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Bayerische Staatsoper: La Bohème

Mai 14, 2011

Ich weiss nicht, ob man in der „richtigen“ Stimmung sein muß, um eine Bohème-Aufführung zu geniessen. Nach ziemlich langer Abstinenz hatte mich die Besetzung mal wieder in La Bohème gezogen. Das atmospärische Stimmungsbild der liebevoll gepflegten, fast 42 Jahre alten Inszenierung versetzt die Zuschauer in das winterliche Paris einer längst vergangenen Zeit und lässt uns teilhaben am Alltag der (Überlebens)Künstler Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline im vermeintlich so romantischen Montmartre zwischen bain vapeur und Café Momus. Und wem entfallen sein sollte, wie sich große Liebe in Klang umgesetzt anhört, dem sei die Orchestereinleitung zur Finalszene empfohlen.

Die Künstlerfreunde Marcello, Schaunard (Christian Rieger) und Colline (Christian Van Dam) waren bekannt spielfreudig und rollendeckend besetzt, wobei ich Levente Molnárs Marcello hervorheben möchte. Er interpretierte Marcellos zahlreiche Facetten zwischen Freundschaft, Eifersucht und Mitgefühl sehr treffend und gefiel mir hier wesentlich besser als in dem kürzlich gehörten Rossini. Immer eine Freude ist das Wiedersehen und Hören von Alfred Kuhn, dieses Mal als Vermieter Benoît.

Für meinen Geschmack keine sehr glückliche Hand hatte die Bayerische Staatsoper in der Vergangenheit mit der Besetzung der Musetta. Laura Tatulescu, die ich zume ersten Mal in der Rolle sah, machte ihre Sache dafür gut. Ihre Erscheinung ist kapriziös. Leider neigt sie völlig grundlos zum Forcieren. Ihre besten Momente hatte sie im letzten Akt.

Aus mancherlei Gründen habe ich Joseph Calleja in den letzten Jahren verpasst. Ich hatte zwar seinen Gastauftritt in einer Fledermaus in Erinnerung, war aber jetzt mehr als angenehm überrascht von seinem Auftritt als Rodolfo, für den ich nur Superlative verwenden kann. Der leichte Vibrato seines wunderschönen Tenors ist so passend für die Rolle. Dazu kommt die von mir so sehr geschätzte feine Diktion, für die man weiß, warum man Italienisch lernte, und die damit einhergehende Phrasierung, das Fließen der Sprache mit der Musik. Toll.

Hibla Gerzmava gab als Mimi ihr Debüt am Nationaltheater. Sie darf es feiern. Auch ihre Stimme hat ein aussergewöhnlich schönes Timbre, ist modulationsfähig. Auch sie mit klarer Diktion. Ein bißchen mangelte es am Legato, was keine Beanstandung an dem insgesamt beeindruckenden Auftritt sein soll. Die in Youtube veröffentlichten Videos hatten mich, ehrlich gesagt, zuerst an der Besetzung als Mimi zweifeln lassen.

Das Orchester unter Marco Armiliato wurde im Verlauf des Abends immer besser (siehe Absatz 1), wobei ich meine Zweifel daran habe, ob da mehr als 50 Prozent Stammbesetzung des Staatsorchesters an den Pulten saß.

Der Abend bot, was man sich im Idealfall von einer gelungen La Bohème erwarten darf – Emotionen zwischen Heiterkeit, Rührung und Mitgefühl. Das Publikum reagierte begeistert.

Ich besuchte die Vorstellung am 13. Mai 2011
Weitere Vorstellungen: Bay. Staatsoper/Spielplan

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