Skip to content

Dresden 10. Juni 2011 Anna Bolena

Juni 11, 2011

Ein besonderer Anlaß muß es schon sein, der mich bewegen könnte, für die konzertante Aufführung einer Oper sechs Stunden Fahrzeit auf mich zu nehmen und einen ganzen Arbeitstag zu opfern. Noch dazu, wenn das zu erwartende Opus nicht zu den gewichtigsten der Opernliteratur zu zählen ist.

Die konzertante Aufführung von Donizettis Anna Bolena mit Edita Gruberova in der Hauptrolle bescherte Dresden die Erstaufführung dieses Werkes und der Semperoper einen großen Zulauf. Zu den vielen einheimischen Besuchern kamen natürlich die, die immer da sind, wo Edita Gruberova singt. Zu diesem Kreis zähle ich nicht, interessiere mich aber schon für das Repertoire, das sie so unvergleichlich zu interpretieren versteht und freue mich, wenn sich eine Gelegenheit bietet, Edita Gruberova auf der Bühne zu erleben.

Donizettis Opern auf das Vokale zu reduzieren, ist ein Fehleinschätzung, der die Staatskapelle Dresden zum Opfer fiel, die sorglos und ohne große Werkeinsicht zur Sache ging. Wer mit wenig Feingefühl und Italianità, dafür mit viel Dschingderassabum ein diffiziles Vorspiel wie das zur Anna Bolena angeht, der verwechselte Belcanto mit einem Neujahrskonzert und die Ouvertüre mit dem Radetzkymarsch. Ich halte den Herrschaften zugute, daß das Werk mit dieser Aufführungsserie seine Erstaufführung in Dresden erlebte, somit nicht unbedingt zum gewohnten Repertoire der Staatskapelle gehört. „Verachtet mir den Meister nicht!“

Vom Betreten der Bühne bis zum Ende der Vorstellung präsentierte Frau Gruberova ihre Stimme und sich selbst als Darstellerin der Titelrolle in Hochform. Ich habe schon oft beschrieben, wie sehr ich ihre seriöse Berufauffassung bewundere, die Disziplin und Vorbereitung, die nötig ist, um von Beginn an eine Figur leuchten zu lassen. Gestern brauchte die Stimme noch nicht mal die kleine Anlaufzeit, um mit den Attributen aufzuscheinen, die sie auszeichnen: technische Brillanz, kunstvolle Verzierungen, reine Tongebung, betörende Piani und ein messa di voce gepaart mit großer Emotionalität als Zeugnis der Durchdringung der Rolle.

Sonia Ganassi sang Giovanna, als Jane Seymour Rivalin der Königin. Ich hatte ihre Stimme von diversen Auftritten der letzten Jahre sopranhafter in Erinnerung. Sie scheint etwas schwerer und dramatischer geworden zu sein, zeichnet sich durch Agilität, klanghafte Mittellage und schöne Höhe aus. Ihr Duett mit Anna war einer der Höhepunkte des Abends.

Bemerkenswert (gut) fand ich Stephanie Atanasov, die als Smeton glücklich besetzt war und sich für weitere Hosenrollen empfiehlt.

José Bros, in den letzten Jahren häufig Partner von Edita Gruberova, mißfiel mir mit seiner speziellen Art, seine Stimme auszustellen, die kraftvoll höhensicher ist und auch einen gewissen Schmelz aufweist, solange er nicht zu exhibitionistisch agiert. Dann meutert sie nämlich meckernd wie ein Ziegenbock, deutlich zu hören am Ende seiner Auftrittsarie und im letzten Akt. Gehört haben oder hören wollten das allerdings nur wenige Besuche Besucher, denn der Applaus für ihn war ungeteilt enthusiastisch.

Keine Einwände gibt es gegen Oren Gradus, mir bisher unbekannt, der sich als Enrico (Heinrich XIII) höchst respektabel schlug. Ausgezeichnet gefiel mir auch Francisco Brito als Hervey und Markus Butter in der Rolle des Rochefort.

Riccardo Frizza gelang es nach meiner Meinung nicht, die Staatskapelle zum Belcanto-Klang zu (ver)-führen. Das klang alles etwas grob und oftmals überlaut. Den Sängern war er aufmerksamer Begleiter.

Uneinheitlich agierte der Männerchor, während sich das Klangbild der Frauenstimmen einfühlsam und homogen entfaltete.

Langanhaltender, berechtigter Jubel für die Sänger.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

One Comment leave one →
  1. baerbl wagner permalink
    Juni 12, 2011 03:39

    Liebe Rossignol
    ich bin ja in erster Linie wegen „Grubi“ nach Dresden gefahren. Abgesehen davon, dass diese Stadt eine erneute Reise wert ist: Gruberova war wieder einmal einzigartig!Es ist kaum zu glauben, dass sie im Dezember 65 Jahre alt wird!
    Die Stimme srahlt nach wie vor in der Höhe – einfach unglaublich – und Ihre Pianokultur ist sowieso unvergleichlch!
    Die Männerstimmen waren allle unter Niveau! Vor allem der Tenor!!!
    Ohne „Grubi“ ist diese Oper sowieso nicht vorstellbar!
    Liebe Grüße, Bärbl

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: