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Amsterdam – Jevgeni Onjegin

Juni 23, 2011

Eine marmorverkleidete Hotelhalle mit Aufzügen, denen Ballgäste entsteigen, der bereits torkelnder Onegin befindet sich schon in der Halle. Aus dem Festsaal des Hotels ertönt Musik vom Band (aus der Ballszene des dritten Aktes). Das durch die Halle zum Ballsall schreitende glamouröse Paar erinnert Onegin an seine Begegnung mit Tatjana als Fürstin Gremina. Wie gelähmt hält er inne und fällt tief in seine eigene Vergangenheit.

Das Orchesters setzt ein, löst die Konservenmusik ab mit der schmelzend-morbiden Ouvertüre. Ein quadratischer, etwas erhöhter Wintergarten befindet sich auf einer Drehbühne hinter dem Hotelfoyer, vom Regisseur Stefan Herheim als „Erinnerungsraum“ bezeichnet. Die Filipjewna und die Larina kochen Marmelade, während die Mädchen draußen singen. Onegin schleicht in Smokinghose und unordentlich offener Fliege um die Szene. Der Bauernchor erscheint in farbenfrohen Kosakengewändern. Onegin beobachtet, wie er durch Lensky im Hause Larina eingeführt wird.

Skurill die Briefszene: Aus dem Aufzug links fährt ein magischer Schreibtisch, aus dem Festsaaleingang rechts ein Bett, in dem ein Mann schläft (Onegin oder Gremin). Tatjanas schmales Jugendbett steht im Wintergarten. Onegin (der stumme Beobachter mit der Smokingfliege) setzt sich an den Schreibtisch nachdem Tatjanas eigene Schreibversuche nicht zu ihrer Zufriedenheit ausfielen. Er blättert und liest in ihrem roten Buch, schreibt schließlich selbst. Mich störte Onegins Anwesenheit in der Briefszene während der Aufführung beträchtlich. In der Nachbetrachtung lässt sie sich rechtfertigen. Vielleicht träumte ihn sich ja Tatjana selbst herbei. Für mich fand indes die Briefszene im Graben statt, wo eine sensationelle Oboe Tatjanas Gedanken, Überschwang und Zweifel, gefolgt von einer sehnsüchtigen Flöte und dem brüchigen Streichern, hörbar machte.

In der Gartenszene ist der Chor zweigeteilt; zu den bereits bekannten Kosaken gesellen sich die Ballgäste vom Anfang.

Die Festgesellschaft zu Tatjanas Namenstag besteht aus den bekannten Kosaken und den Gästen des finalen Balles bei dem Fürsten Gremin. Am Ende entzündet sich nicht nur die pompöse Perücke des Monsieur Triquet in der Verkleidung als barocker Tanzmeister mit Holzbein an einem funkensprühenden Stern, der von der Decke gelassen wurde, – wie könnte es anders sein – die Rote Arme marschiert ein und die russische Revolution beginnt. Die Festgesellschaft wird zusammengeschossen. Ob sich Lensky den einmarschierenden Soldaten anschliesst oder festgenommen wird, konnte ich zunächst nicht feststellen.

In der Duellszene findet in den Überbleibseln des Massakers in Anwesenheit der Soldateska statt, der Lenski angehört. Es stellt sich heraus, daß er wohl beauftragt wurde, Onegin zu erschießen, sich aber abwendet und beim verlassen des Platzes von Onegin rücklings erschossen wird.

In der sich anschliessenden Polonaise wird szenisch aufgefahren, was Russland zu bieten hat. Der Zar, orthodoxe Patriarchen, Odile, Odette, das halbe Bolschoiballett, Kosmonauten, Eiskunstläufer, Olympioniken, Werktätige mit Hammer und Sichel, auch der russische Bär, der schon bei Tatjanas Fest aufgetreten war, tanzt wieder.

Wie nicht anders zu erwarten, trifft Onegin das elegante Paar des Vorspiels als Fürst und Fürstin Gremin wieder. Die finale Szene findet unter den Augen Gremins statt, der Onegin eine Pistole reicht. Onegin sieht sein Spiegelbild in den Wänden des Wintergartens und drückt ab. Die Pistole war ungeladen.

Stefan Herheims komplexe Regie setzt auf Rück- und Überblendungen wie in einem Film, auf gespiegelte Charaktere und Selbstspiegelungen, auf die Positionierung der Personen in ihrem geschichtlichen und gesellschaftlichen Umfeld. Er mißtraut der traurigen kleinen Geschichte der verlorenen, mißglückten Lebensentwürfe, hält sie vielleicht nicht für abendfüllend oder gar nicht für zeitgemäß. Bei der aller Üppigkeit der Ausstattung bleiben die Charaktere fahl und ohne Bindung, selbst Tatjana und Onegin, denen der Regisseur die größte Aufmerksam beimisst. Die schwierige Beziehung mit der tödlichen Konsequenz zwischen Lensky und Onegin beispielsweise bleibt ebenso offen wie die zwischen Lensky und Olga beispielsweise oder die zwischen Tatjana und Gremin, die vielleicht auch nicht wirklich eine Rolle spielt.

Trotz meiner Einwände finde ich die Inszenierung interessant, Bühnenbild (Philipp Fürhofer) und Kostüme (Gesine Völlm) mehr als opulent.

Ländliche Lebensfreude, jugendliche Schwärmerei, Leuchtkraft der Liebe, Melancholie, Zweifel und resignierende Ausweglosigkeit sieht man in diese Produktion nicht, sondern man hört sie. Dem delikaten Klang des Koninklijk Concertgebouworkest lässt Mariss Jansons Tschaikovkys lyrische Szenen entwachsen, entführt ins ländliche Russland und das dekadent urbane, immer ganz nah am Bühnengeschehen, dieses nicht nur untermalend sondern tragend. Mariss Jansons atmet mit den Kantilenen, lässt die Musik fließen, ohne sie ausufern und schmalzig klingen zu lassen. Das Wunder dieses Onegin fand für mich im Graben statt. Ein unvergleichlich schönes Erlebnis.

Die Titelrolle sang wie schon bei der konzertanten Münchener Aufführung mit dem BRSO Bo Skovhus, dessen permante Bühnenpräsenz sicher eine Herausforderung für den Sänger darstellte. Mein Gesamteindruck war durchaus positiv, auch wenn ich mitunter leichte atemtechnische Defekte auszumachen glaubte. Er bestach auf jeden Fall durch kluge Einteilung und konnte am Ende dramatisch zulegen. Wie schon in München begeisterte mich Mikhail Petrenko als Gremin, mag er auch noch so jung erscheinen; dafür kann er schließlich nichts und die Zeit wird es heilen. Die mir als Olga (und von anderen Rollen) sehr bekannte Elena Maximova orgelte erfreulicherweise etwas weniger als sonst. Andrej Dunaev überraschte mit eindringlich vorgetragener Lensky Arie; für die schwache Charakterisierung der Rolle konnte er wenig. Im Zenith ihres Könnens steht Krassimira Stoyanova, deren slawisch gefärbter Sopran ideal für Tatjana passt und deren Stimme den Abend überstrahlte.

Den vorzüglichen Chor der Nederlandse Opera studierte Martin Wright ein.

Ich besuchte die Vorstellung am 18. Juni 2011.
Weitere Vorstellungen anlässlich des 64. Holland Festivals im Juni/Juli.

Und hier Herheim und Skovhus im Interview mit Ausschnitten aus der Inszenierung.

Zu meinen weiteren Onegins
Oper Leipzig, Regisseur Konwitschny
Bay. Staatsoper, Regisseur Warlikowski

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