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Parsifal

April 20, 2011

Angela Denoke, Kundry, mit Parsifals Papierherz / Foto:Bay.Staatsoper

Papier ist geduldig, dachte ich mir, als ich nach zwei Parsifal-losen Jahren endlich mal wieder den Szenenvorhang zum Parsifal an der Bayerischen Staatsoper sah. Die vielen schönen DIN-A4-Seiten, beschwörend beschriftet mit der Losung „Erlösung dem Erlöser“ und trotzdem – alles Papier. Papier das Herz, das Parsifal für Kundry reisst, Papier die Taube am Ende, Papier die Blumen in Klingsors Zaubergarten und aus Papier ist selbst der Baum, der den Gral umschließt. Ziemlich brüchig und nicht so recht stabil, diese Welt.

Auf direktem Weg fuhr ich von der Leipziger Elektra zum Münchener Parsifal. Ich war in Stimmung für Parsifal, man mag es kaum glauben. Und ich war froh, daß er nicht zu weichgespült begann. Fast etwas schroff klang es im ersten Akt aus dem Graben und der Chor schlingerte mal wieder heftig, sowohl auf als hinter der Bühne. Daß der Staatsopernchor zu den führenden seiner Spezies gehört, kann man selbst mit neuem Chordirektor nicht gerade behaupten, bei aller Wertschätzung. Das Manko legte sich im Verlauf der Vorstellung nicht. Vielleicht folgte der Palmsonntags-Parsifal zu dicht auf das Pariser Gastspiel. Die orchestrale Umsetzung indes steigerte sich im Verlauf der drei Akte kontinuierlich. Ich fand das Dirigat von einer feierlichen Gelassenheit, falls es so eine Einordnung überhaupt gibt, hörte keine schwülstige Zelebration, aber durchaus mächtige Klangwogen und fühlte mich zunehmend wohl im Lauf des Abends.

Keine Klagen gibt über die Gesangssolisten. Kwangchul Youn (Hausdebüt) liess mit kerniger, dennoch weicher Tongebung und klarer Textverständlichkeit Gurnemanz und seine Geschichte entstehen. Michael Volles Darstellung des leidenden, getriebenen Amfortas war überwältigend. Er hat eine große Begabung für die Charakterisierung traumatisierter, ausgestossener Personen; man denke nur an seinen Wozzeck. Nikolai Schukoff war ein jugendlicher Parsifal. Sein lyrischer Tenor ist nachgedunkelt, hat ein angenehmes Timbre und durchaus leuchtende Höhe. Ausgezeichnet auch John Wegner als Klingsor, rein äusserlich fast ein Doppelgänger Amfortas‘. Angela Denokes Kundry hatte es mir bereits in Hamburg angetan, wo die Wilson Inszenierung ihre Bewegungen fernsteuerte. In unserer Konwitschny Produktion dagegen ist die szenische Darstellung, menschliche Regungen wichtig, und hier konnte sie ihr Talent als Sängerdarstellerin ausspielen. Stimmlich kommt sie meinen Wunschvorstellungen nahe; lyrischer Ansatz, keine Übertreibungen, klare Diktion.
Gralsritter und Zaubermädchen waren aus dem Ensemble angemessen besetzt.

Fazit: Nach etwas unebenem Beginn ein rundum beglückender Abend und ein angemessener Auftakt der Karwoche. Eine weitere Aufführung gibt es am Ostersonntag.

Kundrys Auftritt zu Pferde - immer wieder ein herrliches Erlebnis / Foto: Bay. Staatsoper

Besetzung am 17. April 2011
Musikalische Leitung Kent Nagano
Inszenierung Peter Konwitschny
Bühne und Kostüme Johannes Leiacker
Licht Peter Halbsgut
Produktionsdramaturgie Werner Hintze
Chöre Sören Eckhoff

Amfortas Michael Volle
Titurel Steven Humes
Gurnemanz Kwangchul Youn
Parsifal Nikolai Schukoff
Klingsor John Wegner
Kundry / Stimme aus der Höhe Angela Denoke
Erster Gralsritter Kevin Conners
Zweiter Gralsritter Levente Molnár
Erster Knappe / Erster / Zweiter Knappe Tölzer Knabenchor
Dritter Knappe Ulrich Reß
Vierter Knappe Kenneth Roberson
Klingsors Zaubermädchen Hanna-Elisabeth Müller
Laura Tatulescu
Gabriela Scherer
Evgeniya Sotnikova
Angela Brower
Okka von der Damerau

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

One Comment leave one →
  1. baerbl wagner permalink
    April 27, 2011 14:20

    Liebe Rossignol,
    für die Osterzeit gibt es wohl keine passendere Oper als Parsifal!
    Und wenn dann auch noch „alles stimmt“ – Orchester, Dirigat, Sänger – dann verlässt man ganz selig und beglückt unser Opernhaus.
    So ist es mir am 24.04.gegangen. Die Aufführung war musikalisch, sängerisch und darstellerisch so beiindrucken, dass man über die Schwächen der Inszenierung – weiße Taube, unpassende Madonnafigur – hinwegsieht.
    Fazit:Ein wunderbarer Osternachmittag – Abend

    Liebe Grüße

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