Skip to content

Konzertant: Evgenij Onegin

April 13, 2011

Ich erwartete nichts weniger als ein Ereignis, wenn Mariss Jansons zu einem seiner raren Operndirigate entschliesst. Für die Wahl von Tschaikowskys Eugen Onegin wird es Gründe gegeben haben, die sich aus der künstlerischen *Herkunft* Jansons selbst ohne nähere Erklärung erschließen. Ehe es an der Nederlandse Opera in Amsterdam mit Jansons weiterem Orchester, dem Concertgebouworkest, zu einer szenischen Wiedergabe in der Regie von Stefan Herheim kommt, gibt es konzertante Aufführungen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und seinem Weltklasse-Chor im Münchner Herkulessaal und bei dem Luzerner Opernfestival. Natürlich liess ich mir das Ereignis nicht entgehen, schon alleine um des Vergleiches willen mit der szenischen Umsetzung im Juni in Amsterdam.

Mir brachte bereits die Ouvertüre eine Gänsehaut, deren Anfangstakte tiefe Melancholie vermittelten. Die perfekte Abstimmung der Stimmen des einleitenden lebhaften Parlandos der beiden Mädchen (Tatjana und Olga sangen ausserhalb der Bühne) und der erwachsenen Frauen Larina und Filipjewna ließ bereits erahnen, daß die Wahl der Solistinnen ein Glücksgriff war. Die souverän in sich ruhende Filipjewna (Nina Romanova) hat es mir sofort angetan. Glänzend Stefania Toczyska als Larina, die im ersten Akt noch vom Blatt sang, was ich etwas störend fand. Ich fand sie beim Nachhören am Radio noch besser als im Konzertsaal, wo sie etwas angestrengt klang. Ich glaube aber eher, daß mich der visuelle Eindruck in die Irre führte; sie wirkte so konzentriert. Mal keine orgelnde Olga gab Marina Prudenskaja, die ich zum ersten Mal überhaupt hörte. Eine Offenbarung war für mich Veronika Dschiojewa als Tatjana, deren mädchenhaft schwärmerische Briefszene mich rührte, die so organisch strömte, als sei sie ihr selbst in dem Moment eingefallen.

Marius Brenciu hörte ich bereits 2008 und auch 2009 als Lenski. Seine Stimme gefällt mir heute nicht weniger als damals, allerdings auch nicht mehr. Auffällig war sein Drang sein Drang zum Mikro. Die Titelrolle sang Bo Skovhus, zunächst zurückhaltend und bemüht, dann aber mächtig aufdrehend. Ich würde ihn gerne am zweiten Konzertabend nochmals hören.

Sensationell empfand ich die Bassarie des Gremin, interpretiert von Mikhail Petrenko. Ich dachte zuerst, der junge Sänger sei mir noch nie über meinen Opernweg gelaufen, habe mich dann aber erinnert, ihn letztes Jahr in Salzburg im Roméo schon erlebt zu haben.

Monsieur Triquet vom Dienst scheint Guy de Mey zu sein, der ebenso brillant sang wie Benedikt Göbel (Hauptmann) und Carsten Wittmoser (Saretzki).

Stolz und Freude über das aussergewöhnliche Gelingen des Konzertes traten beim orkanartigen Schlussapplaus nicht nur bei den Solisten, sondern bei Chor und Orchester gleichermaßen zutage, deren Arbeit Rahmen und Herz des gesamten Abends bildeten. Mariss Jansons schien erschöpft und hielt sich im Hintergrund.

Orchestral war der Abend eine Offenbarung in der Weise, wie die aneinandergereihten Szenen unterschiedlich ausgeleuchtet und coloriert, wie sie rhythmisch und dynamisch gestaltet wurden. Hervorheben möchte ich gerne den sensationellen „sehnsüchtigen“ Klang der Streicher. Während der festliche Walzer und die Gesänge der Landleute die große Melancholie und die sich abzeichnenden dramatischen Ereignisse verstärkten, wirkte die rhythmische Polonäse, die das Vergangene reflektiert und eine Zäsur darstellt, fast beängstigend auf mich. Der inspirierte BR-Chor begeisterte nach dem berückend einsetzenden Eingangslied der Landleute einmal mehr in seinen unterschiedlichen Formationen mit Homogenität und Klangkultur.

Ich würde nicht sagen, daß die Opernbühne als szenische Aktionsfläche bei dieser konzertanten Aufführung überflüssig war. Man verzichtete allerdings keineswegs auf szenische Aktionen. So wendeten sich die Akteure sich gegenseitig zu und agierten auch sinngemäß und emotional. Die musikalische Durchdringung der lyrischen Szenen war jedoch so gelungen, so daß die Dramen sich spürbar vermittelten, mithin das fehlende Theater verschmerzbar war.

Als ich mir überlegte, wie ich den Abend mit einem Wort charakterisieren konnte (im 140-Zeichen-Zeitalter), fiel mir „sinnlich“ ein, nicht zu verwechseln mit „sinnenfroh“. Daß es sich um eine äusserst ernste, ja tragische Angelegenheit handelte, entnahm ich Mariss Jansons konsequentem Unterbinden von aufkommenden Applaus zwischen den Szenen. Sehr lobenswert und sinnvoll!

Dank einer Neuerung beim BR darf sich die hocherfreute BR-Kundschaft die nächsten sieben Tage an einer Aufzeichnung des Konzertes delektieren. Chor und Orchester des BR on demand.


Die Besetzung:

# Stefania Toczyska, Mezzosopran – Larina
# Veronika Dschiojewa, Sopran – Tatjana
# Marina Prudenskaja, Mezzosopran – Olga
# Nina Romanova, Mezzosopran – Filipjewna
# Bo Skovhus, Bariton – Onegin
# Marius Brenciu, Tenor – Lenski
# Mikhail Petrenko, Bass – Gremin
# Benedikt Göbel, Bass – Hauptmann
# Carsten Wittmoser, Bariton – Saretzki
# Guy de Mey, Tenor – Triquet

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Chor des Bayerischen Rundfunks
Leitung: Mariss Jansons

No comments yet

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: