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Salzburger Pfingstfestspiele 2011 – Die Konzerte

Juni 23, 2011

Luigi Cherubini – Requiem c-Moll
Ich beginne mit dem Konzert, mit dem Riccardo Muti die fünfjährige Reise mit dem Salzburger Pfingstfestspiele-Publikum durch die Musiklandschaft Neapels des 18. und 19 Jahrhunderts beendete, deren Reichtum zeitgenössische Komponisten des ganzen Kontinents inspirierte. Die in den Bibliotheken und Archiven Neapels schlummernden, bisher unentdeckte Schätze der Neapoletanischen Schule könnten das Musikleben durchaus bereichern, wie Mutis mit der Programmgestaltung seines Salzburger Neapel-Projektes zeigte. Ich fand es gut, daß ein Musiker vom Rang Mutis sich uneitel in den Dienst einer Sache stellt, die er selbst für wichtig und unterbewertet hält. Die Zustimmung zur Programmwahl war über die Jahre nicht ungeteilt. Dennoch verfolgte er konsequent das Projekt unspektakulärer Besetzungen mit jungen, aufstrebenden Sängern und seinem Orchestra in Residence, dem Orchestra Giovane Luigi Cherubini.

Ein Schwerpunkt in Mutis künstlerischen Schaffen ist Luigi Cherubini, dessen Werke er gerne in den Mittelpunkt von Konzerten stellt und dessen Name das von ihm gegründete Orchester trägt – Orchestra Giovanile Luigi Cherubini. Das Orchester bietet begabten Absolventen musikalischer Musikhochschulen die Gelegenheit, praktische Orchesterarbeit zu üben und Orchestererfahrung zu sammeln. Die Auswahlkriterien sind streng; das Orchester wird mit öffentlich gefördert; die Verweildauer dort beträgt drei Jahre. Ehemalige Orchestermitglieder haben gute Berufschancen, wie man hört.

In Mutis Konzerten erklingen häufig sakrale Werke mit Chorbeteiligung, zumindest nach meinem persönlichen Eindruck. So stellte er an das Ende der diesjährigen Pfingstfestspiele Cherubinis Requiem in c-Moll, ein beeindruckendes, musikalisch abwechslungsreiches Werk, dessen Wirkung auf Austausch, Tension und Imitation von Orchester und Chor beruht; Gesangssolisten werden nicht benötigt. Die beiden Chöre, der Philharmonische Chor Wien und La Stagione Armonica aus Padua wurden für das Projekt zusammengeführt und entledigten sich ihrer Aufgabe mit Bravour. Chorverwöhnt wie ich nun einmal bin, hätte ich mir eine etwas präzisere Artikulation gewünscht; so manche Silbe oder Wort endete hörbar nicht gemeinsam.

Der erste Teil der Matinée, Chant sur la mort de Joseph Haydn, hat mich schlichtweg begeistert. Komposition und Text sind eine liebevolle Hommage an Joseph Haydn, den Luigi Cherubini sehr verehrte. Eine Falschmeldung über Haydns Tod Ende 1804 veranlasste ihn zu der Komposition, deren Uraufführung erst nach Haydns tatsächlichem Tod im 1809 in Paris erfolgte. Dem Programmheft entnahm ich, daß die Wertschätzung der beiden Künstler gegenseitig war, denn Haydn schenkte Cherubini die Originalpartitur zu „Symphonie mit dem Paukenschlag“, die dieser sein Leben lang bewahrte. Wie schon bei I due Figaro wurden für die kurzen Partien junge Sänger als Solisten eingesetzt, die beiden Tenöre Anicio Zorzi Giustiniani und Gustavo De Genarro mit ganz unterschiedlichem Stimmtimbre und die irische Sopranistin Claudia Boyle, die glänzend sangen, wobei Tenor I (premier Coryphée) mir direkt ins Herz sang.

Ganz großartig auch das Orchester, das die filigrane Instrumentierung des Chant ebenso einfühlsam interpretierte wie die voluminösen Ausmaße des Requiems unter der Leitung des großen Dirigenten aufmerksam zu gestalten wusste.

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Concerti grossi
Die Matinée am Pfingstsonntag fand im Mozarteum, Salzburgs schönstem Konzertsaal statt, dessen Intimität den Besucher Teil des Programmes sein läßt. DAs Ensemble Matheus spielte unter der Leitung von Jean-Christophe Spinosi sechs Concerti „grossi“, wobei man die Bezeichnung nicht als Kompositionsform sondern im Sinne von „herausragend stark“ verstanden haben wollte. Gespielt wurden Werke von Vivaldi (Sinfonia RV116 nicht sicher zugeschrieben und RV443), ein Cellokonzert on Nicola Fiorenza, ein Flötenkonzert von Johann Adolf Hasse, ein echtes Concerto grosse von Charles Avison und ein Violoncellokonzert von Nicola Porpora.

Alexis Kosenko, der eine hinreissende Blockflöte bei Vivaldis Konzert für Flautino, Streicher und Bc spielte, brillierte mit der Querflöte in dem Konzert von Hasse. Jerome Pernoo war nicht nur virtuoser Solist in Fiorenzas und Porporas Violoncellokonzerten sondern reihte sich bei einem Konzert und bei den Zugaben ins Orchester ein. Das gesamte Ensemble unter Jean-Christophe Spinosi, der auch die Solovioline spielte, sprühte förmlich vor barocker Spiellust, die das Publikum begeisterte. An Zugaben sparte man nicht, bei dem auch die Konzertmeisterin des Ensembles, Laurance Paugam in einem Doppelkonzert (Name vergessen) zum solistischen Einsatz kam.

Georg Friedrich Händel – Aci, Galatea e Polifemo
Das Highlight dieses Pfingstfestwochenendes erwartete mich bereits an meinem ersten Abend, denn ich besuchte erst die zweite Vorstellung der diesjährigen Oper. Die Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung von René Jacobs präsentierte sich mit der konzerten Vorstellung von Händels „Aci, Galatea e Polifemo“. Diese 1708 als Auftragswerk komponierte „Serenata a tre“ ist ein dramatisches Werk, aber keine Oper, das in Neapel entstand und nicht zu verwechseln ist mit der Masque „Acis and Galatea“, die Händel 1718 in englischer Sprache komponierte. Zu dieser Zeit entstand ebenfalls „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“, das ich kürzlich in der Stuttgarter Inszenierung von Bieito erlebte. Bereits nach den ersten Takten und noch mehr nachdem die Sänger ins Spiel kamen, wusste ich, was ich eine Woche zuvor in Stuttgart vermisst hatte. Das Feuer und die mitreissende Energie von Händels szenischen Werken entfacht nach meinem Dafürhalten ein dem Originalklang verflichtetes Orchester deutlich stärker auch dann, wenn auf der Bühne ein heutiger Interpretationsansatz gewählt wird.

Bereits nach den ersten Takten und noch mehr nachdem die Sänger ins Spiel kam, wusste ich, was ich eine Woche zuvor in Stuttgart vermisst hatte. Das Feuer und die mitreissende Energie von Händels szenischen Werken entfacht nach meinem Dafürhalten nur ein dem Originalklang verpflichtetes Orchester, das ein modernes klassisches Orchester nicht hervorbringen kann.

In dieser konzertanten Aufführung in Salzburg wurde eine Theaterform gewählt, die die tragische Geschichte um den Hirten Acis und die Nymphe Galatea und dem Riesen Polyphem dramatisch durch Gestik und Bewegungen der Sänger und Orchestermusiker darstellt, jedoch auf ein Bühnenbild verzichtet.

Eine Besonderheit dieses Werkes ist, daß die Stimme des Aci mit einem hohen Sopran heller besetzt ist als die Stimme Galateas mit einem Mezzo. Sunhae Im (Aci) und Vivica Genaux (Galatea), beide in wunderschönen grün changierenden Kostümen, die sie wie Wasserwesen erscheinen liessen, schienen mir ideale Besetzungen für das Liebespaar, nachdem ich mich an die etwas trockene Akustik im Haus für Mozart gewohnt hatte. Anfangs schienen sie sich nicht voll durchsetzen zu können. Marcos Fink war als Riese Polifemo zunächst hinter dem Orchester postiert, verliess diese Position je nach Fortschritt der Geschichte und hinterliess einen nachhaltig guten stimmlichen Eindruck. Neben der beeindruckenden Sängerleistung kann ich die Qualität der Akademie für Alte Musik nicht genug loben. Rhythmisch mitreissend, tänzerisch, emotional – der Attribute sind viele, mit denen man bezeichnen könnte, was René Jacobs dem Ensemble entlockte, überstrahlt von einer Musikerin mit dem Aussehen eines Barockengels, die mit Blockflöte und Oboe herrliche Zwiesprache hielt mit den Sängern – „con la voce“ nennt es das Programmheft..

„Die Oper gestern war schon schön“, hörte ich eine Besucherin zur anderen bei Herausgehen sagen, „aber das heute war ein richtiges Zuckerl“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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