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Münchener Opernfestspiele 2011: Rusalka

Juli 18, 2011

Warum gehe ich bei den Festspielen in eine Oper, deren Neuinszenierung mich bereits bei der Premiere abgestoßen hat und die ich seither nicht mehr besuchte? Der neue Prinz, der einzig wahre, war es natürlich, der mich nochmal zu Rusalka trieb. Ich habe es nicht bereut. Meine Ablehnung der Produktion ist konträr zur Meinung der meisten Fachleute und Opernkenner, die ich so lese bzw. kenne, die Martin Kusejs Produktion zum Besten zählen, was die Bayerische Staatsoper derzeit zu bieten hat. Ich habe mir natürlich Gedanken darüber gemacht, warum mich das Versetzen des Stoffes in eine erst kürzliche Vergangenheit und das Umfunktionieren in ein Inzest/Geiseldrama so sehr stört. Ich denke es hat damit zu tun, daß ich so gut wie nie fernsehe, diese Bilder also bei der Premiere nur einen geringen Wiedererkennungswert für mich hatten.

Mein Besuch änderte meine Meinung über die Produktion nicht wesentlich, insbesondere kann ich dem ersten Bild des ersten Aktes nichts abgewinnen. Auch Rusalkas Wunschkonzertlied an den Mond ändert daran nichts. Im weiteren Verlauf allerdings fesselte mich die ausgezeichnete Personenregie zunehmend, vor allem die Umsetzung durch Kristine Opolais, die voll in ihre Rolle als zunächst ferngesteuerte, abhängige, immer missbrauchte, verstörte Frau schlüpfte. Unbeschreiblich anrührend die Szene, in der sie enttäuscht, sich vom Prinzen verstoßen glaubend, heimwehkrank in das Fischbassin setzt. Auch vokal überzeugte mich Kristine Opolais weitgehend. Sie ist eine perfekte Sänger-Darstellerin; leichte stimmliche Abstriche nehme ich da der Inszenierung geschuldet in Kauf. Keine stimmliche Abstriche erforderte der Auftritt Piotr Beczalas, der die unterschiedlichen Facetten des Charakters des Prinzen grandios hörbar machte. Lyrische Töne beim ersten Treffen Rusalkas, fordernde Härte im zweiten Akt mit glänzenden Höhen und eine berührende Todesszene, die mich erschauern liess. Das Zusammenspiel mit Kristine Opolais fand ich übrigens ausgezeichnet, wie überhaupt Piotr Beczala sich darstellerisch stark verbessert zu haben scheint. Oder habe ich das schon mal gesagt? Übrigens habe ich nun auch genau gesehen, daß der Prinz Rusalkas Hand mit dem Dolch führt, sein Tod also ein Selbstmord ist.

Ausgezeichnet fand ich Alan Held, der den Wassermann übernommen hatte und Kusejs Rollenkonzeption gemäß sehr brutal agierte. Daß ich Nadia Krasteva (fremde Fürstin) nicht viel abgewinnen kann, ist bekannt. Janina Baechle als Hexe Jezibaba blieb farblos, ebenfalls eine Konzeptionssache, wie ich meine. Der übrigen Sänger fand ich gut rollendeckend.

Auch beim zweiten Hinsehen überflüssig wie ein Kropf erschien mir die Ballettszene im zweiten Akt, die Bräute unterschiedlichen Geschlechts beim Tanz mit ausgeweideten (künstlichen) Rehen und deren abgezogenen Häuten zeigt. Ich kann mir ungefähr vorstellen, was dadurch vermittelt werden soll, meine Akzeptanz hingegen tendiert gegen Null.

Ganz besonders bemerkenswert allerdings und schon alleine den Besuch der Veranstaltung wert, fand ich die leidenschaftliche Umsetzung der Partitur durch das Orchester unter der Leitung von Tomáš Hanus. Da hörte selbst ich dann all das, was mir die Inszenierung vorenthielt, Holzbläser-Kantilenen, wunderbare Hornsequenzen, naturnahes Wassergemurmel, flotte Rhythmen unterwegs und ein endloses Ende. Ganz großartig.

Und weil Sie so geduldig und ohne Widerspruch bis hierher gelesen haben, nun noch die üblichen schlechten Bilder von den Schlussvorhängen.

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Besetzung Vorstellung am 16. Jul 2011

Musikalische Leitung Tomáš Hanus
Inszenierung Martin Kušej
Bühne Martin Zehetgruber
Kostüme Heidi Hackl
Licht Reinhard Traub
Chöre Sören Eckhoff
Dramaturgie Olaf A. Schmitt.

Der Prinz Piotr Beczala
Die fremde Fürstin Nadia Krasteva
Rusalka Kristine Opolais
Der Wassermann Alan Held
Die Hexe Janina Baechle
Der Förster Ulrich Reß
Der Küchenjunge Tara Erraught
1. Waldnymphe Evgeniya Sotnikova
2. Waldnymphe Angela Brower
3. Waldnymphe Okka von der Damerau
Ein Jäger John Chest

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

4 Kommentare leave one →
  1. barbara wagner permalink
    Juli 19, 2011 14:15

    Liebe Rossignol,
    auch ich habe mir diese schreckliche Inszenierung nur wegen Piotr Beczala noch einmal angetan. Und es hat sich gelohnt! Stimmlich hat er mich ja schon immer begeistert (Werther/Rudolfo/Alfredo), aber er hat sich auch darstellerisch enorm verbessert! Der Höhepunkt der Aufführung war sicherlich die Todesszene. Ich war zu Tränen gerührt!
    Das Orchester spielte an diesem Abend auf höchstem Niveau.

    Liebe Grüsse, Bärbl

  2. Juli 19, 2011 22:11

    Dear Rossignol,
    Thanks a lot for your review (you really sacrificed yourself to see this production:- but I can understand it as I like P. Beczala’s singing very much). I am also your fan:-) very keen on reading your blog (great job!) – I am sorry but I do not to write in German.
    Greetings,
    Ewa

  3. Juli 19, 2011 22:14

    Ah, and photos are very good!
    Ewa

  4. Juli 21, 2011 22:41

    Hi Ewa,
    No, it was no sacrifice to see this production, because it was my choice and a weighing of benefit and bad vibes. It was worth the visit, not only because of the fabulous Prince. I heard fine singing throughout, moving dramatic actions by Kristine Opolais and a gorgeous orchestra – much more than can be expected from a production, I don’t agree with its basic dramatic idea.

    Thanks for commenting, always appreciated. Sorry, that I can’t report at least partially in english – timely constraints.

    Best,
    rossignol

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