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Oper Leipzig: Premiere Elektra

April 18, 2011

Premiere am 16. April 2011
Musikalische Leitung Ulf Schirmer | Inszenierung Peter Konwitschny | Bühne, Kostüme Hans-Joachim Schlieker | Licht Manfred Voss | Choreinstudierung Stefan Bilz

Statt eines Bühnenvorhanges empfängt eine Spiegelwand die Besucher von Elektra in der Leipziger Oper. Eine Terrakotta-Badewanne steht davor. Peter Konwitschny will dem Publikum einen Einblick in die Vorgeschichte zur Oper zu geben, erzählen, warum Elektras einziger Daseinszweck die Rache zu sein scheint und wie Klytämnestra überhaupt in eine Situation kommen konnte, die katastrophale Folgen für ihre Kinder hatte.

Agamemnon kehrt nach langen Jahren auf dem Schlachtfeld nach Hause zurück. Er spielt mit seinen Kindern Elektra, Orest und Chrysostemis in der Badewanne. Elektra und Orest spielen Krieg, die eher kleinmütige Chrysostemis behält lieber ihren Schwimmgürtel um.
Klytämnestra hat nicht nur viele Jahre ohne Mann leben müssen, sie hat auch ihre Tochter Iphigenie verloren, die Agamemnon den Göttern gegen Wind für seine Kriegsschiffe geopfert hatte. Kein Wunder also, daß sie sich einen anderen Mann nahm, als die Gelegenheit sich bot, der bei der Rückkehr Agamemnons seinen Platz nicht räumen wollte. Klytämnestra kommt zu der spielenden Vater-Kinder-Gruppe, wirft ein Netz über Agamemnon und zerrt Chrysostemis und Orest weg, während Aegisth, ihr zweiter Mann, den Vorgänger mit der Axt erschlägt. Die kleine Elektra, noch immer in der Wanne, muss zusehen, wie ihr Vater unter den Axtschägen Aegisths stirbt. In ihre gellenden Schreie setzen die Anfangstakte von Richard Strauss Elektra ein.

Die Spiegelwand öffnet sich, sie bildet nun die Seitenkulissen, eine grosse Digitaluhr-Anzeige bildet die Bühnenrückseite. Man befindet sich in einem bürgerlichen Wohnzimmer. Weisse Ledercouch und Sessel. Und die Terrakotta-Wanne mit dem toten Agamemnon. Für Elektra, traumatisiert von dem als Kind Erlebten, ist der tote Vater in der Wanne stets gegenwärtig. Sie zieht die Wanne bei vielen Gelegenheiten in den Mittelpunkt, nachdem ihn die Mägde oder die Schwester in die Ecke schoben. Ihr Leben dient einem Zweck – der Rache an der Mutter und deren Liebhaber. Die Leuchtanzeige der Uhr setzt bei etwa 1:20 ein und läuft rückwärts. Man ahnt schon, daß es bei 0:00 knallen wird.

Als Orest, Absolvent einer Eliteanstalt zur Errichtung einer neuen Gesellschaftsordung, zu der Familie zurückkehrt, muss er die Rache an Klytämestra vollziehen. Er sträubt sich. Nach der Tat entpuppt er sich jedoch nicht als Retter der Schwestern und des terrorisierten Hofstaates, sondern als Anführer einer neuen Macht; alle Zeugen seiner Tat lässt er im Schutz eines Feuerwerks vernichten, das den Anbruch einer besseren Zeit eröffnen sollte – Elektra, Chrysostemis, die Mägde, den Hofstaat, alle. Mit Einsatz des neuen Regimes beginnt auch die Uhr wieder zu laufen, dieses Mal vorwärts und rasend schnell. Elektras Hingabe an den Zweck ihres Daseins war also sinnlos.

Natürlich steht Elektra im Mittelpunkt, ihre Traumatisierung, aber auch ihre ohnmächtige Sehnsucht nach etwas Anderem, für das ihre Bestimmung ihr keinen Raum lässt. Im Umgang mit Chrysostemis blitzt diese Sehnsucht auf, aber auch mit Klytämnestra und vor allem mit Orest. Peter Konwitschny hat Tragödie stringent, an der Musik entlang und mit ihr atmend inszeniert. Grosses Theater, das sich da ereignete in Leipzig, auch wenn es sich um die Re-Inszenierung einer bereits in Kopenhagen und Stuttgart gezeigten Produktion handelt.

Grosses Theater nenne ich es deswegen, weil Musik und Regiearbeit kongenial zusammenpassten. Ich habe ja nun auch schon einige Produktionen in Leipzig gesehen, das Gewandhausorchester allerdings noch nie so mitreissend, keine Zweifel aufkommen lassend, unter die Haut gehend spielen hören. Eine Sensation war der Mann mit der gefühlvollen Hand an der Pauke, um nur eine herausragende Leistung zu nennen. Spiritus rector dieser berauschenden Darbietung war Ulf Schirmer, Generalmusikdirektor der Leipziger Oper. Trotz beachtlicher Lautstärke (das Orchester spielte als Hundertschaft) waren die dynamischen Verhältnisse abgestimmt genug, die Sänger über das Orchester zu lassen und sie nicht zum Geschrei zu verleiten, was man gar nicht hoch genug schätzen kann.

Leipzig hatte eine auf allen Positionen glänzende Besetzung vorzuweisen:
Elektra Janice Baird | Chrysothemis Gun-Brit Barkmin | Klytämnestra Doris Soffel | Orest Tuomas Pursio | Aegisth Viktor Sawaley | Pfleger des Orest Roman Astakhov | Die Vertraute Olena Tokar | Die Schleppträgerin Ines Reintzsch | Junger Diener Keith Boldt | Alter Diener Bernd Zettisch| Aufseherin Ulrike Helzel
Die sechs Mägde waren aus dem hauseigenen Ensemble vorzüglich besetzt.

Großer Beifall des Premierenpublikums. Zwei Buhschreier machte ich aus, einen rechts neben mir und einen direkt hinter mir. Ich nehme an, die hatten ihre Gründe für ihr Geblöke. Der rechts neben mir klatschte noch immer, als ich schon auf dem Weg zur Premierenfeier war, wo ich auch Frau Schabracke wieder traf. Das aber nur am Rande.

Weitere Aufführungen


Foto: Oper Leipzig

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