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Opernhaus Zürich: Un Ballo in maschera

Mai 16, 2011

Sehr lange freute ich mich auf die Zürcher Neuinszenierung des Ballo in maschera und vor allem auf Piotr Beczalas Auftritt in der Rolle des Schwedenkönigs Gustav, den ich letztes Jahr in Berlin leider verpasste.

Regisseur David Pountney interpretiert die Handlung als Theater im Theater, wobei der König sowohl die Fäden zieht als auch am Spiel mitwirkt. Naturgemäß überlebt der König, denn schließlich ist alles nur Spiel. Was ich bisher von Pountney sah, war immer sehr fantasievoll, skurill, starke Bilder und so ist auch dieser Maskenball. Das zunächst einfach anmutende Bühnenbild (Raimund Bauer), bestehend aus einem stilisierten Bühnenvorhang mit einem Vorhang im Vorhang, aus dem Gustavo schon mal auf’s Publikum linst,erweist sich als sehr verwandlungsfähig. Mittels der darunterliegenden Drehbühne werden immer wieder neue Räume gestaltet. Langeweile gibt es nicht. Schöne, teils farbenfrohe Kostüme mit Anspielungen auf die schwedischen Nationalfarben, teils skurill schwarz-weiss, dachte sich Marie-Jeanne Lecca aus. Selbst an Beate Vollacks Choreografie habe ich nichts auszusetzen.

Man spielt in Zürich die Originalversion der Oper mit Gustav statt Riccardo und Anckarstroem statt Renato. Wie es heißt, legte der Dirigent Nello Santi darauf besonderen Wert. Nello Santi, der in Zürich viel Verdi dirigiert, habe ich in den achtziger Jahren in München häufig erlebt, als er in der Aegide von Prof. Sawallisch an der Münchner Staatsoper oft zu Gast war. Seither ist er dort meines Wissens nicht mehr aufgetreten. Er ist etwas älter geworden, sonst hat er sich eigentlich nicht sehr verändert. Sein Verdi Dirigat war erwartet souverän, dramatisch und gelassen zugleich.

Aus dem Vollen schöpfen kann Piotr Beczala im Ballo. Er ist das Zentrum der Aufführung, nicht nur, weil Gustavo so erfreulich viel zu singen hat. Ich möchte sagen, er durchdringt die Rolle völlig. Es geschieht keine Aneinanderreihung von Szenen und Nummer, sondern jede erhält den ihr gemäßen, besonderen Ausdruck. Dabei strömt die ohnehin perfekt geführte Stimme förmlich. Besonders hervorheben möchte ich die Szene Di‘ tu se fedele / E scherzo ò è follia, wenn er nach den dynamischen Herausforderungen der Szene die zweite Strophe der canzone Le dolci canzoni, fast natürlich in einem hinreissenden piano singt. Die Kritiken vergleichen Piotr Beczala gerne mit großen Sängern aus vergangenen Zeiten. Diese Vergleiche muss er zwar meines Erachtens nicht scheuen, dennoch macht das schöne Stimmtimbre, die Musikalität und die Sorgfalt der Interpretation seine Stimme unverwechselbar. Darstellerische Wunderdinge erwarte ich nicht, wo doch der Gesang keinen Wunsch offen ließ, doch scheint es mir erwähnenswert, daß der erschlankte (?) Sänger der tänzerischen Choreografie durchaus gerecht wurde und sogar Rhythmusgefühl bewies (was ich genauestens registrierte – *joke*). Auch die Darstellung des Kindes Gustav in der ersten Szene des ersten Aktes gelang durchaus plausibel. Soviel zu den Kritikern an Piotr Beczalas darstellerischen Qualitäten.

Oscar war szenisch zunächst angelegt wie die kleinere Ausgabe Gustavs, ein alter Ego, Spielgefährte, geflügelter Bote. Die agile Sen Guo war die perfekte Besetzung dafür. Die Koloraturen saßen sicher und vernehmlich. Vladimir Stoyanovs etwas trockener Bariton passte vorzüglich zur Charakterisierung des Grafen Anckarstroem. Mit Yvonne Naefs stimmlicher Gestaltung der Ulrica Arvidson konnte ich mich dagegn nicht so recht anfreunden, sie klang zu „abgehackt“, vielleicht ist die Rolle zu tief für sie, oder es war die Tagesform. Darstellerisch war sie auf jeden Fall eine Wucht. Ihre Szenen waren sehr interessant gestaltet. Weniger Zigeunerin als scharlatanische Lebedame, mit wenig Interesse an den Ratsuchenden und viel Interesse am Geld und der Selbstinszenierung, tritt sie nicht in direkten Kontakt zu ihren Klienten sondern über einen Medusenkopf und via Mikrophon. Fiorenza Cedolins debütierte in dieser Inszenierung als Amelia. Nach etwas zögerlichem Anlauf steigerte sie sich gewaltig und war Piotr Beczala eine fast ebenbürtige Partnerin.

Der von Jürg Hämmerli vorzüglich einstudierte Chor der Zürcher Oper entledigte sich seiner szenischen und vokalen Aufgaben mit Bravour; für die Sänger der kleineren Rollen gilt dies gleichermaßen.

Die wirklich glanzvolle Orchesterleistung unter Maestro Nello Santi rundete diesen Verdi-Abend ab, ich denke, sie war sogar die Basis für die eindrucksvolle Aufführung.

Die Besetzung am 14. Mai 2011 im Detail
Fiorenza Cedolins (Amelia), Yvonne Naef (Ulrica Arvidson), Sen Guo (Oscar); Piotr Beczala (Gustavo III), Vladimir Stoyanov (Anckarstroem), Thomas Tatzl (Cristiano), Andreas Hörl (Graf Ribbing), Giuseppe Scorsin (Graf Horn), Miroslav Christoff (ein Richter), Pablo Ricardo Bemsch (ein Diener Amelias)

Weitere Aufführungen:
Opernhaus Zürich

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