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Opernhaus Zürich – Anna Bolena Wiederaufnahme

Juni 1, 2011
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Wenn es manchmal ein paar Tage dauert, ehe ich zu einer Schilderung eines Opern- oder Konzertbesuches komme, liegt es manchmal an meiner Unentschiedenheit in der Einschätzung, meistens aber an dem unverzichtbaren Broterwerb, der das mitunter kostspielige Hobby erst ermöglicht.
Anlaß des Besuches war zum einen, Donizettis Anna Bolena nach drei Jahren mal wieder auf der Bühne zu sehen und zum anderen das Zürichdebüt von Elīna Garanča als Giovanna Seymour. Von Giancarlo del Monacos wiederbelebten Produktion erwartete ich, ehrlich gesagt, nicht sehr viel und konnte daher auch nicht enttäuscht werden, im Gegenteil. Luxuriöse, mehrmals wechselnde große Roben der Damen schmeichelten dem Auge. Wirklich. Alles sehr edel und ebenso präsentiert. Die Herren waren in jeder HInsicht etwas schlichter ausgestattet.

Die Regie beschränkt sich auf Bebilderung. Im kalten, bunkerartigen Einheitsbühnenbild mit umlaufender, sich bei Bedarf öffnender Galerie, auf welcher der Chor postiert war, wechselten je nach Bild die Requisiten. Kleine Bäume im Hintergrund zu Beginn, eine Parkbank, später ein herangewachsener Baum in der Mitte. Eine Szene ist mit 8 riesigen leeren Bilderrahmen ausgestattet, Metapher für Heinrichs Frauenverbrauch? In Akt zwei versinnbildlichen überdimensionale Bücherstapel auf dem Boden ihres Gefängnisses im Schloss Annas Flucht vor der Wirklichlichkeit. Danach illustrieren vom Bühnenhimmel herab hängende Ketten die Kerkersituation zuerst für Percy und Rochefort, dann auch für die Königin. Warum in Anna Bolena Inszenierungen gerne zum Pferd gegriffen wird, bleibt mir ein Rätsel. In Palermo erlebte ich den Einsatz überdimensionaler Pferde bei einer Anna Bolena auch schon mal, und so setzte sich auch hier der Heinrich am Ende aufs Pferd und Giovanna dekorierte sich ergeben dazu. Guter Einfall des Regisseur war die Einfügung einer (stummen) Figur. Elisabeth, spätere Königin und Anne Boleyns Tochter, begleitete die Szenen der Anna Bolena, immer mit einer Puppe in der Hand, die jeweils das gleiche Kleid der Mutter trug. In der letzten Szene schneidet die Kleine der Mutter die Haare ab, während die Puppe der Szene ihren Kopf schon verloren hatte.

Eigentlich wollte ich aber gar nicht so ausschweifend über die Bühne berichten. Massimo Zanetti leitete den Abend umsichtig. Er animierte das Orchester zu inspiriertem Spiel und wählte intuitiv das passende Klangbild für die Sänger. Er war sozusagen das Öl im Getriebe dieser Produktion, während Elīna Garanča der Motor der Aufführung war. Bereits in ihrer frühen Auftrittsarie saß jeder Ton. Neben ihrer präzisen Technik lässt die Vielfalt der ihr zur Verfügung stehenden Klangfarben ihre Gestaltung der Aktionen und Gefühlswelten der facettenreichen Figur der Jane Seymour zu einem faszinierenden Erlebnis werden. Dabei spielt sie sich in Ensembleszenen niemals vokal in den Vordergrund. Eine wahrhaft königliche Interpretation.
Eva Mei als Anna Bolena war – ich gestehe zu meiner Überraschung – eine adäquate Partnerin, besser Rivalin. Eigentlich ist es ja umgekehrt, Giovanna ist die Rivalin, denn Anna ist die regierende Königin. Wie dem auch sei, Eva Mei machte nicht nur optisch einen royalen Eindruck. Die Koloraturkaskaden perlten, lyrische Passagen und die Szenen mit Giovanna und das Tribunal waren voller Ausdruck und Emotion, die im abschliessenden explosiven „Coppia iniqua“ mündeten (währenddessen eben dieses Paar auf dem Ross weilte). Auch die dritte Dame des Abends, Judith Schmid als ungetreuer Smeton, enttäuschte vokal nicht.

Die Herren des Abends waren schon rein bekleidungstechnisch etwas im Nachteil. Carlo Colombara (Enrico VIII) schätze ich eigentlich. Im Vergleich zu den schmelzenden Timbres und dem betörenden Legato beider Hauptdarstellerinnen war er allerdings mit seiner etwas trockenen, auch manchmal abgehackt klingenden Tongebung etwas im Nachteil. Für eine Entdeckung halte ich Gergely Németi (hier als Lord Percy), der zwar (noch) etwas uneben und unausgeglichen singt, aber eine wunderschöne Stimmanlage hat, deren Timbre bezaubert und die sich trotz der versemmelten ersten Arie im Lauf des Abends offenbarte. Großes Lob an Massimo Zanetti, der besonders diesen jungen Sänger buchstäblich über die Klippen trug. Massimo Cavalletti (Lord Rocheford) und Miroslav Christoff (Sir Hervey) komplettierten das dem Opernhaus Zürich Ehre machende Ensemble.

Eine lohnende Reise, besonders für Liebhaber schöner Stimmen empfehlenswert.

Weitere Aufführungen: Opernhaus Zürich
Mein Bericht bezieht sich auf die Aufführung vom 28. Mai 2011.

PS: Inzwischen hat Elīna Garanča die weiteren Vorstellungen abgesagt. Am 2. Juni ist Laura Polverelli als Giovanna Seymour zu erleben. An den weiteren Abenden wird eine Bohème angesetzt, in der Jonas Kaufmann (mit freien Terminen wegen der abgesagten Teilnahme an der Met-Japantour) den Rodolfo singen wird.

Man könnte sagen, ich habe nochmal Glück gehabt.

One Comment leave one →
  1. Anke permalink
    Juni 2, 2011 12:31

    Liebe Rossignol,
    mit großer Freude hab ich ihren Anna-Bolena Bericht gelesen. Ich war in der ersten Aufführung am 21. Mai in Zürich und kann ihre Eindrücke nur bestätigen. Danke! Da ich von Elina Garancas Absage bis jetzt nichts wußte-, bin ich erleichtert und schließe mich an: Wir hatten Glück! Einen schönen Feiertag! Beste Grüße Anke

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