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Salzburg: Das Lied von der Erde

August 8, 2011

Eine Autogrammstunde im Festspiele-Shop mit Piotr Beczala war angesagt nach dem Konzert, und eigentlich wollte ich hingehen. Zwar ist das nicht meine Art, aber ich dachte, einfach mal „Grüß Gott“ zu sagen. Ich tat es dann nicht. Erstens schüttete es in Kübeln (ein Zeichen) und zweitens wäre es zu schade gewesen, den Konzerteindruck so schnell wegen eines small talk zu zerhacken.

Der erste Teil des Konzertes im Rahmen der Reihen „Mahler-Szenen“ bestand aus Franz Schuberts viersätziger Klaviersonate G-Dur D 894. ich verstehe nicht viel von reinen Klavierwerken, fühlte mich allerding bei András Schiffs Interpretation sehr wohl, der das überwiegend ruhige und melodische Stück tänzerisch akzentuierte, ohne Räusperpausen zwischen den Sätzen, die mir dieses Mal allerdings wegen meiner Erkältung ganz recht gewesen wären.

Die programmatische Klammer zwischen Franz Schuberts Werk und Mahlers Lied von der Erde liegt in der Gattungsbezeichnung. Aus Besorgnis um die Verkaufszahlen nannte Franz Schuberts Verleger die das Werk „Fantasie, Andante, Menuetto und Allegretto“, um die intellektuellen Anforderungen der klassischen Sonate herabzuspielen. Gustav Mahler war unentschieden bei der Gattungsbezeichnung für Das Lied von der Erde, nannte seine Komposition „Sinfonie für Tenor-, Alt (oder Bariton-)Stimme und Orchester“. Tatsächlich könnte es sich auch um einen Zyklus von Orchesterliedern handeln (Quelle: Programmheft der Salzburger Festspiele).

Orchesterlieder standen allerdings nicht auf dem Programm des zweiten Teiles des Abends, sondern die von Gustav Mahler selbst gefertigte Fassung des Lied von der Erde für Klavier, die 1907 – 1909 entstand, und die erst am 15. Mai 1989 uraufgeführt wurde: Wolfgang Sawallisch am Klavier und Marjana Lipovsek und Gösta Winberg sangen.

Von der Klavierfassung erwartet man nicht die Klangformationen und Klangfarben eines Orchesters, wogegen den menschlichen Stimmen, die sich nicht ums Überleben in den Orchesterfluten scheren müssen, weitaus mehr Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Der Tenor hat drei Lieder in dem Zyklus zu singen, alle drei handeln von Wein; beschreiben Leben und Wein in unterschiedlichen Formationen und sogar im Rauschzustand. Piotr Beczala entledigte sich der Aufgabe mit Bravour. Jedes Lied hatte seine individuelle Atmosphäre, die Ausbrüche waren temperamentvoll, die Höhen gesungen und nicht gebrüllt. Zwei Wiener Konzertbesucherinnen, die direkt hinter mir saßen, verkündeten denn auch nach Piotr Beczalas Vortrag, den sie offenbar zum ersten Mal hörten: „Den hören wir uns bald einmal in Wien an“.

Der Bariton hat im Lied von der Erde die Teile zu singen, die mir persönlich besser gefallen als die des Tenors, wobei natürlich der Kontrast den Eindruck der „entrückten“ Teile verstärkt und alles hinstrebt letzten Stück „Der Abschied“. Christian Gerhahers Art zu singen ist faszinierend. Mit seinem ganzen Körper erzeugt er eine Spannung, die in den Ausdruck seines Gesang einfließt. Dabei handelt es sich nicht um eine große Bewegung, es kann eine leichte Beugung der Knie sein beispielsweise, allerdings mit einem unmittelbar zu registrierenden Effekt. Unverwechselbar ist Gerhahers Timbre; der im besten Sinn schlichte, höchst präzise Gesang, der jeder Silbe und jedem Ton Bedeutung gibt, läßt jeden Gedanken an Technik vergehen sobald das letzte Lied „Der Abschied“ erklingt. Im „Abschied“ besonders stach András Schiffs Übereinstimmung mit den Sängern heraus, der die verzauberte Stimmung aufnahm und fortführte. Nach Gerhahers letzten, unaufgelösten, Ewig… schien dann auch für einen langen Moment die Zeit im Großen Festspielhaus stillzustehen.

Bilder vom Schlussapplaus im Großen Festspielhaus am 6. August 2011. Piotr Beczala, Tenor – Christian Gerhaher, Bariton – András Schiff, Klavier

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8 Kommentare leave one →
  1. August 8, 2011 21:27

    Thanks a lot for your photoreport:-))) How did you like singing Mahler without an orchestra? Hope we will be able to listen to the concert later as I read somewhere (?) it was to be recorded.

  2. August 8, 2011 23:02

    And <>for the text.

  3. August 8, 2011 23:19

    Hi Ewa, I didn’t realize that the post was already published and everybody could follow the „creation“ of my written comment. Anyway. I didn’t see that the concert has been recorded. That’s a pity because it was an extraordinary evening. And I don’t think, that the piano version is often performed. But I saw no mics. I liked it even more than the one with orchestra. A very intimate evening, one of those we are always waiting for.
    Kind regards,
    rossignol

  4. Ursula Blanke permalink
    August 9, 2011 15:39

    Hallo, rossignol,
    auf Piotr Beczalas Hompage ( Terminplanung) ist zu lesen, dass es eine CD geben wird.
    Ist es nicht möglich, dass die Aufnahme vor oder nach dem Konzert im Studio gemacht wird? Hoffen wir es!
    Ursula

  5. August 9, 2011 21:08

    Hallo Ursula, das ist ja interessant. Es wäre schade, wenn nicht viel mehr Menschen als die Konzertbesucher so etwas Eindrucksvolles und Bewegendes erleben könnten. Ich war heute wieder in Salzburg bei einem Konzert, das aufgenommen wurde. Da sah man die Mikros ganz deutlich von der Decke hängen. Also wahrscheinlich eine Studioaufnahme. Ist für mich unbesehen ein Kauf.
    Danke für die Infos.
    rossignol

  6. August 9, 2011 22:47

    So, as I understand, still there is a hope …:-)

  7. Piotr permalink
    August 10, 2011 09:17

    Liebe Rossignol, auf meine website steht CD , weil es geplant war , aber vor paar Wochen hat Andreas Schiff sein Einverständnis sogar für Radio Übertragung zurück gezogen… Liebe Grüsse —Piotr Beczala

  8. August 10, 2011 20:38

    Such a pity … And in a consequence people record concerts and operas illegally …

    Upset EB

    PS. But thanks for the explanation:-)

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