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Metropolitan Opera: Die Walküre

April 30, 2011


Richard Wagners Musik habe ich relativ spät für mich entdeckt; in Sachen Der Ring des Nibelungen würde ich mich sogar als ausgesprochenen Spätentwickler bezeichnen. Tiefschürfende Ausführungen hierzu sind von mir also nicht zu erwarten. Das einleitende Rheingold und vor allem Die Walküre mit der menschlichen, fast lebensnahen Charakterisierung der Personen haben mich bisher am direktesten angesprochen, musikalisch und inhaltlich.

Ich besuchte die zweite Walküre-Aufführung am 26. April 2011 der Neuinszenierung des Ringes durch Robert Lepage. Natürlich war es wegen des Medienrummels unvermeidlich, Rezensionen dieser Inszenierung vor dem eigenen Besuch zu lesen. Ich fasse mich daher zur szenischen Realisierung kurz, denn über die sündteuere „Maschine“, für deren Einsatz sogar die Statik des Bühnenbodens der Met verstärkt werden musste, weiß eh jeder alles. Diese sog.“Maschine“, ein technisches Vehikel aus vielen vertikal verformaren Metallträgern, bildet das Bühnenbild für alle vier Ringteile. Soweit es Die Walküre betrifft und meinen Eindruck, so kann ich sagen, daß ich bildmäßig das wiederfand, was eine Walküre erwarten läßt – den Wald, Hundings Hütte, entsprechendes Wetter, den Walkürenfelsen, Feuer. Nur die Pferde der Walküren – über sie musste das Met-Publikum laut und herzlich lachen. Konwitschny-gestählt und wissend, daß jede Oper einen komischen Moment braucht, konnte ich darüber lediglich schmunzeln. Störend (und ärgerlich angesichts der extremen Produktionskosten) fand ich die bei der Verformung der Bühne entstehenden Geräusche. Ich bin dennoch der Meinung, daß man mit einem abschließenden Urteil über die Lepage Inszenierung waren soll, bis der Ring nächstes Jahr komplett sein wird. Dann wird man wissen, was der Einsatz des schweren Gerätes bezwecken sollte.

Den musikalischen Ablauf störte die Inszenierung indes nicht. An diesem zweiten Abend erschien mir James Levine fast temperamentvoll in seinen Bewegungen am Pult; krankheitsbedingte Einschränkungen sah ich nicht. Unter seinen Händen entfaltete sich ein verhaltener, immer emotionaler werdender Klang des Orchesters, oftmals kammermusikalisch intim, immer einem klanglichen Spannungsbogen folgend – ein wunderbares Erlebnis, aus musikalischer wie aus menschlicher Sicht.

Ausschließlich Erfreuliches kann ich auch von der sängerischen Seite berichten. Eva Maria Westbroek, die in der Premiere wegen Krankheit aufgeben musste, schlug sich beachtlich in ihrem Sieglinde Met-Debüt. Groß aufdrehen konnte die stimmgewaltige Stephanie Blythe als Fricka. Sie fuhr zu ihrem Auftritt in einem thronartigen Sessel, der mittig auf der Maschine heruntergelassen wurde (ähnlich Kundrys Schaukelpferd in Konwitschnys Parsifal). Hier lachte seltsamerweise keiner. Deborah Voigt, medial schon vor ihrem Debüt als Brünnhilde hingerichtet, beeindruckte mich. Sie wünschte sich wohl diese Rolle sehr und legte all ihre Persönlichkeit in deren Interpretation. Sie setzte ihre stimmlichen Möglichkeiten und Bühnenerfahrung voll ein, und ich fand ihre mehr gesungene als geschrieene Brünnhilde ausgezeichnet. Einzigartig war ihre Interaktion mit dem Allvater Wotan, Bryn Terfel.

Nach den Sängerinnen möchte ich einen Einschub machen, der die lingusitische Ausformung der Rollen betrifft, deren Wichtigkeit mir noch nie so sehr aufgefallen ist wie in dieser Walküre. Liebe Met, die Damen benötigen dringend einen Sprachtrainer! Bei Stephanie Blythe am meisten und bei Debbi Voigt am wenigsten war nicht zu verstehen, daß sie eine deutsche Oper singen. Bei Stephanie Blythe hatte ich sogar den Eindruck, sie weiß gar nicht, was sie da heruntersingt. Ich finde das sehr schade, denn der Gesamteindruck der Solistinnen litt darunter doch beträchtlich.

Mit dem Gegenteil überraschte Bryn Terfel, auch er in den Vorberichten ob seiner Rollenwahl stark in der Kritik. Und nun produzierte er einen Göttervater, der meine Ohren wackeln ließ. Wenn ich mich richtig erinnere, war mein erster Walküren-Wotan John Tomlinson, dessen Gesang mich zusammen mit seinem fabelhaften Deutsch umgeworfen hat. So einer ist Bryn Terfel. Der Zusammenklang von Sprache und der Gesangsstimme, dazu die sensible Darstellung, war eine Meisterleistung. Im bereits erwähnten Zusammenspiel mit Deborah Voigt lagen die absoluten Höhepunkte des Abends.

Eher unabsichtlich stelle ich Jonas Kaufmann an das Ende meines Aufführungsberichtes, denn die Krone des Abends gehörte ohne Abstriche Terfels Göttervater. Ich bin mir nicht sicher, ob einem nicht immer die zuletzt gehörte Rolle eines Sängers am besten gefällt – im Falle von Jonas Kaufmanns Siegmund geht es mir so. In der etwas tief liegenden Rolle des Siegmund finde ich seine angedunkelte Stimme ganz natürlich strömend und gerade richtig. Langgezogen, mühelos, erklangen die Wälse-Rufe. Nichts klingt gekünstelt, dazu sein natürliches Spiel – perfekt. Lediglich über den Wonnemond schien er kurz zu stolpern, vielleicht wähnte er sich bereits im Mai. Soviel zur Chronistenpflicht.

Mit dem Abstand von einigen Tagen nach der Aufführung und der Rückkehr nach Deutschland glaube ich noch immer, daß mir dieser Abend an der Met lange in Erinnerung bleiben wird.

Alles über den neuen Ring an der Met
Hier

4 Kommentare leave one →
  1. Ulrike Meissner permalink
    Mai 1, 2011 08:45

    Ein interessanter Bericht über die „Walküre“ in NY. Aber warum nicht ein Wort über Hans-Peter Königs Hunding? Wie war er??

    • Mai 1, 2011 12:15

      Liebe Ulrike Meissner,
      als ich den Bericht taggte, habe ich bemerkt, daß der Hunding fehlte, was keine Absicht war. Hans-Peter Königs Hunding war unspektakulär, was an der schwachen Personenregie des ersten Aufzuges gelegen haben mag, vokal erfüllte er die schwarze Rolle vollkommen.

      Natürlich ist mein Bericht vollständig, denn auch zu den lebhaft-schrillen Walküren, habe ich nichts geschrieben und auch nichts zu den historisierenden Kostümen und den albernen Perücken. Das „Ereignis Wotan“ ließ all das etwas in den Hintergrund rücken.

      rossignol

  2. Mai 16, 2011 04:34

    Ich habe es in Buenos Aires gesehen live von den Met,Die Matinee um 13 Uhr, am 14 en april 2011- und bleibt unvergaesslich !
    James Levine fand ich hervorragend, die saenger waren Alle von einen selten hohen niveau-heutzutage hoert man nirgends solche perfekte Vorstellungen.
    so einen jungen und enthusiastischen, natuerlichen Wotan habe ich noch nie gehört.
    Jonas Kaufmann fand seine Glanzrolle, wie auf den Leib geschrieben .hoffentlich faengt er nicht zu frueh an mit Tristan.Nicht das wir ein zweiten Peter Hoffmann Schiksal erleben!
    Vorstellungen mit so hohem Niveau, habe ich in meine Jungen Jahre mit Bayreuth 1938-IN BUDAPEST -erlebt !Kamen mit Saenger-Orchester-Kulissen-dirigent Tietjen-per Zug nach Budapest-und haben den ganzen Wagner Repertoire gespielt-unvergaesslich !

    • Mai 16, 2011 22:17

      Vielen lieben Dank für Ihren Kommentar, Frau von Hann. Vielleicht wird man sich ja in 60 oder 70 Jahren auch noch an außergewöhnliche Vorstellungen von heute erinnern. Ich finde es schön, wie diese Met-Walküre Musikfreunde aus aller Welt begeistert und daß wir unsere Freude darüber über Kontinente sofort austauschen können.
      Alles Gute und viele Grüße nach Argentinien.
      rossignol

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