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Münchener Opernfestspiele: Tristan und Isolde

Juli 28, 2011

Überrascht war ich, wie präzise und in fast allen Details Peter Konwitschnys Inszenierung von 1997 funktionierte; erstmals saß ich vorne im Parkett und konnte Mimik und Gestik der Sänger genau verfolgen, was von den gewohnten oberen Rängen in der Weise natürlich nicht möglich ist. Das Rätsel um die liebevoll gepflegt erscheinende Produktion löste sich beim Schlussvorhang, als Peter Konwitschny auf die Bühne gerufen wurde, der offenbar sich selbst um die Proben der Festspielaufführungen gekümmert hatte, großen Beifall erhielt, aber auch ein paar dümmliche Buhs von Besuchern, die den Anlass verwechselten und sich in einer Premiere wähnten.

Was mich an dieser mit einfach scheinenden Mitteln und klaren Bildern ausgestatteten, sehr musikalischen Produktion immer wieder fesselt, ist die Gestaltung der Momente, in denen sich Großes ereignet. Schon im Bühnenbild deutet sich an, daß mindestens zwei Ebenen zu erwarten sind. Die Tristan-Erzählung an sich, die Überfahrt von Irland nach Kornwall, die Liebesnacht mit bösen Folgen und Tristans Heimkehr und Leiden in Karneol werden als Spiel im Spiel dargestellt, auf einer Bühne, welche der des Nationaltheaters gleicht. Vor dieser Bühne mit dem roten Bühnenvorhang befindet sich ein über eine Treppe zu erreichender schwarzer Raum, in den Tristan und Isolde treten, sobald Existenzielles passiert. So verlassen sie die Bühne zum ersten Mal, steigen aus, als sie erkennen, daß in Kornwall kein Platz mehr für beide ist. Der schwarze Raum bietet auch Verlockungen, wenn nämlich die beiden Englischhornsolisten wie Todesengel Tristan locken, er aber nicht bereit ist, ohne Isolde „aus dem Bild“ zu treten. Nicht nur Tristan und Isolde, auch König Marke steht in seiner Klage hart an der Kante der Entscheidung, bleibt aber doch im Spiel. Nach Isoldes Ankunft auf Kareol ist es dann endgültig so weit; das Paar verlässt die irdische Bühne in eine andere, schönere Welt.

Aufführungen von Tristan und Isolde verheißen seit Kent Naganos erstem Tristan Dirigat an der Bayerischen Staatsoper im November 2007 besonderen musikalischen Genuss. Zwar darf man nicht unbedingt von vorneherein bei einer „Starbesetzung“ auch „besonders Besonderes“ erwarten, die exquisite Sängerbesetzung sorgte allerdings bei mir für beträchtliche Vorfreude. Die eine oder andere Fürbitte im Vorfeld für die stimmliche Verfassung der geschätzten Sänger war sicher kein Schaden.

Ekaterina Gubanova sang eine beispielhafte Brangäne, warm in der Tongebung, mit durchsetzungsfähigem Volumen und exzellenter Diktion. Gleiches kann man Alan Held als Kurwenal für sich in Anspruch nehmen, der den ausgezeichneten Eindruck bestätigte, den er als Wassermann hinterliess.

Kein Superlativ ist übertrieben, René Papes Interpretation von König Marke in Worte zu fassen. Die wunderbare, samtige Stimme, mit der er König Markes Klage vorträgt, aber vor allem der Ausdruck, den er den Worten verleiht, ist ergreifend und erzeugt grosses Mitgefühl für das Schicksal des Königs.

Nina Stemme gilt als derzeit ideale Besetzung für Isolde. Groß das Stimmvolumen, klar und ihre Tongebung und sprachliche Durchdringung, edel der Ausdruck, fügte sie sich voll in die Produktion ein, und triumphierte gar nicht „still und leise“ im finalen Freudengesang (Liebestod).

Lange erwartet, trat Ben Heppner endlich auch bei uns als Tristan auf. Viele gute Wünsche, nicht nur von mir, begleiteten ihn in den mörderischen dritten Tristan Akt, nachdem er sich in den beiden ersten Akten in formidabler Verfassung präsentierte. Überragend fand ich seine Darstellung. Auch hier gelingt ihm die Verkörperung eines heldischen, aber aussichtslos verzweifelten Charakters ergreifend (wie auch schon als Lohengrin); aber auch den sorglosen Liebhaber Isoldes nahm man ihm ab. Die Gnade des lauten Orchesters milderte nicht unerwartete kleinere Schwächen im letzten Akt. Was ich an Ben Heppner immer schon sehr bewunderte, ist seine beispielhafte Diktion, die vermittelt, er weiß tatsächlich, von was er singt. Und das tut er wohl auch, sonst wäre die Darstellung nicht so glaubhaft. Und bewundernswert ist auch, wie bedingungslos er sich den Rollen ausliefert, die er darstellt und welche geradezu kindliche Spielfreude damit einhergeht (klingt blöd, ich weiß). Vielleicht passt er auch gerade deshalb so gut in diese Inszenierung mit ihrer erzählenden Leichtigkeit und den sich offenbarenden Erkenntnissen.

Wie schon berichtet, drehte Kent Nagano mit dem Bayerischen Staatsorchester mächtig auf. Rauschhaft war dieser Tristan in der voluminösen orchestralen Interpretation und süchtigmachend in den filigranen Teilen. Kent Nagano, der sich um die Belange der Sänger bekanntermaßen wenig schert, mußte sich fühlen wie im Paradies, denn die aktuelle Sängerbesetzung konnte mithalten bei dem opulenten Ereignis und wurde nur manchmal zugedeckt. Durch meinen Platz vorne links im Parkett hatte ich eine etwas einseitige akustische Position zugunsten der Holzbläser, die göttlich wie immer spielten, freue mich aber schon auf meinen Platz im Rang bei der nächsten Vorstellung am Sonntag, der mir wahrscheinlich optisch weniger Eindrücke, dafür runderen, kompletteren Orchestergenuss bringen wird.

Ein Applausorkan erwartete René Pape, der die Applausstürme für Nina Stemme, Ben Heppner und Kent Nagano übertraf. Großen Beifall erhielten auch alle anderen Beteiligten. Allerdings hörte ich auch das eine oder andere leise Buh bei den Sängervorhängen, deren Gründe ich mir allerdings gar nicht erklären kann. Allerdings war die Publikumszusammensetzung im Parkett schon etwas merkwürdig. Sehr viele unkontrollierte Huster und Schwätzer unterschiedlicher Provenienz störten schon während des Vorspiels und dann vorzugsweise an den intimen Stellen der Partitur.

Hervorzuheben ist auf jeden Fall die Bemühung der Bayerischen Staatsoper als Institution, diese Aufführung bestmöglich zu präsentieren. Das ist ihr gelungen, und es gehört ihr dafür Dank und Anerkennung. Der Herr Intendant allerdings ward nach dem ersten Akt nicht mehr in seiner Loge gesichtet. Was also schließen wir daraus?

Die Besetzung am 27. Juli 2011

Tristan Ben Heppner
König Marke René Pape
Isolde Nina Stemme
Kurwenal Alan Held
Melot Francesco Petrozzi
Brangäne Ekaterina Gubanova
Ein Hirte Kevin Conners
Ein Steuermann Christian Rieger
Ein junger Seemann Ulrich Reß

3 Kommentare leave one →
  1. baerbl wagner permalink
    Juli 31, 2011 06:27

    Liebe Rossignol,
    ich hatte mich sehr gefreut, dass „Tristan“ endlich wieder auf dem Spielplan steht – noch dazu bei den Festspielen.Aber nach der Vorstellung war ich doch enttäuscht. Natürlich ist Nina Stemme stimmlich großartig – sie hatte als Einzige keine Probleme über das Orchester zu kommen – aber es fehlt das Berührende! (Waltraud Meier!!)
    Ben Heppner bewältigt diese mörderische Partie ganz gut, aber im 3.Akt hieß es doch Daumen drücken!Wobei beim großen Liebesduett im 2.Akt schon einiges im Argen lag. Aber er brachte die Rolle gut zu Ende.
    Von Rene Pape als Marke war ich sehr enttäuscht. Er forcierte und drückte auf die Stimme, was sicher auch am „lauten Dirigat“ von Kent Nagano lag.Es fehlte an Sensibilität und Geschmeidigkeit! An diesem Abend war das, sonst bei den Festspielen so fantastische Orchester, kein sängerfreundlicher Partner!! Ich bin gespannt auf den heutige Aufführung(leider das Ende der Festspiele!)

    Lieben Gruß, Bärbl

  2. Baerbl Wagner permalink
    August 1, 2011 08:50

    Liebe Rossignol,
    der gestrige Tristan war ein sehr schöner Abschluß der Münchner Opernfestspiele. Ben Heppner bot eine ausgezeichnete Leistung in dieser, wirklich, „mörderischen“ Partie! Nina Stemme überzeugte wieder mit ihrer Strahlkraft der Stimme. Alle Solisten zeigten an diesem Abend hohes Niveau.
    Nur leider spielte das Orchester – bis auf wenige, innige Momente – wieder nur forte, fortissimo – schade!
    Aber gesanglich war es ein wirklich großer Opernabend!
    Liebe Grüße, Bärbl

  3. August 1, 2011 11:30

    Liebe Bärbl,
    ich glaube inzwischen an die akustischen Tücken des Hauses. Ich saß gestern Balkon 3. Reihe und fand die Lautstärke des Orchesters deutlich geringer, manchmal fast zu zurückhaltend, als am Mittwoch. Das Daumendrücken für Ben Heppner hat geholfen. Er spielt und singt nach wie vor ein überzeugenden Tristan, für seine Verhältnisse gestern sehr sicher. Ich fand auch Nina Stemme in ihrem Spiel schon und vor allem im Liebestod deutlich weniger technikfixiert, die sie ohnehin drauf hat, als ausdrucksstark.

    Ich fand auch, das war ein ausgezeichnetes Saisonende in München.

    Viele Grüße und einen schönen Restsommer.
    rossignol

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