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Bayerische Staatsoper: Saint François d’Assise

Juli 11, 2011

Nach meinem gestrigen zweiten Besuch von Olivier Messiaens „Saint François d’Assise“ fühle ich mich zwar keineswegs berufen oder gar kompetent; ich mache trotzdem ein paar persönliche Anmerkungen zu der diesjährigen ersten Festspiel-Produktion.

Viel ist inzwischen geschrieben worden zur szenischen Umsetzung, die man in die Hände von Hermann Nitsch gegeben hatte, hier und hier und hier. Meine „Wahrheit“ liegt irgendwo dazwischen. Spreche ich von „Inszenierung“, dann meine ich in diesem Fall „Bebilderung“. Denn wer Nitsch bestellt, bekommt Nitsch. Insofern hat sich meine Erwartung bestätigt.

Ich werde hier nun nicht einmal mehr die einzelnen Tableaus beschreiben, sondern versuchen, den Eindruck wiederzugeben, mit dem ich Saint François verlassen habe. Positiv motivierte mich auf jeden Fall der Farbenreichtum der Szene, warm leuchtende Farben des gesamten Spektrums, ganz unabhängig von der Art der Materialisierung. Selbst das über nackte Körper gekreuzigter Jünglinge gegossene Blutrot und Eitergelb vermittelte eine gewisse Wärme. Erwartet, auch wenn ich es für deplaziert halte, hatte ich mindestens eine Schlachthausszene und orgiastisches Gewühle in Innereien, hier als Video ins Halbrund der Kulisse eingespielt. Bleibenden Eindruck hinterliess bei mir lediglich die 3. Szene des ersten Aktes „Der Kuss für den Aussätzigen“, bei dem sich Bild und Komposition trafen. Ansonsten nervten szenisch lange Längen, gefüllt mit ständigen Wiederholungen der rituellen Kreuzigungen mit Blutgüssen über Mund und Körper – für wie begriffsstutzig hält dieser Nitsch eigentlich das Publikum!?
Daß der zweite Akt sich szenisch zog, fand ich fast vorteilhaft, denn er lenkte nicht ab von den faszinierenden Geräuschen, die im Graben produziert wurden. Die Fantasie des Ausstatters mündete in einem explosiven Höhepunkt, der Ausstattung des Engels mit einem Cello anstatt der Fiedel. Zugegeben, ein schönes, in sich stimmiges Bild.

Hilflos plakative Poesiealben-Bilderbögen von Pfingstrosen und Rosen (in Farben des warmen Spektrums versteht sich) untermalten die Engelszenen, solche von aufgeregt rotierenden Papageienvögeln und Hähnen die Vogelpredigt.

Ein weitere beeindruckende Visualisierung enthielt die Stigmatisierung des dritten Aktes. Vor dem zunächst weißen Halbrund der Kulisse befindet sich ein weiterer Gekreuzigter. Von oben wird über die weiße Leinwand rote Flüssigkeit gegossen, die sich im Verlauf mit immer dichteren roten Streifen überzieht. Die Stigmatisierung erfolgt mittels Leuchtstoffröhren zwischen dem gekreuzigten und einem auf dem Boden liegenden „Aktionisten“, während ich die Stigmatisierung des Saint François Darstellers eher als chirurgischen Eingriff erlebte. Dennoch ein starkes Bild. Das Unvermeidliche geschah zum Schluß. Während der statisch wirkende Chor vom Blatt singt, dürfen Nitschs Aktionisten ein Schüttbild auf den Bühnenboden klatschen, dessen zunächst fröhliche Farbenvielfalt zusammengewischt wird, um durch weiteres Farbklatschen in Gelb und Weiß überzugehen, liturgische Festtagsfarben, die nun durch die Kostümfarben der Mitwirkenden díe Bühne dominieren.

Obwohl die Symbolik (Kreuz, Blut, Farben) auf einen Zusammenhang zwischen Visualisierung und Komposition schließen läßt und mich einige Bilder und Assoziationen durchaus beeindruckten, halte ich die Inszenierung für nicht sonderlich gelungen. Zwei Entwürfe mystisch-spiritueller Art laufen nebeneinander her, touchieren leicht und entfernen sich wegen Nichtverträglichkeit. Es gelang mir bei meinem zweiten Aufführungsbesuch nicht, auf der Bühne etwas zu entdecken, was mir beim ersten Mal entgangen war. Meine Augen signalisierten folgerichtig Langeweile.

Meine Ohren indessen konnten sich nicht satthören an Wiederholungen. Ja, auch Messiaen wiederholt. Harmonien, Rhythmen, Arpeggien, immer und immer wieder, in vielfältigen Auflösungen und Variationen.
Es ist zu früh, über Kent Naganos Abschied von der Bayerischen Staatsoper zu sprechen, aber es kommt mir vor, als führte seine ganze bisherige Arbeit mit dem Bayerischen Staatsorchester letztlich zu diesem Werk Messiaens. Die manchmal ungeliebte Detailarbeit, die Präzision, der transparente Klang, die mitunter auftrumpfende Lautstärke, die flirrenden Piani, die uns „nebenher“ ungewöhnlich aufregende Tristane, Lohengrins und Parsifals bescherten, fand ihre Vollendung in Saint François d’Assise. Die Virtuosität der Musiker des riesigen Klangkörpers, ihre Umsetzung der Klangvorstellungen des Dirigenten und dessen Glut für das Werk erzeugte ein sinnliches musikalisches Erleben, das mir nicht allzu häufig widerfuhr.

Auch gesangstechnisch verließ ich die Vorstellung beeindruckt. Paul Gay in der Titelrolle, der mir am Premierenabend zunächst etwas verhalten schien, steigerte sich im Verlauf der großen Gesangspartie und wußte gestern voll zu überzeugen. Sehr emotional, mit klarer Stimmgebung und bewegender Darstellung erlebte ich John Daszak in der Rolle des Leprakranken. Christine Schäfer steuerte engelsgleiche Töne als Engel bei. Von den hauseigenen Solisten hinterliess Nikolay Borchev schon der Premiere den besten Eindruck als Frère Léon, den er gestern stark bestätigte. Die übrigen Frères in der Premiere eher Mittelmaß, sangen gestern teilweise etwas freier (Kenneth Roberson, Ulrich Reß, Christoph Stephinger, Rüdiger Trebes, Peter Mazalán).

Ich betrachte diese Aufführung von Olivier Messiaens Saint François d’Assise als einen der musikalischen Meilensteine in der Aufführungsgeschichte der Bayerischen Staatsoper, den ich trotz meiner Kritik an der szenischen Umsetzung hoffentlich einmal wieder im Repertoire des Hauses erleben kann.

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One Comment leave one →
  1. baerbl wagner permalink
    Juli 13, 2011 13:30

    Liebe Rossignol,
    Sie sprechen mir mit Ihrer Kritik aus der Seele! Ich kann Ihren Eindruck voll und ganz bestätigen. Fürs Auge und fürs Ohr anstrengend – aber ein musikalischer Höhepunkt! Ein wirklich sehr beeindruckender Opernabend. Ich hoffe auch, dass diese, in jeder Hinsicht aufwendige Produktion ins Repertoire übernommen wird.

    Herzliche Grüße,
    Bärbl Wagner

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