bühne, so daß die Zeit gleichzeitig stehenblieb und zerrann.

Von den großartigen Sängern sind besonders die drei Frauen hervorzuheben. Anne Schwanewilms, die sehr bewusste, trotzdem porzellanene Kaiserin, Evelyn Herlitzius mit der überwältigenden Darstellung der hysterischen Färberin und Michaela Schuster mit der herrlich spiessigen, dennoch mephistoflen Darstellung der Amme.

Für mich selbst hatte der Abend eine besondere Bedeutung. Ich kannte die Oper vorher nicht aus persönlichem Erleben auf der Bühne, hatte mich aber schon etwas vorbereitet. Was passierte, war unglaublich. Vom ersten Moment an glaubte ich zu begreifen, was auf der Bühne passierte, was gemeint war und was die Musik suggerierte, und ich glaubte den Zusammenhang zu verstehen. Seither bin ich zuversichtlich, daß mit Richard Strauss‘ Musik und Opern und mir vielleicht doch noch etwas werden kann. Auf jeden Fall liebe ich die Musik dieser Oper und kann bei Bedarf fast jede Szene vor meinem geistigen Auge abrufen. Diese Musik hat „Alles was Strauss ausmacht“, so steht es über Thielemanns Artikel im Programmheft. Glück.

Aus dem Programmheft ein Gespräch zwischen Christof Loy und dem Dramaturgen Thomas Jonigk
From the program book in English Christof Loy in conversation with Thomas Jonigk (dramaturg)

LEADING TEAM

Christian Thielemann, Musikalische Leitung
Christof Loy, Regie
Johannes Leiacker, Bühnenbild
Ursula Renzenbrink, Kostüme
Stefan Bolliger, Licht
Thomas Jonigk, Dramaturgie
Thomas Wilhelm, Choreografische Mitarbeit
Thomas Lang, Choreinstudierung

BESETZUNG

Stephen Gould, Der Kaiser
Anne Schwanewilms, Die Kaiserin
Michaela Schuster, Die Amme
Wolfgang Koch, Barak, der Färber
Evelyn Herlitzius, Sein Weib
Markus Brück, Der Einäugige
Steven Humes, Der Einarmige
Andreas Conrad, Der Bucklige
Thomas Johannes Mayer, Der Geisterbote
Rachel Frenkel, Die Stimme des Falken
Peter Sonn, Erscheinung eines Jünglings
Christina Landshamer, Ein Hüter der Schwelle des Tempels
Maria Radner, Eine Stimme von oben
Christina Landshamer, Erste Dienerin
Lenneke Ruiten, Zweite Dienerin
Martina Mikelić, Dritte Dienerin
Hanna Herfurtner, Solostimmen / Stimmen der Ungeborenen
Christina Landshamer, Solostimmen / Stimmen der Ungeborenen
Lenneke Ruiten, Solostimmen / Stimmen der Ungeborenen
Rachel Frenkel, Solostimmen / Stimmen der Ungeborenen
Martina Mikelić, Solostimmen / Stimmen der Ungeborenen
Maria Radner, Solostimmen / Stimmen der Ungeborenen
Albin Frahamer, Daniel Heck, Philipp Kranjc, Paul Krook, Vivien Löschner, Sabine Muhar, Christoph Quest, Barbara Spitz, Klaus Wetzlinger, Peter Wurzer, Schauspieler
Maria Gruber, Christina Kantsel, Liliya Markina, Julia Rath, Andrea Schalk, Marena Weller, Revuetänzerinnen
Ben Badura, Kim Viviane Binding, Felix David, Elias Kurzmann, Gabriel Paulus, Lukas Parandian, Leoni Ruhland, Sophia Ruhland, Jonathan Seißler, Kinderpersonal
Wiener Philharmoniker
Mitglieder der Angelika Prokopp Sommerakademie der Wiener Philharmoniker, Bühnenmusik
Christa Schönfeldinger, Glasharmonika
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Salzburger Festspiele Kinderchor

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