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Bayreuther Festspiele 2011: Parsifal

August 25, 2011

Vorsehung könnte es gewesen sein, die mir keine Karte zur diesjährigen Tannhäuser-Neuinszenierung bescherte. Ich durfte mit Parsifal beginnen, nicht neu und doch gibt es gerade in der aktuellen Bayreuther Inszenierung von Stefan Herheim immer wieder Neues zu entdecken.

Hinlänglich bekannt dürfte die Art der Produktion sein, in der Stefan Herheim meisterlich die Parsifal Legende mit der Geschichte Deutschlands unter Einbeziehung der speziellen Bayreuths bis hin zur Parsifal-Aufführungshistorie verwebt. Dabei reicht ein Besuch nicht aus, Handlungsebenen und Erzählstränge zu erfassen; alleine Parsifals Retrospektiven und Imaginationswelt würden für eine herkömmliche Produktion ausreichen. Ein paar Aspekte haben sich mir in diesem Jahr besser erschlossen, weshalb ich sie hier auch erwähnen möchte. Während des Vorspiels der Oper wird ein Raum gezeigt, der große Ähnlichkeit mit dem zum Garten gerichteten halbrunden Raum der Villa Wahnfried aufweist. In einem Bett in der Mitte des Zimmers liegt Herzeleide, Tristans Mutter, im Sterben. Das Kaminbild in diesem Salon zeigt Kaulbachs „Germania“. Dieser Figur wird man im Lauf des Abends immer wieder begegnen. Herzeleides Haare ähneln den Haaren Germanias, wie auch Kundrys Frisur in mehreren Materialisierungen (Kundry tritt auch als Hausangestellte oder Gouvernante Parsifals auf). Der zur Gralsburg zurückgekehrte Parsifal schließlich gleicht Kaulbachs Germania zum Verwechseln samt Brustpanzer, Helm und Schwert. Panzer, Helm und Schwert legt er ab. Am Haar kann er wohl nichts ändern.

Ein kleiner Junge, Parsifal offensichtlich, beobachtet das Sterben der Mutter, vor dem er sich ängstigt. Der kleine Parsifal flüchtet sich wenn er Angst hat, wie beim Sterben der Mutter, zu einem Grabhügel am Bühnenrand zum Orchestergraben, Richard Wagners Grab im Garten der Villa. Dort spielt er mit Backsteinen. Das Grab wird sich später als Gral erweisen.

Auch das Bett kehrt immer wieder. In ihm leidet der Germania ähnelnde Amfortas im ersten Aufzug und in ihm erwacht der Junge Parsifal aus einem Traum, der ihn seine eigene Geburt in diesem Zimmer vor dem Tod der Mutter hat erleben lassen. In das Bett wird Kundry (aussehend wie die Herzeleide/Germania) Parsifal später ziehen.

Drei Handlungsstränge bestimmen den ersten Akt, Parsifals Geburt und Kindheit, der Ausbruch des ersten Weltkrieges und die Rezeptionsgeschichte der Oper Parsifal. Frappierend ist in diesem Zusammenhang die fließende, nahezu lautlose Veränderung der Szenerie vom Salon im Haus Wahnfried zum Gralstempel der ersten Parsifal-Inszenierung (Kathedrale von Siena).

Der zweite Aufzug wird bestimmt von Kriegsgeschehen. Ein rotierender Projektor wirft Schlachtbilder an die Bühnenhinterseite. Das Gartenzimmer der Villa ist nun ein Lazarett, die Blumenmädchen eine Revuetruppe. Als Kundry auftaucht, um Parsifal vor den Blumenmädchen zu retten, trägt sie einen Bühnensmoking wie Marlene Dietrich und große schwarze Flügel mit denen sie Parsifal umschlingt und auf das besagte Bett zieht. Das Bett ist tricky, denn aus ihm kann man einfach nach unten verschwinden. Zwei Dinge im zweiten Aufzug hatte ich aus dem Vorjahr nicht in Erinnerung. Während sich die Bühne verwandelt, kommen fliehende Juden in den Garten der Villa Wahnfried. Sie beobachten die Szene zwischen Kundry und Parsifal und schöpfen Hoffnung. Das Hissen der Hakenkreuzfahnen aber vernichtet jede Hoffnung. Die Symbole des Dritten Reiches (Adler und Fahnen) werden aufgezogen und anschliessend im Kampf zerstört, dem alle zum Opfer fallen ausser Parsifal und Kundry. Kundry ist jetzt auch von Amfortas Wunde gezeichnet.

Das Gralsgebiet des dritten Aktes ist der Garten der Villa Wahnfried mit dem Brunnen und dem dahinter in Trümmern liegenden Haus. Die Kulisse befindet sich als Bühne auf der Bühne im Festspielhaus. Nach Kundrys Taufe erscheint ein Zug Trümmerfrauen mit Schaufeln und Hacken. Parsifal und Kundry, nun beide sich äußerlich ähnelnd (und der Germania) umarmen die Frauen tröstend und leiten sie zum Springbrunnen, wo sie sich waschen. Nun stelle ich mir die Frage nach dem Warum dieser Aktion. Mitleid? Nächstenliebe? Erlösung? Auf jeden Fall eine bewegende Szene.

Schlussapplaus mit Chor

Nach der Verwandlungsmusik des dritten Aufzuges befinden wir uns im Bonner Bundestag. Ein mit der Bundesflagge bedeckter Sarg wird hereingetragen. Die Gralsritter sind Bundestagsabgeordnete, Amfortas der Redner des Tages. Sie tragen Deutschland zu Grabe assozierte ich bis Amfortas den Sargdeckel aufschob. Darin befand sich Germania, das alte Deutschland. Gut ist.

Ich will und kann Herheims unglaublich variantenreiche Produktion nicht im Ganzen wiedergeben. So fehlt hier gänzlich die Beschreibung der Rolle des Gurnemanz und auch Klingsors Auftritte. Und auch die Beschreibung von Parsifals Entwicklung vom dummen Tollpatsch, der vom Balkon der Villa Wahnfried in die Hüpfburg von Klingsors Blumenmädchen springt, zum „wissenden“ Mann.

Daniele Gatti schlägt auch bei Parsifal ein sehr langsames Tempo (1,45 im 1. Aufzug, was aber wohl etwas schneller ist als in den Vorjahren). Ich bevorzuge eigentlich einen zügigeren Zugriff auf die etwas handlungsarme (Ur)-Geschichte. Gattis Ruhe und das daraus entstehende orchestrale Klangwunder unterstützt allerdings Herheims Bilderflut auf geradezu geniale Weise.

Von den Sängern muss man den überragenden Kwangchul Youn als Gurnemanz hervorheben, der in keinem Moment unter Druck gerät, mit großer Ruhe und perfekter Diktion die Vielfalt des Charakter ausleuchtet. Susan MacLean gefiel mir als Kundry wesentlich besser als im Vorjahr. Auch sie gestaltete sehr sicher, ohne jemals unter Druck zu geraten. Ausgezeichnet auch Detlef Roth und Thomas Jesatko in der vertrackten Rolle als netzbestrumpfter Klingsor. An Simon O’Neills Stimmtimbre musste ich mich erst gewöhnen. Den Anforderungen der Rolle war er auf jeden Fall darstellerisch wie stimmlich gewachsen. Mein bevorzugter Parsifal wird Simon O’Neill nicht werden. Dennoch war es ein unvergesslicher Abend am Grünen Hügel in Bayreuth, den ich hoffe, nächstes Jahr wiederholen zu können.


Die Besetzung am 21. August 2011

Amfortas Detlef Roth
Titurel Diógenes Randes
Gurnemanz Kwangchul Youn
Parsifal Simon O’Neill
Klingsor Thomas Jesatko
Kundry Susan Maclean
1. Gralsritter Arnold Bezuyen
2. Gralsritter Friedemann Röhlig
1. Knappe Julia Borchert
2. Knappe Ulrike Helzel
3. Knappe Clemens Bieber
4. Knappe Willem Van der Heyden
Klingsors Zaubermädchen Julia Borchert
Klingsors Zaubermädchen Martina Rüping
Klingsors Zaubermädchen Carola Guber
Klingsors Zaubermädchen Christiane Kohl
Klingsors Zaubermädchen Jutta Maria Böhnert
Klingsors Zaubermädchen Ulrike Helzel
Altsolo Simone Schröder

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